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Kooperative Wirtschaft: Warum Genossenschaften die Zukunft der deutschen Wirtschaft prägen

| Johanna Kühner und Matti Pannenbäcker | Lesezeit: 5 Min.

Genossenschaften werden digital, mobilisieren Communities und stärken Mittelstand, Energie, Arbeit und Daseinsvorsorge – kooperativ statt konkurrierend.

Mehrere Personen diskutieren am PC
Digitalisierte Genossenschaften schaffen neue Formen der Zusammenarbeit – vom Energieprojekt bis zur Worker Coop – und stärken so Mittelstand und Regionen. (Foto: shutterstock)

von Johanna Kühner und Matti Pannenbäcker

 

Zukunft. Junge Menschen. Digitalisierung. Zusammenhalt. Machen statt meckern. Krisenbewältigung. Haben Sie auch direkt an Genossenschaften gedacht? Zugegeben, es sind nicht die üblichen Assoziationen mit der 175 Jahre alten Rechtsform. Am 8. November 2025 im Millerntor-Stadion auf St. Pauli waren sie es schon. Was ist passiert? 

Rund fünf Jahre zuvor taten sich Gründerinnen, Vorstände und Aufsichtsräte von Genossenschaften zusammen mit der Überzeugung: Genossenschaften bieten eine passende Rechtsgrundlage, um gemeinsam mehr zu erreichen als allein. Das Ziel: Genossenschaften ins digitale Zeitalter zu bringen. Die Initiative #GenoDigital war geboren. Denn wir organisieren unseren Alltag zunehmend digital, eröffnen Bankkonten via Smartphone und Online-Meetings sind nicht mehr wegzudenken. Braucht es für den Beitritt zu einer Genossenschaft braucht es Drucker, Stift, Papier, Briefumschlag und den Weg zur Post? Nicht mehr. 

Seit 2025 sind Genossenschaften durch die politische Arbeit der Initiative #GenoDigital und das Zusammenwirken ungewöhnlicher Allianzen die digitalste Rechtsform in Deutschland. Sie können digital gegründet und verwaltet werden sowie digital Mitglieder aufnehmen. Ein wichtiger Meilenstein im internationalen Jahr der Genossenschaften, das die Vereinten Nationen unter dem Motto „Genossenschaften gestalten eine bessere Welt“ ausriefen. Doch wie genau tun sie das und warum? 

Unternehmen stehen heute vor vielfältigen Herausforderungen: Nachfolge, Fachkräftemangel, globaler Wettbewerbsdruck und die digitale Transformation. Viele suchen nach Wegen, um sich klar zu positionieren, Talente zu binden und ihren Unternehmenszweck glaubwürdig zu verankern. Genossenschaften können dafür einen zeitgemäßen Rahmen bieten. Sie schaffen Verlässlichkeit, Mitbestimmung und eine starke Bindung zwischen Unternehmen, Mitarbeitenden, Kunden und Kundinnen. Gleichzeitig eröffnen sie neue Formen der Zusammenarbeit über Branchen und Regionen hinweg. 

Das bringt uns zurück ins Millerntor-Stadion. Dort wurde beim ersten Coop-Fest in Kooperation mit der Football Cooperative St. Pauli, Green Planet Energy, den Volksbanken Raiffeisenbanken und 30 weiteren innovativen Genossenschaften sichtbar, dass die kooperative Wirtschaft bereits gelebte Praxis ist. Mehr als 450 Menschen, Fußballfans, Geschäftsführerinnen und Vorstandsmitglieder, trafen sich, um die Vielfalt von Genossenschaften zu erleben. 

Genossenschaften springen gerade auf dem Land ein, wo Markt und Staat Leerstellen in der Daseinsvorsorge hinterlassen.

Johanna Kühner und Matti Pannenbäcker

Garant der Grundversorgung

In diese Vielfalt möchten wir einen Einblick geben und legen los mit Beispielen, die unseren Alltag konkret berühren: Wohnen, Energie, Daseinsvorsorge. 

