Donnerstag, 28.07.2022
Zukunftsmärkte
Polysecure

Die Revolution des Recycling

Die Wiederverwertung von Wertstoffen ist wichtiger denn je, aber auf halbem Weg steckengeblieben. Dem Freiburger Unternehmen Polysecure ist ein technologischer Durchbruch gelungen, der Kunststoff präzise sortierbar macht. Und Produktfälschungen praktisch unmöglich macht.

Wiederverwertung von Wertstoffen wird immer wichtiger: dem Freiburger Unternehmen Polysecure ist ein technologischer Durchbruch gelungen

Bild: Shutterstock

Auf dem ehemaligen Fabrikgelände im Freiburger Süden drängen sich Baucontainer an Baucontainer. Im einen beugen sich Menschen in weißen Kittel über Messgeräte. In einem anderen ist ein Labor mit Chemikalien zu sehen. An den Türen hängen einfache Zettel mit der Aufschrift „Polysecure“. „Es wird Zeit, dass der Neubau kommt und wir umziehen können“, sagt Gründer Jochen Moesslein und macht eine Handbewegung, mit der er am liebsten sein Unternehmen zusammenpacken und aus dem Provisorium befreien will.

Denn Polysecure platzt aus allen Nähten. Die angemieteten Hallen sind längt zu klein für das rasant wachsende Unternehmen. Drei Millionen Euro Umsatz werden es in diesem Jahr sein. Hinzu kommt eine Million Euro Fördergeld des Bundesforschungsministeriums. Vor drei Jahren betrug der Umsatz noch 900.000 Euro. Polysecure hat also deutlich an Fahrt aufgenommen.

Es zeigen sich die Früchte einer langwierigen Entwicklungsarbeit, die bereits 2011 begonnen hat. Physiker Moesslein hat dabei zusammen mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Moleküle geschaffen und so verfeinert, dass sie jedem Gegenstand ein unverwechselbares Merkmal verleihen. Das wird über einen Laser sichtbar: Eine eigens entwickelte Kamera kann die dann fluoreszierenden Partikel erfassen und so genau erkennen, welcher Kunststoff entsprechend markiert wurde.

Für die Hersteller von Behälter, Folien, oder Formteilen ist der Zusatzaufwand überschaubar. „Es reichen 20 Gramm je Tonne Grundmaterial“, erklärt der Firmenchef. Das KIT ist am Erfolg der Firma beteiligt und hat somit großes Interesse, dass die Technologie sich in vielen Anwendungsfeldern durchsetzt. „Man sieht hier, dass es durchaus spannende Kooperationsmodelle mit der Wissenschaft möglich sind“, betont Moesslein.

Präzise Trennung nach Beschaffenheit und Herkunft

Eine leuchtend orange lackierte Sortieranlage demonstriert die Praxis: Sie kann mit den Molekülen markierte Plastikdeckel genau identifizieren und nach Beschaffenheit und Herkunft trennen. Das gelingt, selbst wenn die Teile auf den ersten Blick identisch sind. Hier wären klassische Anlagen überfordert. Doch in der Lebensmittelindustrie können beispielsweise nur Kunststoffe wiederverwendet werden, die zuvor nicht für andere Zwecke im Einsatz waren.

Wie in einem Briefzentrum die Postleitzahl verraten die leuchtenden Partikel der Sortiermaschine entscheidende Details über die genauen Eigenschaften des Deckels. Ein Kosmetikhersteller verwendet diese Technologie bereits für das interne Recycling. „Zuvor waren sieben Prozent der Produktion Ausschuss. Jetzt können die Plastikteile präzise sortiert und wiederverwendet werden. Kostenpunkt zwischen zwei und drei Prozent“; erklärt Moesslein. So gewinnen Hersteller und Umwelt.

Großes Interesse

Aber auch Produzenten und Zulieferer von komplexen Produkten wie beispielsweise Autos sind an dieser Technologie sehr interessiert. Denn auch sie wollen künftig teure Teile und Materialien zurückgewinnen. Dazu müssen sie aber klar identifizierbar sein. Das kleine Freiburger Unternehmen mischt deshalb mit den Konzernen mit, wenn es darum geht, Autoteile recyclebar zu machen.

Für Moesslein ist ohnehin klar, dass die Kreislaufwirtschaft gänzlich neu aufgestellt werden muss – und zwar schnell. „Die EU schreibt für das Jahr 2025 vor, dass 50 Prozent des Abfalls recycelt werden muss. Das ist in drei Jahren und heute sind wir erst bei 20 Prozent.“ Mit der aktuellen Sortiertechnik seien maximal 38 Prozent erreichbar. Über einen wachsenden Markt braucht man sich in Freiburg also keine Gedanken zu machen.

