Mittwoch, 18.10.2017

Foto: Syldavia/Thinkstock/GettyImages

Kräftemessen in Spanien: Am Ende könnten sowohl die Zentralregierung in Madrid als auch Katalonien die Verlierer sein.

Zukunftsmärkte
Mittelstand blickt mit Sorge auf Katalonien

„Diese Unsicherheit ist Gift für Investitionen“

Der deutsche Mittelstand sorgt sich um die Zukunft der abtrünnigen spanischen Region Katalonien. Selbst bei einer Abspaltung sollten sie aber nichts überstürzen, rät Albert Peters, Präsident des Kreises deutschsprachiger Führungskräfte in Barcelona, im Interview.

Gespannt schauen Europa und der deutsche Mittelstand auf Spanien. Kommt es zu einem Exodus deutscher Firmen? Peters erklärt im Interview, warum Unternehmen der abtrünnigen Region nicht einfach den Rücken kehren sollten. Neben seiner Funktion als Präsident arbeitet er als Wirtschaftsprüfer für die deutsche Kanzlei Rödl & Partner in Spanien.

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Foto: Peters

Albert Peters (l.) mit dem katalanischen Präsidenten Carles Puigdemont.

Herr Peters, wie ist die Stimmung bei deutschen Firmen in Katalonien?
Aktuell geht die Angst um: Deutsche Firmen sorgen sich sowohl um die Wirtschaft Kataloniens als auch um die Spaniens. Für den Fall, dass Katalonien einseitig ausschert, stellt sich die Frage, ob Spaniens Wirtschaftskraft erhalten bleibt. Schließlich ist Katalonien ein wichtiger Faktor für die Wirtschaft des ganzen Landes. Dazu kommt: Selbst wenn es zu einer Lösung mit Madrid kommt, stellt sich aus der Historie heraus die Frage, ob sich ein ähnliches Szenario nicht in zehn Jahren wiederholt. Deutsche Firmen haben aktuell drei Möglichkeiten: Sie investieren weiterhin in Spanien, sie investieren in einem anderen Bereich, oder sie verlassen das Land.

Wirken sich die Unruhen und die politische Unsicherheit denn schon auf deutsche Mittelständler aus?
Investitionsentscheidungen werden zurückgestellt oder überdacht. Viele Firmen warten jetzt ab, was passiert. Einige Unternehmen, die für die katalanische Wirtschaft sehr bedeutend sind, haben bereits den Rückzug aus der Region angetreten. Die Frage danach, ob diese Firmen je wieder zurückkehren, sorgt ebenfalls für Beunruhigung bei der deutschen Wirtschaft vor Ort. Viele haben noch die Situation in Kanada vor einigen Jahren vor Augen. Mit dem Weggang der Unternehmen aus der Provinz Québéc ging ein wirtschaftlicher Rückschritt einher.

Die spanische Regierung hat ein Dekret verabschiedet, das Unternehmen erlaubt, Firmensitze im Eilverfahren in andere Teile des Landes zu verlegen. Gilt das Dekret auch für deutsche Firmen?
Das Dekret gilt für alle Firmen, die bislang ihren Sitz in Spanien haben. Das heißt, eine Firma, die einen deutschen Gesellschafter hat, kann rein rechtlich trotzdem eine spanische Gesellschaft im Sinne des Gesetzes sein. Das Dekret der spanischen Regierung soll zudem vor allem eine Erleichterung für Firmen sein, die im Finanzsektor tätig sind. Diese müssen sicherstellen, dass andere Unternehmen weiterhin Zugang zum Europäischen System der Zentralbanken (ESZB) haben. Denn: Scheidet Katalonien aus der EU aus, hat es auch keinen direkten Zugang mehr zum Europäischen Wirtschaftssystem. Dann könnte man den Euro nur noch als Schattenwährung führen, wie das beispielsweise in Andorra der Fall ist. Wie wichtig aber genau dieser Zugang zum ESZB ist, hat sich während der Bankenkrise gezeigt, als nur durch das Eingreifen der EZB eine Rettung für das spanische Wirtschafts- und Bankensystem vor dem Zusammenbruch erreicht wurde. Dies wäre im Fall einer Abspaltung Kataloniens ausgeschlossen.