  • Bezahlbares Wohnen: Mehr als 2000 Wohnungsbaugenossenschaften schaffen bezahlbaren Wohnraum mit zwei Millionen Wohnungen und gestalten lebenswerte Nachbarschaften. Statt kurzfristiger Renditen stehen stabile Mieten im Vordergrund. So wird Wohnen zum Gemeinschaftsprojekt. 
  • Saubere Energie: Die mehr als 1000 Energiegenossenschaften in Deutschland sind Vorreiter der Energiewende. Durch ihre regionale Verankerung und die direkte Förderung und Einbindung der Menschen vor Ort stärken sie die Akzeptanz und befähigen Bürger und Bürgerinnen, in erneuerbare Energie zu investieren und davon zu profitieren. 
  • Lebendige ländliche Regionen: Im ländlichen Raum entstehen genossenschaftliche Modelle gegen Abwanderung und Fachkräftemangel. Coworkland betreibt ein wachsendes Netzwerk von Coworking-Spaces auf dem Land, die Bürgergenossenschaft Brekendorf organisiert Nahversorgung und Kultur vor Ort und Honmed unterstützt medizinische Einrichtungen bei der Besetzung ärztlicher Dienste. Genossenschaften springen gerade auf dem Land ein, wo Markt und Staat Leerstellen in der Daseinsvorsorge hinterlassen. 

Arbeit und Digitales

Auch in unserer Arbeitswelt spielen Genossenschaften eine zunehmend relevante Rolle. Das zeigen Worker Coops, digitale Plattformgenossenschaften sowie Geschäftsmodelle, die Unabhängigkeit durch die Teilhabe von Kunden und Kundinnen stärken. 

Als Team gleichberechtigt gründen und führen: Immer mehr Gründerinnen und Unternehmer stellen sich die Frage nach Organisationsformen, die Menschen motivieren und beteiligen. Sogenannte Worker Coops wie die Kommunikationsagentur Village One oder das Radlogistikunternehmen Tricargo zeigen, dass Mitbestimmung und faire Gewinnverteilung Talente anziehen und den Zusammenhalt im Team stärken. 

Digitale Plattformen demokratisch betreiben: Die Macht der meist US-Plattformen dehnt sich weiter aus und es scheint kaum Alternativen zu geben. Doch warum nehmen wir unsere Plattformen, Daten und Algorithmen nicht selbst in die Hand? Plattformgenossenschaften wie Future Maps für das einfache Finden nachhaltiger Orte, die Smart Genossenschaft für die soziale Absicherung von Selbstständigen und Wechange für datensichere Tools entwickeln digitale Infrastrukturen in den Händen der Nutzenden statt weniger Investoren. Als Multi-Stakeholder-Genossenschaft vereint die KI-Allianz Baden-Württemberg Unternehmen, Forschung und die öffentliche Hand, um künstliche Intelligenz gemeinsam effizient zu nutzen – für mehr digitale Souveränität. 

Die Community beteiligen: Durch Genossenschaften werden Kundinnen, Fans oder Bürger Teil des Unternehmens. Eine Kundenbindung, die nicht nur stark, sondern auch glaubwürdig ist und echte Teilhabe ermöglicht. Ob Fußball, Journalismus oder Stadtentwicklung: Beispiele wie die Football Cooperative St. Pauli, das Online-Magazin Krautreporter oder der Co-Working-Space Neues Amt Altona zeigen, wie Konsumenten und Konsumentinnen ihre Unternehmen mitgestalten, finanzieren und unterstützen. Das stärkt die Unabhängigkeit und Resilienz. 

Chancen im Mittelstand

Gerade für den Mittelstand bergen Genossenschaften Potenzial, um im globalen Wettbewerb zu bestehen – besonders für die Unternehmensnachfolge und Kooperation untereinander. 

