Dienstag, 05.07.2016
Wie mittelständische Unternehmen die Systeme in der IT-Technologie zusammenbringen: Darüber diskutierten Horst Maywald, Stephan Kegelmann, Arne Beckhaus, Thomas Herick, Michael Friemel, Rainer Downar, Gregor Wolf und Mathias Reinecke. Fotos: A. Varnhorn

Fotos: Andreas Varnhorn

Wie mittelständische Unternehmen die Systeme in der IT-Technologie zusammenbringen: Darüber diskutierten Unternehmer und Experten bei der IT-Allianz von Markt und Mittelstand. Fotoquelle alle Fotos: Andreas Varnhorn

Zukunftsmärkte
IT-Allianz Markt und Mittelstand

„Digitalisierung wird riesige Wachstumsschübe auslösen“

Bei der IT-Allianz von „Markt und Mittelstand“ diskutierten Unternehmer und IT-Anbieter über die Bedeutung der Digitalisierung für mittelständische Unternehmen.
Horst Maywald, Prokurist und Geschäftsbereichsleiter Arbeitsplatzsysteme Business Unit Manager Work Stations, ELABO GmbH.

Horst Maywald, Prokurist und Geschäftsbereichsleiter Arbeitsplatzsysteme Business Unit Manager Work Stations, ELABO GmbH.

Markt und Mittelstand: Der Stand der Digitalisierung ist in deutschen Unternehmen durchaus unterschiedlich. Wie kommen Sie voran?

Horst Maywald: Wir sind digital und bereits bei Industrie 3.5 angekommen. Tatsächlich wollen wir 2017 bei Industrie 4.0 angelangt sein. Der Weg dahin führt durchs ganze Unternehmen, vom Wareneingang bis zum Warenausgang. Dazu setzen wir eine eigene Software ein, die auch ans ERP-, MES- und weitere Systeme angebunden wird.

Thomas Herick: Derzeit schaffen wir durch die Einführung eines ERP-Systems in der Unternehmensgruppe die Voraussetzungen für eine durchgängige Digitalisierung. Wir wollen alle Unternehmensprozesse wie Planung, Service, Projektmanagement und Produktion im ERP-System abbilden. Über ein ausgeklügeltes Berechtigungskonzept stellen wir hierbei unseren Mitarbeitern die Programmtools zur Verfügung, die sie für einen optimalen Arbeitsablauf benötigen.

Arne Beckhaus, Head of Big Data & Digital Transformation, Continental, Division Chassis & Safety.

Arne Beckhaus, Head of Big Data & Digital Transformation, Continental, Division Chassis & Safety.

MuM: Welche Fortschritte hat ein großes Unternehmen wie Continental zu vermelden?

Arne Beckhaus: Da sind wir natürlich ein gutes Stück weiter. ERP ist längst eingeführt. Jetzt wollen wir die Digitalisierung unter anderem dazu nutzen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. In der Division Chassis & Safety liegt unser Fokus vor allem auf Advanced Analytics. Es geht darum, aus den vorhandenen großen Datenmengen Erkenntnisse zu internen Prozessverbesserungen und Produktinnovationen zu entwickeln.

Stephan Kegelmann: Das funktioniert aber nur, wenn die Schnittstellen vorhanden sind. Das ist die Herausforderung für mittelständische Unternehmen. Wie lassen sich die heterogenen Systemlandschaften von Maschinen und Software zusammenbringen?

Umsetzung vor Wissen

Stephan Kegelmann, Geschäftsführer, Kegelmann Technik GmbH

Stephan Kegelmann, Geschäftsführer, Kegelmann Technik GmbH.

MuM: Wie lösen Sie das für Ihr Unternehmen?

Kegelmann: Als ich mich vor ein paar Jahren mit dem Begriff Industrie 4.0 beschäftigt habe, stellte ich fest, dass wir Elemente davon bereits seit langem umsetzen. Vor zehn Jahren haben wir unsere Bauteile für die Produktion mit RFID-Chips ausgestattet. Dadurch wissen wir, wo und in welchem Zustand sich das Bauteil befindet. Die gesamte Prozesskette wurde automatisiert und der Teilefluss über den Rechner gesteuert. Da sind bereits viele Faktoren von Industrie 4.0 erfüllt.
Die Herausforderung für die kommenden Jahre ist, wie wir die Produktion und die Software zu großen standardisierten Prozessen verbinden können.

Mathias Reinecke, Senior Product Marketing Manager Cloud Solutions, Exact Software Deutschland GmbH

Mathias Reinecke, Senior Product Marketing Manager Cloud Solutions, Exact Software Deutschland GmbH.

