Mittwoch, 18.05.2022
Zukunftsmärkte

Digitale Stromzähler: Viel gepriesen, aber nicht zu bekommen

Intelligente Stromzähler sparen Energie und Geld. Sie sind der Clou der Energiewende. Doch der Einbau kommt nicht voran. Für viele lohnt er sich nicht und diejenigen, die so ein Gerät haben wollen, erleben ihr blaues Wunder: Eigens geprüfte Monteure transportieren abgeschirmte Zähler nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten.
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Stromanbieter versprechen sich mit ihnen neue Geschäfte, Netzbetreiber eine stabilere Stromversorgung. Kunden hoffen auf mehr Transparenz und vor allem Ersparnisse –wichtig in Zeiten sehr hoher Energiekosten. Smart Meter heißen die intelligenten Stromzähler, die das bewirken sollen. Sie sind ein wesentlicher Teil der Energiewende. Doch so richtig wird das mit dem Sparen erst einmal nichts: Nicht jeder Haushalt bekommt solch ein Gerät. Und der Einbau hakt – wegen komplizierter Sicherheitsvorgaben, Lieferschwierigkeiten und weil Deutschland ziemlich spät gestartet ist.
Die neue Technik hat Vorteile für Unternehmen und Verbraucher. Sie sehen ihren Verbrauch im Idealfall sekundengenau. Firmen können zum Beispiel Computersysteme gezielt rechnen lassen, wenn der Strom günstig ist. Und wer ein E-Auto besitzt, kann es laden, wenn der Strom besonders günstig ist. Das kann nachts um ein Uhr sein oder Sonntagfrüh um acht. Für solche Tarife, die den Verbrauch zum Beispiel stündlich berechnen, benötigt der Stromanbieter die entsprechenden Daten. Die liefert ein Smart Meter, ein intelligentes Messsystem. Es besteht aus einem digitalen Zähler und einer Sende- und Empfangseinheit zum Auslesen des Stromverbrauchs und für Fernwartung.
Der Bedarf ist da: 40 Prozent der Deutschen wissen nicht, wie viel Strom sie jährlich verbrauchen, wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom im März ergab. 69 Prozent wünschen sich mehr Informationen über ihren Stromverbrauch. Und 57 Prozent können sich vorstellen, ein Smart Meter zu nutzen.

40 Prozent wissen nicht, was sie verbrauchen

Und dann ist da noch die Versorgungssicherheit. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien steigen die Anforderungen an die deutschen Stromnetze. Denn Wind- und Solaranlagen sind weniger berechenbar als herkömmliche Kraftwerke. Zudem speisen immer mehr Hausbesitzern, die über eine eigene Solaranlage auf dem Dach verfügen, Strom ins Netz ein. Der Netzbetreiber muss aber einen Überblick haben und gegebenenfalls gegensteuern können, um Stromausfälle zu verhindern, sollte es Unregelmäßigkeiten geben. Dafür sind intelligente Messsysteme wichtig.
Grundlage ist eine EU-Richtlinie von 2009, die modernere Anlagen vorschreibt. Die Bundesregierung beauftragte die Deutsche Energieagentur, erst einmal Kosten und Nutzen zu untersuchen. Ein Ergebnis der Dena-Studie: Smart Meter rechnen sich nicht für alle. Pflicht ist dieser Zähler, der sich aus der Ferne ablesen und auch steuern lässt, deshalb erst ab einem Verbrauch von 6000 Kilowattstunden im Jahr. Normale Haushalte kommen nur sehr selten auf solche Werte. 2016 schätzte die Bundesregierung die Zahl der Messstellen mit entsprechend hohen Verbräuchen auf rund 2,4 Millionen. Auch diejenigen, deren private Solar- oder Windanlagen Leistungen von mehr als sieben Kilowatt haben, müssen einen Smart Meter einbauen lassen.
In den meisten Fällen werden also nur digitale Zähler ohne Sende- und Empfangseinheit eingebaut. Sie messen wie die alten Ferraris-Zähler den Verbrauch, bieten allerdings deutlich mehr Informationen: etwa wie viel Strom in der vergangenen Woche oder den vergangenen Stunden floss. Die Daten werden jedoch nicht versandt und sind deshalb auch nicht zum Beispiel per App am Smartphone einsehbar. Solch einfachere digitale Zähler sollen bis 2032 eingeführt sein. Es geht um rund 38,2 Millionen private Anschlüsse mit einem Verbrauch bis zu 6000 Kilowattstunden, die kein intelligentes Messsystem erhalten – außer, die Verbraucher beantragen es auf eigene Kosten.
Wer mehr als 10.000 Kilowattstunden im Jahr verbraucht, muss einen Smart Meter einbauen lassen. Das betrifft in der Regel Unternehmen. Allerdings gilt eine Frist von acht Jahren, bis die alten Zähler gegen die neuen intelligenten ausgetauscht sind.

Unternehmen müssen sich kümmern

Ursprünglich sollten intelligente Messsysteme bereits 2020 Standard in Deutschland sein. Richtig los ging es aber erst 2021 mit der Freigabe von zertifizierten Smart-Meter-Anbietern. Derzeit sind es vier. Andere Länder sind bereits deutlich weiter. In Schweden haben alle Haushalte seit 2009 Smart Meter. Derzeit wird die zweite Generation installiert, die nicht nur senden, sondern auch empfangen kann. Ähnlich sieht es in Italien aus. In den Niederlanden sind bereits in 95 Prozent aller Haushalte intelligente Messeinrichtungen eingebaut.
Genaue Zahlen, wie viele intelligente Messeinrichtungen bereits in Deutschland installiert sind, gibt es nicht. Beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) heißt es, die Marktteilnehmer beurteilten den Rollout unterschiedlich. Es sei aber insgesamt eine deutliche Entwicklung zu erkennen. Gebremst wird sie durch Lieferschwierigkeiten – wie in so vielen Branchen.

Dem Digitalverband Bitkom geht alles zu langsam. Er schlägt finanzielle Anreize für den Smart-Meter-Einbau vor. Und er fordert weniger Bürokratie und praxistauglichere technische Standards. Die Geräte unterliegen strengen Vorschriften des Bundesamtes für die Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI), weil sie mit Übertragungstechnologie wie im Mobilfunk ausgestattet sind. Installateure müssen sich zertifizieren lassen. Beim Einbau müssen genaue Zeitfenster eingehalten, die Zähler abgeschirmt transportiert werden. Das macht alles aufwändig. Manch Energiemanager spricht im kleinen Kreis auch von absurder Überregulierung, die den dringend nötigen Ausbau ausbremse. Auch ist in der Branche zu hören, die Anforderungen schränkten die Zahl der Smart-Meter-Anbieter ein, Deutschland koppele sich von internationalen Innovationen ab, was letztlich höhere Kosten bedeute.
Das BSI sieht das etwas anders: Die Geräte sind „von entscheidender Bedeutung für die Cyber-Sicherheit und Integrität der deutschen und indirekt auch der europäischen Stromversorgung“. Angesichts stetig wachsender Angriffe auf die Energienetzinfrastruktur und Bedrohungen unter anderem durch staatliche Akteure, entsprächen die Anforderungen der Bedrohungslage und dem Stand der Technik.

Damit wird klar, dass auch dieses Puzzlestück der Energiewende das gleiche Problem hat, wie viele andere auch: Weil jeder alles richtig machen will, fängt keiner richtig an.

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