Mittwoch, 22.08.2018
Kollidierende Interessen: Ende Juli hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker US-Strafzölle auf Autos erst einmal abgewiegelt. Doch noch ist der Streit mit den USA nicht beigelegt.

Foto: wildpixel/Thinkstock/Getty Images

Kollidierende Interessen: Ende Juli hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker US-Strafzölle auf Autos erst einmal abgewiegelt. Doch noch ist der Streit mit den USA nicht beigelegt.

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Transatlantische Beziehungen

Handelsstreit mit den USA: Zu früh für Entwarnung

Trotz freundlicherer Umgangstöne ist der Handelsstreit zwischen den USA und der EU noch nicht beigelegt. Deutsche Mittelständler sollten sich weiterhin auf den Ernstfall vorbereiten. Ein Gastkommentar vom Außenwirtschaftsexperten Gabriel Kurt von KPMG.

Ebenso wie das Wetter hat sich der Handelsstreit zwischen den USA und der EU abgekühlt. Für gemäßigtere Töne in der zuvor hitzigen transatlantischen Debatte hat das Treffen von EU-Kommissionspräsident Juncker mit US-Präsident Trump Ende Juli gesorgt. Jetzt sind erst einmal keine Strafzölle auf Autos und Autoteile mehr geplant, und es soll wieder mit- anstatt übereinander gesprochen werden. 

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Diese Entwicklung ist eine gute Nachricht und eine wichtige Atempause auf dem Weg zur Beilegung des Handelsstreits. Allerdings wäre es verfrüht, eine generelle Entwarnung zu geben. Feste Zusagen stehen noch aus und auch wenn es wirklich zu größeren Zollreduktionen zwischen der EU und den USA kommen soll, wird es bis zu einer Entscheidung mit Sicherheit noch einige Zeit dauern und intensiver Verhandlungen bedürfen.

Derzeit ist zudem noch nicht klar, in welcher Form und mit welchem Inhalt sich die USA und die EU einigen können. Wird es ein Wiederaufleben des Freihandelsabkommens TTIP, ein „TTIP light“ oder eine gänzlich neue Vereinbarung geben?

Strafzölle sind noch nicht vom Tisch

In der Zwischenzeit gilt es für deutsche Unternehmen – nicht nur, aber gerade auch aus dem Automobilsektor –, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie sollten ihre Prozesse und Lieferströme prüfen und sich auf eventuell vorhandene Risiken vorbereiten. Nicht nur mit dem Blick auf drohende Autozölle aus den USA, sondern auch auf andere wirtschaftspolitische Entwicklungen wie zum Beispiel den Brexit oder den Handelsstreit zwischen den USA und China.

Vor allem die weitere Entwicklung und die mittelbaren Auswirkungen aus diesem Handelsstreit sollten deutsche Unternehmen im Blick haben. Denn die deutsche Industrie lebt direkt und indirekt von globalen Lieferketten. Viele Waren – zum Beispiel Ersatzteile –, die in China gefertigt werden, werden direkt oder über Umwege von deutschen Unternehmen in die USA geliefert. Auf solche Waren können zusätzliche Zöllen anfallen, die zu Lasten der Margen gehen. 

Unternehmen unterschätzen Auswirkung des Handelsstreits

Unser „Future Readiness Index“ hat gezeigt, dass nur eines von fünf deutschen Unternehmen wirtschaftspolitische Entwicklungen als wichtiges Thema der nächsten fünf Jahre ansieht. Das sind zu wenige! Diese Themen sollten die Unternehmen definitiv stärker im Blick haben. Denn mit umfassenden Risikoanalysen und szenariobasierten Handlungsanweisungen können Unternehmen agil auf Herausforderungen reagieren – auch wenn sie überraschend kommen.


Denn eines ist klar: Trotz des positiven Ausblicks nach dem Trump-Juncker-Treffen wird sich die transatlantische Großwetterlage nicht automatisch normalisieren. Deutsche Unternehmen tun deswegen gut daran, sich getreu dem Motto „Hope for the best, expect the worst“ auf die weiteren wirtschaftspolitischen Entwicklungen vorzubereiten. Denn dann sind sie gut gerüstet, wenn ein für sie wichtiger Markt wirtschaftlich gesehen doch zu einem (zu) heißen Pflaster wird. 

Autor

Gabriel Kurt ist Partner bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Der Spezialist für Zoll- und Außenwirtschaftsrecht leitet dort den Bereich Customs and Trade.