MuM: Wie weit sind mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung fortgeschritten?

Mathias Reinecke: Da ist Bewegung im Markt, das kann ich bestätigen. Die bisherigen Einzellösungen werden über Schnittstellen mit anderen Systemen zu kompletten Prozessflüssen verbunden. So bietet unser Unternehmen beispielsweise eine Schnittstelle zur Datev zum direkten Datenaustausch mit dem Steuerberater oder die Möglichkeit, die Lösung mit Zusatzfunktionen zu erweitern oder externe Partner ans eigene Unternehmen anzubinden.

Michael Friemel:
Die Digitalisierung schreitet in allen Bereichen voran, das zeigt sich selbst bei Behörden oder Steuerberatern. Da müssen wir handeln, sonst wird uns diese Entwicklung überrunden. Den Unternehmern sollte daher klar sein, was sie zu tun haben, die Hersteller müssen sie dabei unterstützen. Wir haben bereits vor Jahren mit der Entwicklung unserer Softwarelösung die Weichen in Richtung Zukunft gestellt – damit sind wir für digitale Anforderungen von Seiten der Finanzbehörden gerüstet.

Rainer Downar, Executive Vice President Central Europe, Sage Software GmbH

Rainer Downar, Executive Vice President Central Europe, Sage Software GmbH.

Rainer Downar: Viele mittelständische Unternehmen sind schon weiter, als es sich die Hersteller von Unternehmenssoftware vorstellen können. Allerdings gilt auch: Die Digitalisierung wird riesige Wachstumsschübe auslösen, so dass noch sehr viel passieren wird. Start-ups haben hier sicherlich Vorteile vor langjährig etablierten Mittelständlern, die gewachsene und daher komplexere Strukturen digitalisieren müssen.

Gregor Wolf: Viel ist längst digital unterstützt, aber heterogen. Die Unternehmen haben jetzt vor allem Bedarf, Ordnung in das digitale Chaos zu bringen. Wenn beispielsweise ein Maschinenbauer bereits Pläne, die Kundenkommunikation und die Fertigung digitalisiert hat, dann ist noch lange nicht sichergestellt, dass diese Informationen zusammengeführt werden. Da werden beim Aufbau der Maschine mit dem Kunden noch Nebenabreden getroffen, in den E-Mails befinden sich noch Anmerkungen, und die Pläne liegen im CAD-System – also in unterschiedlichen Systemen, nur nicht da, wo sie sein sollen: zusammengeführt und für alle transparent in einer digitalen Kunden- und Projektakte.

Schnittstellen machen Probleme

Gregor Wolf, COO, Optimal Systems GmbH

Gregor Wolf, COO, Optimal Systems GmbH.

MuM: Ist diese Inselsituation typisch bei der Digitalisierung der Unternehmen?

Wolf: Die digitalen Systeme sind irgendwie da, aber sie passen nicht zueinander, und es gibt keine Gesamtsicht auf die Produkte, Kunden und Lieferantenbeziehungen.

Kegelmann: Die Anbieter sind doch mit Schnittstellenproblemen bei heterogenen Strukturen überfordert. Die Softwarehersteller denken nur in ihrer Welt, sie können nicht verstehen, wie in produzierenden Unternehmen übergreifend gearbeitet wird. Die Bereitschaft, hier zu unterstützen, ist bei Softwareunternehmen nur bedingt vorhanden.

Friemel: Das verstehe ich nicht. Wenn mein Kunde das will, mache ich das. Oft zeigt sich, dass eine Menge verschiedener Schnittstellen vorhanden ist: von Einkaufsmodul und CRM über den Steuerberater und die Bank bis hin zur E-Bilanz. Wenn ich Kunden eine Software anbieten kann, die von Grund auf so konzipiert und entwickelt wurde, dass sie alle kaufmännischen Prozesse in einer ganzheitlichen und homogenen Komplettlösung durchgängig bedient, werden die meisten der vorhandenen Schnittstellen nicht mehr benötigt. Dann bleiben lediglich die typischen Schnittstellen nach außen, wie etwa Arbeitsagentur, Krankenkasse oder SV-Meldung.

Kegelmann: Da habe ich andere Erfahrungen gemacht. Vielleicht unterstützen viele Anbieter ihre Kunden deshalb nicht, weil sie das nicht können oder den Markt nicht verstehen. Wenn wir eine bestimmte Anbindung benötigen, sagen die, da seid ihr aber die Einzigen, die das fordern.