Mitarbeitende als Nachfolger: Hunderttausende mittelständische Betriebe stehen in den nächsten Jahren vor der Frage, wie und an wen sie ihr Unternehmen übergeben. Eine Möglichkeit ist die Übernahme durch die eigenen Mitarbeitenden (Workers’ Buyout). Fachwissen und Arbeitsplätze bleiben erhalten. Die Mitarbeitenden werden befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Die Bindung an das Unternehmen sowie die Motivation werden durch Wertschätzung gestärkt. Beispiele für Unternehmensnachfolgen durch die Belegschaft sind die Software-Mittelständler Iteratec und Oose, die Handwerksbäckerei Bäckerslüüd oder Roterfaden, eine Manufaktur für individuelle Ordnungssysteme. 

Kooperation stärken: Genossenschaften haben im Mittelstand eine lange Tradition und ermöglichen, was allein kaum zu stemmen ist: den Aufbau gemeinsamer Plattformen, das Bündeln von Einkaufskraft, geteilte Forschung und kollektive Datennutzung, etwa um Innovationskraft unabhängig von großen US-Konzernen sicherzustellen. Derweil zeigt Euro Plant Tray mit ihrem europäischen Mehrwegsystem für Pflanzentrays, wie genossenschaftlich organisierte Kooperationen neue Branchenstandards setzen. 

Seit diesem Jahr sind Genossenschaften die digitalste Rechtsform in Deutschland. Die Vereinten Nationen haben für 2025 das internationale Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Der FC St. Pauli gründet die erste Genossenschaft im deutschen Profifußball, gewinnt binnen weniger Monate 21.000 Mitglieder, sammelt 28 Millionen Euro Genossenschaftsanteile ein und kauft das eigene Stadion. 

Die Zeit ist reif für kooperatives Wirtschaften, für einen Mittelstand, der sich durch Kooperation im globalen Wettbewerb stärkt, den gesellschaftlichen Nutzen in den Mittelpunkt rückt und sich resilient für die Zukunft aufstellt. Gemeinsam können wir das Potenzial der 22 Millionen Genossenschaftsmitglieder in Deutschland heben und aus den rund 7800 Genossenschaften noch viele mehr machen. 

Zukunft. Junge Menschen. Digitalisierung. Zusammenhalt. Machen statt meckern. Krisenbewältigung. Denken Sie dabei jetzt an Genossenschaften? 

Über #Genodigital

#GenoDigital arbeitet an einer Renaissance von Genossenschaften und damit an einer zukunftsfähigen, kooperativen Wirtschaft. Mit einem starken und lebendigen Netzwerk aus mehr als 1000 Genossenschaften und Verbänden stärkt die Initiative Genossenschaften durch politische Arbeit, Vernetzung und freies Wissen.  

 

 

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FAQ – Die wichtigsten Fragen zu Genossenschaften heute

Was macht Genossenschaften heute so relevant?
Sie verbinden wirtschaftliche Stabilität mit digitaler Organisation, echter Mitbestimmung und regionaler Wirkung – in einer Zeit, in der viele Unternehmen nach neuen, resilienten Modellen suchen.

Warum gelten Genossenschaften als Zukunftsmodell?
Weil sie Zusammenarbeit ermöglichen, wenn Markt und Staat an Grenzen stoßen – etwa bei Energie, Wohnen, Nahversorgung, Datensouveränität oder Unternehmensnachfolge.

Wie verändern digitale Prozesse Genossenschaften?
Beitritt, Verwaltung, Abstimmungen und Gründungen sind vollständig digital möglich. Das senkt Hürden und macht Genossenschaften konkurrenzfähig zu Start-ups und Plattformen.

Welche Rolle spielen sie im Mittelstand?
Sie schaffen Lösungen, die ein einzelnes Unternehmen nicht stemmen kann – gemeinsame Plattformen, Einkaufskraft, geteilte Forschung oder Belegschaftsübernahmen.

Welche Beispiele zeigen die neue kooperative Wirtschaft?
Future Maps, Smart, Wechange, Village One, Tricargo, Euro Plant Tray, Neues Amt Altona sowie Fußball-, Energie- und Bürgergenossenschaften.

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