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Einkauf, Marketing und Marken > Wirtschaftskrise

Deutschlands Wirtschaft ist so schlecht, dass sogar Wurstfabriken schließen

| The Economist | Lesezeit: 3 Min.

Hohe Kosten und stagnierende Ausgaben treiben selbst Traditionsunternehmen durch den Fleischwolf. Wachsende Insolvenzen zeigen die Krise der deutschen Wirtschaft

Eberswalder Wurstfabrik Foto:Picture Alliance
Die Schließung der traditionsreichen Eberswalder Wurstfabrik am Standort Britz steht exemplarisch für die wachsende Zahl von Unternehmensaufgaben in der deutschen Industrie. Foto: Picture Alliance

19.01.2026 The Economist

In den 1980er-Jahren waren die volkseigenen Eberswalder Wurstwerke der DDR der größte Wursthersteller Europas und beschäftigte rund 3.000 Arbeiter. Das 65 Hektar große Werksgelände verfügte über einen eigenen Friseur, eine Klinik, eine Bibliothek und ein Restaurant. Diese kommunistischen Zeiten sind lange vorbei. In der vergangenen Woche erfuhren die noch rund 500 verbliebenen Beschäftigten, dass der noch recht neue (westdeutsche) Eigentümer des Unternehmens, das unter treuen Anhängern Kultstatus für seine hautlose Bratwurst und die Schorfheider Knüppelsalami genießt, das Werk in Britz bis Ende Februar schließen wird.

„Wir haben davon eine halbe Stunde bevor es im Fernsehen lief erfahren“, sagt eine Mitarbeiterin in weißer Arbeitskleidung im Laden an den Werkstoren. Trotz des verschneiten Wetters war der Fabrikverkauf gut besucht. Tönnies, der westdeutsche Fleischverarbeiter, dem das Werk inzwischen gehört, habe „bei der Übernahme vor gerade einmal zwei Jahren Investitionen versprochen“, beklagt ein weiterer Arbeiter.

Eine weitere deutsche Kultmarke verschwindet

Deutschlands Wirtschaft, gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt die drittgrößte der Welt, stagniert seit drei Jahren, und Fabrikschließungen sowie Insolvenzen erreichen besorgniserregende Ausmaße. Am 8. Januar erklärte Zalando, ein großer deutscher Online-Modehändler, er werde ein Logistikzentrum mit 2.700 Beschäftigten in Erfurt – ebenfalls in Ostdeutschland – schließen. Vorläufige Zahlen von Destatis, dem Statistischen Bundesamt, zeigen, dass die Insolvenzen im Dezember im Vergleich zum gleichen Monat des Jahres 2024 um 15 % gestiegen sind. Besonders stark betroffen waren die Branchen Transport, Gastgewerbe und Bau. Mit mehr als 17.600 Unternehmensinsolvenzen war das vergangene Jahr laut dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle das schlechteste seit 20 Jahren.

Am entmutigendsten für viele Deutsche ist die Vielzahl bekannter Unternehmen, die Insolvenz anmelden mussten. Dazu gehörten im vergangenen Jahr einige der größten Namen des Landes: Goertz (Schuhe), Gerry Weber und Esprit (Mode), Groschenmarkt (Discounter), Karrie Bau (Bauwirtschaft) und Zoo Zajac (die größte Zoohandlung der Welt). Zugegeben: Frühere Abschwünge waren teils schlimmer; das Platzen der Dotcom-Blase führte zu deutlich mehr Firmenpleiten. In manchen Jahren gingen über 39.000 Unternehmen unter. Doch frühere Krisen konzentrierten sich meist auf einzelne Branchen, wie etwa die Technologiebranche beim Dotcom-Crash.

Im Gegensatz dazu betrifft die aktuelle Malaise Unternehmen quer durch alle Sektoren. Die deutsche Industrie galt lange als Stabilitätsanker, der Schwankungen in anderen Bereichen abfederte. Das ist vorbei: Exportorientierte Industrien sind besonders anfällig für globale Konflikte, Zölle und hohe Energiepreise. Das gesamte wirtschaftliche Modell des Landes ist schlecht an die neuen Realitäten angepasst. Solange sich das nicht ändert, geraten selbst Wursthersteller unters Messer.

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Aus The Economist, übersetzt von The Economist, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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