Das sehen auch die namhaften Partner von Polysecure so. Mit dem kleinen Freiburger Mittelständler kooperieren der Optikkonzern Zeiss, der Chemieriese Evonik, der Kunststoffverarbeiter Röchlin und der Anlagenhersteller Zeppelin aus Friedrichshafen. Inzwischen muss Moesslein sogar kooperationswillige Interessenten abweisen. Im Beirat von Polysecure sitzen unter anderem der Chef des Dualen Systems, Michael Wiener, der frühere Stuttgarter Umweltminister Franz Untersteller und Andreas Bruckschen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft. „Zu den Investoren gehört eine wohlhabende Familie aus Baden-Württemberg, die uns die Zeit gelassen hat, das Produkt sorgfältig zu entwickeln“, so Moesslein, der selbst noch 20 Prozent am Unternehmen hält.

Produktion ohne Abfall

Derzeit beschäftigt das Unternehmen rund 30 Mitarbeiter und hat trotz des schnellen Wachstums keine Mühe, neues Personal zu finden. „Das Thema schafft Leidenschaft und hohe Identifikation mit dem Betrieb“, sagte Moesslein sichtlich stolz. Zwei Tage benötigt die Fertigung, um aus verschiedenen Grundmaterialien in Öfen Basiskristalle zu backen die dann zu microfeinem Pulver weiter verfeinert werden. Typisch für die Öko-Stadt Freiburg: Das Unternehmen produziert ohne Abfall, so Moesslein, und zeigt auf eine kleine Bohnenplantage: „Unsere Rückstände eignen sich als Dünger und das Wasser geht sauber ins Stadtnetz zurück.“

Unsichtbarer Fälschungsschutz

Die Anwendung der lichtempfindlichen Partikel geht weit über die Kreislaufwirtschaft hinaus. In der Autoindustrie dürfen für die Elektromobilität nur bestimmte Kühlmittel eingesetzt werden. Die Marker von Polysecure stellen sicher, dass nicht die falsche Flüssigkeit befüllt wird, die zu einem verhängnisvollen Kurzschluss führen kann. Der Dekorfolienhersteller Renolit nutzt die Markierung durch die für das bloße Auge unsichtbaren Moleküle, um seine Produkte als Original identifizierbar zu machen.
Auch der Brillenkonzern Luxottica prägt die Gestelle der Marke Ray-Ban mit den Markern, um sich so vor Produktfälschern zu schützen. „Das ist gerade in Asien von Bedeutung, wo gerne Massenware kopiert wird“, betont Moesslein, dessen Unternehmen inzwischen mehr als 20 Patente gesichert hat. Selbst in China ist die Technologie inzwischen geschützt.

Mit dem Nachweis der Produktbeschaffenheit können Hersteller auch sicherstellen, dass gegen sie keine falschen Gewährleistungsansprüche gestellt werden, weil tatsächlich eine Fälschung verwendet wurde. „Am Bau ist zudem einfach zu prüfen, ob auch die richtigen Materialien benutzt wurden, was beispielsweise beim Brandschutz eine große Rolle spielen kann“, so Moesslein. Zur Erkennung reicht vor Ort ein einfaches Gerät in der Größe einer Zigarettenschachtel aus. Es ist auf das jeweilige Partikelmuster programmiert und kann schnell bestätigen, ob die Ware echt ist oder nicht.

Selbst einzelne Produkte sind identifizierbar

Die angeleuchteten Partikel sehen unter dem Mikroskop wie ein grün leichtender Sternenhimmel aus. Und wie das Vorbild aus dem Weltraum ist jedes Segment einzigartig. Diese Eigenschaft nutzt Polysecure, um sogar Einzelstücke bestimmen und später genau zuordenbar zu machen. Das ist beispielsweise für die Pharmaindustrie interessant, wenn Medikamente für die Patienten individuell zugeschnitten werden. So bauen die Freiburger bereits eine Datenbank auf, in er die einzelnen „Sternenhimmelcodes“ hinterlegt sind. „Wir können Milliarden Codes erstellen und verkaufen“, unterstreicht Moesslein und fügt lachend hinzu: „Ich bin eben ein Erfinder mit großer Affinität zum Vertrieb.“

auk

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