Hat die spanische Regierung mit diesem Dekret nicht bereits indirekt Tatsachen geschaffen?
Die spanische Regierung hat eine Politik der Nadelstiche verfolgt und mit einer Vielzahl von Maßnahmen Fakten geschaffen. Für den Fall, dass es tatsächlich zum Bruch mit Katalonien kommt, muss Madrid allerdings eben auch dafür Sorge tragen, dass Firmen im Land bleiben. Insofern hat Madrid das Mittel des geringsten Übels angewandt. Die Regierung stand vor der Entscheidung, Unternehmen entweder in Spanien anzusiedeln oder das Risiko einzugehen, sie ganz für das Land zu verlieren.

Sollte es zu einer Abspaltung Kataloniens kommen: Was sollten und können deutsche Firmen tun?
Wir hoffen natürlich immer noch auf eine Lösung, durch einen Dialog zwischen Spanien und Katalonien. In den vergangenen Tagen konnten wir beobachten, dass beide Seiten bereits anfangen, in ihren Formulierungen vorsichtiger zu werden. Deutschen Firmen kann man aktuell nur raten, die Situation genau zu beobachten, vorbereitet zu sein und schnell zu reagieren. Ich sage aber auch: Unternehmen haben Verantwortung gegenüber ihren Arbeitnehmern. Die Entscheidung zu treffen, einfach zu gehen, würde im Zweifelsfall vor allem den normalen Mitarbeiter treffen. Außerdem: Es gibt auch die andere Hälfte der katalanischen Bevölkerung. Und diese ist eben nicht für die Abspaltung. Die deutsche Wirtschaft sollte aufpassen, dass ihr später nicht nachgesagt wird: „Ihr bleibt in guten Zeiten, aber wenn es kriselt, dann geht ihr." Wir dürfen unsere Angestellten und Kunden nicht allein lassen mit den Problemen.

Könnte Katalonien für einen Flächenbrand innerhalb Europas sorgen?
Wenn die Welt, die Europäische Union und die UNO derartige Bewegungen unterstützen, dann müssen wir natürlich damit rechnen, dass das Beispiel Kataloniens Nachahmer finden wird. Der Brexit zeigt bereits jetzt, welche Schwierigkeiten mit einer Rückbesinnung auf Nationalismus, Separatismus und Protektionismus auf uns zukommen werden. Die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens stagnieren. Das ist Gift für Firmen, die investieren wollen. Hier muss Klarheit herrschen.

Steht die Europäische Union vor dem Aus?
Die Europäische Union muss lernen, sich an neue Situationen anzupassen. Man kann nicht an alten Strukturen festhalten, wenn sich die Welt um einen herum ändert. Volkswirtschaftlich gesehen ist Kleinstaaterei nicht sinnvoll. Der gemeinsame europäische Markt hat auch zu politischer Stabilität geführt. Wir hatten in Europa noch nie eine so lange Zeit des Friedens wie momentan. Das ist auch dem Umstand geschuldet, dass wir versuchen, über einen gemeinsamen Markt die wirtschaftlichen Differenzen zwischen einzelnen Staaten so gering wie möglich zu halten. Der wirtschaftliche Schaden eines „Katalxit“ lässt sich nicht genau beziffern. Aber: Er würde uns alle sehr weit zurückwerfen.

Und der Freihandel?
Ich glaube nicht, dass der Freihandel vor dem Aus steht, aber der Freihandel muss neu definiert werden. In den vergangenen 50 Jahren haben wir geglaubt, dass Europa neben Amerika die wichtigste Weltregion bildet. Wir müssen damit leben, dass nun auch der asiatische Markt mehr Einfluss gewinnt. Wenn wir über den Freihandel sprechen, müssen wir uns klar darüber sein, dass es nur klappt, wenn die Vereinigten Staaten, Europa und Asien miteinander kooperieren. Ein unerlässlicher Partner ist zudem Mexiko. Ohne Mexiko werden wir keinen Frieden und keinen Freihandel erreichen. Ob Südamerika dazu bereit ist, auf internationaler Ebene mitzuspielen, wird die Zukunft zeigen. In Kolumbien gibt es Anzeichen für eine positive Entwicklung, in Venezuela ist die Lage äußerst problematisch, und in Brasilien herrscht aktuell Krisenstimmung. Für Investitionen gleich in welchem Wirtschaftsraum braucht man stabile Grundlagen. Politisch, wirtschaftlich und sozial – das ist die Basis einer gesunden Volkswirtschaft.