Maywald: Tatsächlich fehlen uns auch Schnittstellen zu ERP oder MES, da sind aber die Kosten und die Manpower das Problem. Wir können nicht wie ein Konzern vorgehen. Drei Mitarbeiter kümmern sich nach und nach um die Verbindung der Insellösungen. Den Anfang haben wir mit dem Wareneingang gemacht, da ist das Ziel, den Versand bis 2017 digital zu machen. Zudem haben wir mit unserer eigenen Softwarelösung, die wir seit 15 Jahren einsetzen, eine Modellfabrik eingerichtet.

Kegelmann: Eine durchgängige Prozesslandschaft zu digitalisieren scheitert oft daran, dass die Schnittstellen nicht vorhanden sind. Dann behelfen sich viele Unternehmen mit Eigenlösungen, das kostet viel Geld. Aber das kann doch nicht die Lösung sein.

Friemel: Kunden sollen keine Software programmieren, das ist ja das Thema der Anbieter.

ERP geht nur mit Unterstützung

Thomas Herick, Leiter Finanz- und Personal, DC-Datacenter-Group GmbH

Thomas Herick, Leiter Finanz- und Personal, DC-Datacenter-Group GmbH.

MuM: Was ist für Sie bei der Einführung neuer Software besonders wichtig?

Herick: Wir sind mit der ERP-Einführung seit eineinhalb Jahren beschäftigt. Die Implementierung eines ERP-Systems ist – gerade bei einem Leistungsumfang, wie ihn unsere Unternehmensgruppe erfordert – nur mit Unterstützung eines erfahrenen IT-Dienstleisters möglich. Jeder Unternehmensbereich der Datacenter-Group agiert unterschiedlich und doch innerhalb der Group verzahnt. Umso wichtiger ist es daher, einen Partner zur Seite zu haben, der uns und die Prozesse im Unternehmen versteht und weiterentwickeln kann. Denn um dieses Projekt zu einem guten Ende zu bringen, werden sehr viel Zeit und Manpower benötigt.

Beckhaus:
Auch bei einem Unternehmen wie Continental lief die ERP-Einführung nicht im Gleichschritt. Einzelne Werke oder Tochtergesellschaften haben mit Best Practices losgelegt. Nachdem wir auf MES-Ebene schon lange standardisiert sind, insbesondere unsere Elektronikwerke haben da Maßstäbe gesetzt, wurde zuletzt auch ein großes Programm zur ERP-Vereinheitlichung gestartet.

Kegelmann: Was ein ERP für Vorteile bringt, wenn es schon so teuer ist, ist eine ganz zentrale Frage. Die Parallelwelten in einem Unternehmen, in denen der eine kalkuliert, der andere konstruiert, aber keiner über den Überblick verfügt, weil nichts zusammengeführt wird, sollen verschwinden. Letztlich geht es darum, komplexe Abläufe auf eine einfache beherrschbare Ebene zu reduzieren. Mit Hilfe von RFID bringen wir als hochstandardisierter Einzelfertiger über die Informationen für ein Produkt die digitale und physikalische Welt zusammen.

ROI im Auge behalten

Michael Friemel, CEO, CSS AG

Michael Friemel, CEO, CSS AG.

MuM: Wie lassen sich die Kosten für diese Projekte wieder reinholen?

Wolf: Wie sich eine Prozessautomatisierung rechnet, kann jeder am Beispiel Rechnungseingang schon mit dem eingesparten Skonto ausrechnen. Allerdings reichen dafür 100 Rechnungen am Tag nicht, das hat schon mit der Menge zu tun – bei einem Unternehmen wie Continental geht das natürlich auf. Meine Empfehlung für kleinere Unternehmen ist, ganz schlicht den ROI zu betrachten und es bei der Digitalisierung nicht zu übertreiben. Ein ROI ist aber nicht nur gesparte Prozesskosten, sondern auch Wettbewerbsvorteil durch gute Information über Kunden, Projekte, Lieferanten. Den ROI gilt es vor allem bei der Neueinführung einer Software im Auge zu behalten. Da werden zu viele Funktionen gefordert. Was vorher in drei Schritten funktioniert hat, soll digitalisiert plötzlich zwanzig Schritte haben. So kann die Einführung schnell zu einer Horroraufgabe werden – und zu teuer und zu langwierig.

Friemel: Das zu quantifizieren ist schwierig. Eine mangelnde Organisation löst Hektik aus, ist kontraproduktiv und verursacht unnötige Kosten. Das wird durch die Digitalisierung verändert. Dann steht beispielsweise im Rechnungswesen jedem das benötigte Wissen in Form zuverlässiger Daten zur Verfügung. Wenn also ein Unternehmer Wert darauf legt, sämtliche Anforderungen an die betriebswirtschaftlichen Unternehmensprozesse mit einer entsprechenden Software abzudecken, kommt er früher oder später um die Thematik nicht herum. Leisten kann das nur ein durchgängiges System, das sämtliche betriebswirtschaftlichen Abläufe eines Unternehmens vernetzt und integriert.

