Dienstag, 30.09.2014
Zukunftsmärkte
Stetig Richtung Osten

Die Wachstumsmärkte der Mittelständler

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Fokus unternehmerischen Wachstums im Ausland konstant weiterentwickelt. Welche Verschiebungen für die kommenden Jahre zu erwarten sind.


„BRICS“, „MIST“, „Next 11“ – geht es um einen möglichst einprägsamen Namen für die weltweiten Wachstumsmärkte so jagt ein Kunstbegriff den nächsten. Doch als Goldman Sachs-Ökonom Jim O’Neill im Jahr 2001 mit BRIC den Anfang machte, hatten die deutschen Mittelständler ihre Wachstumsmärkte jenseits des Heimatmarkts längst gefunden. Ein Rückblick auf die letzten und Ausblick auf die nächsten 20 Jahre.

Osteuropa als verlängerte Werkbank

Prag

Tschechien (im Bild Prag) war Anfang der 1990er-Jahre die verlängerte Werkbank für viele westdeutsche Mittelständler.

1990-1997: Anfang der Neunzigerjahre konzentrierten sich westdeutsche Unternehmen vorwiegend auf die neuen Märkte im eigenen Land – sprich: die neuen Bundesländer – und bemühten sich, innerdeutsches Wachstum zu generieren. . „Nachdem sich deutsche Unternehmen nach der Wiedervereinigung vorwiegend auf innerdeutsches Wachstum konzentriert hatten, folgte in den Jahren danach über neue Kontakte die Expansion nach Tschechien, Ungarn oder Polen“, weiß Jochen H. Ihler, Bereichsvorstand Mittelstandsbank der Commerzbank. Osteuropa wurde zur ersten verlängerten Werkbank der deutschen Mittelständler.

In Richtung China orientierte sich Mitte der Neunzigerjahre lediglich der große Mittelstand. „Diese erkannten, dass ein schmales, spezialisiertes Nischenprogramm weltweiten Vertrieb erfordert“, sagt Helmut Haussmann, Direktor des Steinbeis-Transfer-Instituts für Unternehmensführung und Internationalisierung in Nürnberg. Zu dieser Zeit herrschte in Deutschland bzw. Europa noch eine teilweise sehr anti-chinesische Stimmung.

Wachstumsmärkte: China rückt in den Mittelpunkt

Shenzhen

Shenzhen im Perlflussdelta: Ein beliebtes Ziel für Expansionen nach China.

1997-2005: Mit der Rückübertragung Hongkongs an China im Jahr 1997 erfolgte die Rückkehr der Volksrepublik auf die internationale Bühne. Das war der Startschuss für viele Mittelständler, China als den Wachstumsmarkt Nummer eins zu betrachten. „Ende der Neunzigerjahre sagte plötzlich jeder, du musst nach China“, erinnert sich Helmut Haussmann. „Und das, obwohl zu dieser Zeit die Ökonomen nicht dachten, dass zweistellige Wachstumsraten möglich wären“, ergänzt Volker Müller, der seit Ende der Achtzigerjahre mit einer kurzen Unterbrechung in China lebt und arbeitet und heute beim chinesischen Medizintechnik-Unternehmen Aeonmed für den Export verantwortlich ist.

Neben China waren zu dieser Zeit vor allem noch Brasilien und Indien die neuen Märkte für den Mittelstand. „In Indien allerdings primär Pioniere, die das Land liebten“, schränkt Hochschulprofessor Haussmann ein, „und Brasilien war das Land der Zukunft, das aber bis heute nicht in der Gegenwart angekommen ist.“

Von BRIC bleibt nur mehr das C

Mexiko

Für viele Mittelständler ist Mexiko mittlerweile die Brasilien-Alternative Nummer eins.

2005-2014: Mittelständler suchten Anfang der 2000er-Jahre abseits von China noch weitere Wachstumsmärkte, auf denen deutsche Qualität „Made in Germany“ gefragt ist. Für immer mehr Unternehmen stellte sich Anfang des Jahrtausends Brasilien als der kommende Boom-Markt dar. Hohe Wachstumsraten, eine konsumfreudige Mittelschicht und ein großer Binnenmarkt deuteten auf eine ähnliche Bedeutung Brasiliens wie jene von China hin. Doch Brasilien kämpft spätestens seit der Finanzkrise mit hohen Kosten für Arbeit, Kapital oder Strom sowie einer ineffizienten Verwaltung. Darunter leidet die Wettbewerbsfähigkeit. In Sachen Freihandel betreibt das Land gemeinsam mit Argentinien eine eher protektionistische Politik. Mittelständler suchten und fanden in den vergangenen Jahren mit Mexiko eine Alternative in der Region, die vor allem durch den Freihandel (NAFTA, EU, Pazifik-Anrainerstaaten) Mittelständlern, die in Lateinamerika eine Fertigung aufbauen möchten, viele Optionen ermöglicht.

Ähnlich wie Brasilien erging es auch Indien, das lange Zeit als „zweites China“ gehandelt wurde, seit Beginn dieser Dekade allerdings wirtschaftlich immer stärker hinterherhinkt.  Vor allem die Bürokratie lähmt das Land ungemein und macht wirtschaftliche Erfolge nahezu unplanbar. Mittelständler wichen daher in den vergangenen zwei Jahren vermehrt auf andere Länder in der Region, etwa nach Thailand oder Indonesien aus.

ASEAN-Staaten im Kommen

HSBC Trade Forecast

Die Zukunft: Berechnungen der Großbank HSBC zufolge wird sich bis 2030 wird der weltweite Warenhandel mehr als verdreifachen. „Der Trend zur wirtschaftlichen Globalisierung wird auch in den kommenden Jahren nahezu ungebremst anhalten – trotz der aktuellen politischen Unsicherheiten und kurzfristig schwankender Wachstumsraten“, sagt Martin Vetter-Diez, Leiter des Bereichs Global Trade and Receivable Finance bei HSBC in Deutschland.

Schenkt man den Prognosen der Experten Glauben, so wird es an der Spitze der weltweit wichtigsten Exportländer für die deutsche Wirtschaft in den kommenden 15 Jahren zu keinen allzu großen Verschiebungen kommen (siehe Grafik links). Einzig der Aufstieg Chinas wird weitergehen. In ihrem jüngsten Trade Forecast geht die Großbank davon aus, dass China von Platz 4 im Jahr 2013 kommend bis 2030 Frankreich als Zielland mit den meisten Exporten überholt haben wird. Der Anteil der Volksrepublik am weltweiten Handel wird von derzeit 18 Prozent auf 29 Prozent steigen. Gleichzeitig zeigt diese Prognose aber auch, dass westliche Industrienationen und hier vor allem europäische Länder wie Frankreich oder das Vereinigte Königreich auch weiterhin zu den wichtigsten Märkten der deutschen Unternehmen zählen werden.

Abseits von China wird in Südostasien vor allem den ASEAN-Staaten Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam in den kommenden Jahren besondere Bedeutung für unternehmerisches Wachstum deutscher Mittelständler im Ausland beigemessen. Nach Vietnam soll den Erwartungen der HSBC zufolge das Exportwachstum in den kommenden zwei Jahren am größten sein (siehe Grafik rechts). Danach wird es sich zwar wieder verringern, aber bis 2030 immer noch bedeutend sein. Auch nach Malaysia sollen bis dahin die Ausfuhren deutlich zunehmen. Thailand und Indonesien bieten zudem riesige Binnenmärkte, die es zu bedienen gilt. Die ASEAN Economic Community, die 2015 an den Start gehen soll, soll freien Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr schaffen, wie wir es aus der EU kennen.

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