Donnerstag, 03.03.2022
Zukunftsmärkte

Erst beschossen, dann geschlossen

Mittelständler mit Ukraine- oder Russland-Geschäft stehen erst am Beginn gewaltiger menschlicher, technischer und logistischer Herausforderungen.
Geschlossen Schild vor Farbik

Rund 2000 deutschen Unternehmen in der Ukraine sind vom Krieg betroffen.

Gerade erst hat der Berliner Autoteilehändler Autodoc Mitarbeiter in Kiew und Charkiw in Sicherheit gebracht. Er ist einer von vielen. Es gebe viele Möglichkeiten, Kollegen im Krisengebiet zu helfen, beschwört Peter Adrian, Präsident des DIHK: Unternehmen zahlen die Löhne trotz Betriebsstillstand weiter, ukrainische Mitarbeiter in Deutschland können ihre Verwandten an der Grenze abholen. Bereitgestellte Busse transportieren Versorgungsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze und holen Geflüchtete nach Deutschland. Lauter Zeichen von Menschlichkeit in einem Meer wirtschaftlicher Ungewissheit.

Rund 2000 deutsche Unternenehme in der Ukraine

Die Chefs der rund 2000 deutschen Unternehmen in der Ukraine sind keine Hasardeure. Das Land bot bis Februar 2022 gut ausgebildete Arbeitskräfte zu günstigen Löhnen, kurze Wege innerhalb Europas und die politische Nähe zur EU. Zudem lockte eine gut ausgebaute Infrastruktur. Ausgerechnet sie ist jetzt das größte Risiko für Mensch und Maschine in der Ukraine. Das Zerstören funktionierender Infrastruktur steht ganz oben auf Putins Kriegsagenda – offensichtlich egal, ob sie in direkter Nähe eines Krankenhauses, einer Schule oder eines Gewerbegebietes liegt. Dax-Konzerne wie Mittelständler fürchten jetzt um das Leben ihrer Mitarbeiter. Die Beherzten unter ihnen versuchen in Nacht-und-Nebel-Aktionen Kollegen aus der Ukraine nach Deutschland zu holen. Von der Sicherung der Maschinen oder Produktionsstraßen ist unter dem russischen Bombardement keine Rede mehr.

Aber auch Mittelständler, die weder produzieren noch im Krisengebiet Handel betreiben, dürfte der Krieg binnen kurzer Zeit wirtschaftlich treffen und ihre Arbeitsplätze in Deutschland gefährden. Nicht nur, weil die steigenden Kosten für Energie, Rohstoffe, Getreide oder Futtermittel unterschiedlichste Branchen belasten werden. Sondern weil auch ihre Lieferketten nach Corona ein zweites Mal in Gefahr sind. Planungssicherheit ist ausverkauft.

Schwere Folgen des Kriegs

Der Angriff auf die Ukraine verschärft die Lieferprobleme. Produktionsstätten etwa für Autoteile, Gipsplatten oder Software im Krisengebiet werden erst beschossen, dann geschlossen. Weltweit wichtige Rohmetalle und metallhaltigen Vorstoffe werden knapp. Zudem bricht der physische Warentransport nicht nur nach und in der Ukraine, sondern auch aus Russland schon jetzt zusammen. Zur Land, zur See und in der Luft. Der Krieg werde den schon herrschenden Fahrermangel in einem Ausmaß verschärfen, dem viele Lieferketten nicht standhalten werden, warnt der  Europäische Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure AG (ELVIS). Unter anderem, weil geschätzte 100.000 ukrainische Fahrer, die sich aktuell  in Polen aufhielten, den Transportunternehmen bald fehlen könnten. Die Bahn-Logistiktochter DB Schenker hat ihre Pforten in der Ukraine schon geschlossen.

Der Seeweg ist verschlossen, denn Seehäfen sind Kriegsziele. So stellte der Betreiber des Hafens Odessa, die Hamburger HHLA, den Betrieb aus Sorge vor russischen Raketenangriffen bereits ein. Und der Luftraum über Russland ist für viele Länder genauso gesperrt wie sie ihren Luftraum für russische Maschinen dicht gemacht haben. Damit verlängern sich auch die Flugzeiten nach China, Japan oder Südkorea.

Auch Unternehmen, die Import/Export mit Russland betreiben, schauen in eine Black Box. Der Swift-Ausschluss vieler russischer Banken erschwert nicht nur die Zahlungsabwicklung auf beiden Seiten. Experten glauben vielmehr auch, dass durch den politischen Eingriff der Handel in lokalen Währungen, Kryptowährungen und die Bildung neuer bilateraler Freihandelsabkommen interessanter werden könnten. Ein Krieg der Bezahlsysteme wäre für deutsche Mittelständler aber das nächste Problem.

Dazu kommt: Die Bundesregierung hat Garantien für Exporte nach Russland und Investitionen deutscher Firmen im Land ausgesetzt. Die Hermes-Bürgschaft als Rückgrat vieler Geschäfte ist gestoppt. Bitter: Viele russische Geschäftspartner dürften selbst bald wegen der weltweiten Sanktionen in die Knie gehen.

Schon wird das Thema Kurzarbeit für Unternehmen, die aufgrund ihrer Verflechtungen mit der Ukraine oder Russland in existentielle Schwierigkeiten geraten, wieder aktuell.  "Sollten die neu geplanten Sanktionen unsere Produkte betreffen, wird sicherlich ein Teil der Belegschaft in Kurzarbeit gehen müssen", stellt beispielsweise Matthias Ihlow, Geschäftsführer der Magdeburger Industrie-Armaturen-Manufaktur<wbr />, fest. Das Unternehmen hat bislang ein Drittel seines Umsatzes in Russland gemacht.

Die Lage ist düster. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW, fasst sie so zusammen: "Ein sich länger hinziehender offener Krieg hätte enorme humanitäre Folgen - von nachgeordneter Bedeutung würde er auch die Energiepreise und folglich die Inflation noch weiter nach oben treiben und die Energieversorgungssicherheit der EU in Frage stellen.“ Auch die Konjunktur-Spezialistin ist ratlos: "Letztendlich ist der Effekt auf die deutsche Konjunktur bislang kaum verlässlich abschätzbar“.

2022 © Markt und Mittelstand · Alle Rechte vorbehalten.

Der Newsletter für Unternehmer – jeden Donnerstag in Ihr Postfach

NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN