Dienstag, 17.09.2013
Zukunftsmärkte
Geplantes Abkommen über Freihandel mit der EU

Freihandel soll Unternehmen in Brasilien neue Impulse geben

Die Verhandlungen über einen Freihandel zwischen der EU und dem Mercosur dümpeln vor sich hin. Jetzt drückt ausgerechnet Brasilien aufs Tempo und möchte noch in diesem Jahr konkrete Ergebnisse für Unternehmen in Brasilien. Die aktive Haltung hat handfeste Gründe.

Brasilien ist nicht gerade bekannt für eine offene Wirtschaftspolitik. Während andere Staaten in Lateinamerika zunehmend ihre Märkte öffnen und den Freihandel mit anderen Staaten sowie Regionen forcieren, herrscht in Brasilien nach wie vor starker Protektionismus. Das Handelsbündnis Mercosur, in dem Brasilien die gewichtigste Rolle spielt, ist von den ursprünglichen Zielen eines gemeinsamen Binnenmarktes ähnlich jenem der EU weit entfernt. Zwischen Brasilien und Argentinien, ebenfalls Mitglied im Mercosur, gibt es laufend wirtschaftspolitische Unstimmigkeiten. Zuletzt erhöhten beide wieder die Zölle untereinander.

Freihandel: Brasilien übernimmt Führungsrolle

Dementsprechend erzielen auch die Verhandlungen des Mercosur über einen Freihandel mit der EU keine rechten Fortschritte. Die Differenzen der beiden Institutionen, für welche Waren die Zölle fallen sollen und welche ausgenommen werden sollten, waren bislang unüberbrückbar. Nun prescht das Land vor und möchte in Sachen Freihandel mit der EU vorankommen. „Es handelt sich um Gespräche zwischen der EU und dem gesamten Mercosur. Gleichzeitig besteht für die einzelnen Mitgliedstaaten aber die Möglichkeit, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten mit der EU zu verhandeln. Hierbei ist insbesondere Brasilien an einem schnellen Fortschritt der Verhandlungen interessiert“, erklärt Jana Dotschkal, Regional Analyst Brasilien beim Lateinamerika Verein. Die Regierung in Brasilien hat einen Entwurf vorgelegt, der die Import-Steuer auf 75 Prozent aller Waren senken soll, wie die Online-Plattform Brasilnews meldet. Das soll der heimischen Wirtschaft zu Gute kommen. „Um der weiterhin hohen Binnennachfrage nachzukommen, muss Brasilien zunehmend Güter importieren“, erläutert Dotschkal. Von einem Freihandel würden auch deutsche Unternehmen in Brasilien profitieren, die vor Ort Produktionsstätten betreiben und Waren in das Land exportieren möchten. Deutschland ist traditionellerweise vor allem in der KfZ-Industrie und der KfZ-Zulieferindustrie stark im Land vertreten. Auch deutsche Medizintechnik ist gefragt. 37 Prozent des gesamten Handels zwischen Lateinamerika und der EU werden alleine von Brasilien bestritten. Allerdings sieht der aktuelle Entwurf wiederum Ausnahmen für den Handel von Maschinen und Anlagen, Fahrzeugbau, Elektrogeräte und Chemie vor, die allesamt als sensibel für die Wirtschaft gelten.

Auch externer Druck zum Freihandel

Es kommt nicht von ungefähr, dass Brasilien in den Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen nun das Tempo anzieht. Die Löhne in Brasilien sind jahrelang stark gestiegen. Ab 2014 soll das Land bei der WTO den Status eines Landes mit mittlerem bis hohem Einkommen erhalten. Was sich am ersten Blick positiv anhört, hätte allerdings ernste Konsequenzen: Die momentan geltenden Vergünstigungen für Brasilien im Handel mit der EU würden damit nämlich entfallen. Die ohnehin schon schwache Wettbewerbsfähigkeit Brasiliens würde darunter noch weiter leiden. Die hohen Löhne und somit automatisch hohen Kosten für Arbeit und Leben im Land sind Teil einer verfehlten Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, die Ende Juni eine Welle des Protests in allen größeren Städten des Landes ausgelöst hat.

Neben der anstehenden Hochstufung durch die WTO erhält Brasilien bzw. der Mercosur allerdings noch Druck von einer anderen Front. Mexiko, Chile, Peru und Kolumbien haben sich im Juni 2012 zur Pazifik-Allianz zusammengeschlossen mit dem erklärten Ziel, den Freihandel nicht nur in der Region, sondern auch in Richtung EU und Asien voranzutreiben. 90 Prozent der Güter können dort zollfrei zirkulieren. „Die Pazifik-Allianz gewinnt als Investitionsstandort in der Region zunehmend an Bedeutung“, sagt die Expertin. Dadurch steigt der Druck auf Brasilien im Wettlauf der Investitionsstandorte noch weiter.

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