MuM: Eine Über-Digitalisierung führt in die Sackgasse. Aber wie lassen sich die Vorteile der Digitalisierung im Unternehmen erkennen?

Herick: Das lässt sich durch eine ROI-Betrachtung einzelner Bereiche erreichen. Beispielsweise in der Buchhaltung beim Rechnungsworkflow oder bei den Prozessen im Einkauf. Jeder Prozess ist auf Ressourcen angewiesen. Ziel ist es, dass die Daten digitalisiert zur Verfügung gestellt werden, damit beispielsweise die Fertigung weiß, zu welchem Zeitpunkt das bestellte Teil bereitsteht und eine zeit- und kosteneffektive Planung möglich ist. Am Ende sollen unsere Mitarbeiter eine deutliche Erleichterung in der täglichen Arbeit feststellen und parallel unsere Betriebskosten durch „schlankere“ Prozesse sinken.

Downar: Die Einführung sollte immer schrittweise erfolgen. So kann man die Digitalisierung modular aufbauen. Schnittstellen sind dabei für die Integration den Funktionalitäten wichtig. Das kostet ja erst mal Geld, um im Ergebnis Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Maywald: Der beste Weg ist, dass man vor Beginn der Digitalisierung jeden Prozess analysiert. Das hat zu einer völlig neuen Denkweise in unserem Unternehmen geführt. Bisher hat der Mitarbeiter sein Produkt betrachtet und sich nicht mit den Prozessen beschäftigt. Das hat sich nun geändert, jetzt stehen die Prozesse im Vordergrund. Dieses Ergebnis lässt sich auch in Zahlen beschreiben. Bei der Analyse eines Bereichs kam heraus, dass wir 60.000 Euro pro Jahr einsparen konnten.

Beckhaus: Viele Systeme führen zu vielen Informationen, aber uns interessiert das Potential, das darin verborgen ist. So entsteht allein in einem Werk pro Monat durchschnittlich 1 Terabyte an Rohdaten. Digitalisierung ist für uns vor allem Big Data, das ist ein anderer Ansatz als bei mittelständischen Unternehmen, die darunter häufig eine ERP-Einführung verstehen. Uns geht es darum, durch Advanced Analytics neue Erkenntnisse für unsere Geschäftsabläufe zu gewinnen.

Reinecke: Hohe Kosten und hoher Aufwand für neue Hardware entfallen bei einer Cloud-Lösung. Zudem reduziert sich der administrative Aufwand deutlich, etwa durch gescannte oder im ZUGFERD-Format übertragene Belege, aus denen direkt Buchungsvorschläge erzeugt werden können.

Geschäftsbereich wird schwinden

MuM: Welche Entwicklungen erwarten sie künftig?

Maywald: Mein Geschäftsbereich wird in zehn Jahren, wenn wir nichts ändern, nicht mehr vorhanden sein. Unser Produkt befindet sich 30 Jahre lang beim Kunden ohne Probleme im Einsatz– in diesem Zeitraum haben wir keinen Kontakt. Das wird sich durch die Digitalisierung ändern. Dann haben wir völlig neue, andere Möglichkeiten zur Kundenansprache über die Laufzeit des Produkts.

Downar: Service wird das neue Produkt. In Deutschland wird noch viel kommen, allein von den Behörden kommt ein Digitalisierungsschub. Bei der Automobilindustrie wird nicht mehr das Fahrzeug gekauft, sondern ein Service als Mobilitätsunterstützung genutzt. Das ist ein ähnlicher Vorgang wie bei der Hardware, die früher die teuerste Komponente in der IT war. Mittlerweile wird die Nutzung eines Rechners über eine Mietzahlung abgerechnet. Das kostet praktisch nichts mehr.

Reinecke: Hochverfügbare Server können oder wollen sich mittelständische Unternehmen inhouse nicht mehr leisten, da ist eine Servicelösung per Cloud besser. Dabei ist auch das Risiko durch die monatliche Kündbarkeit und die wiederkehrenden monatlichen Kosten für die Unternehmen überschaubar.
Wolf: Die veränderte digitale Kommunikation im B2C-Bereich wird auch die Kommunikation von klassischen B2B-Unternehmen verändern. Wenn unzufriedene Kunden ihren Ärger über unbeantwortete E-Mail-Anfragen ganz schnell in den sozialen Medien posten, dann müssen sich auch Unternehmen, die mit Geschäftskunden zu tun haben, verändern.

michael.doerfler@marktundmittelstand.de

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