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Zukunftsmärkte > Sparda-Bank

In Zukunft ohne Zentrale

Das Vorstandsbüro ist schon geschlossen, Ende des Jahres ziehen alle aus. Die Sparda-Bank bricht mit Ritualen.

Das Vorstandsbüro der Sparda-Bank ist schon geschlossen, Ende des Jahres ziehen alle ausPortrait: MaxThrelfallPhoto

Im Dezember ist es so weit: Die letzten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden den Plattenbau im Berliner Osten verlassen. Die Sparda-Bank Berlin wird dann keine Zentrale mehr haben – als vermutlich einziges Unternehmen Deutschlands. Was wie ein radikales Sparprogramm aussieht, ist Teil einer langjährigen, tiefgreifenden strategischen Neuausrichtung. Es geht um die Zukunft der Genossenschaftsbank in einer sich radikal wandelnden Arbeitswelt.

„Flexibilität ist wichtig“, sagt Frank Kohler, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Berlin. „Das haben wir schon früh als notwendig angesehen.“ Deshalb besitzt die Bank auch keine eigenen Immobilien mehr. Und nutzt jetzt das Ende des Mietvertrags für die 11.000 Quadratmeter, um die Zentrale gänzlich dichtzumachen. Klar sei das auch ein großer Kostenblock, sagt Kohler, aber warum solle die Bank für etwas zahlen, was sie nicht mehr brauche? Das Geld lasse sich besser in die Zukunft der Bank investieren. Entschieden habe man sich 2021 – vor Energiepreisanstieg, Inflation und Ukraine-Krieg.

 

Arbeitswelt anpassen

Wichtig dabei ist für Kohler einerseits der Kontakt zum Kunden, andererseits der drohende Fachkräftemangel. „Spätestens in fünf Jahren werden wir den demografischen Wandel richtig merken“, sagt der 50-Jährige. Die Bank braucht dann frische Kräfte. Und die wiederum suchen ein attraktives Arbeitsumfeld. Eines, für das sie zum Beispiel nicht unbedingt umziehen müssen. Die genossenschaftliche Sparda-Bank Berlin gehört unter den elf deutschen Sparda-Banken zu den größeren. Im Vergleich zur Deutschen Bank oder zur Commerzbank ist sie allerdings klein. Sie entstand 1990 als Nachfolgerin der Reichsbahn­sparkasse der DDR.

„Früher galt: Die Mitarbeiter müssen ihre Lebenswelt der Arbeitswelt anpassen, also zum Beispiel umziehen. Das ändert sich“, sagt Kohler. „Wir müssen die Arbeitswelt der Lebenswelt der Menschen anpassen.“ Das bedeutet zum Beispiel: Die Mitarbeiter möchten nicht jeden Tag ins Büro fahren, aber auch nicht jeden Tag zu Hause arbeiten. Sie wollen keinen Tag Urlaub nehmen, um zu Hause auf einen Handwerker zu warten. Und sie freuen sich, wenn sie sich den Weg ins Büro ­sparen können.

Das hat sich während Corona gezeigt, als Deutschlands Beschäftigte, wo möglich, von zu Hause aus arbeiten mussten. Auch bei der Sparda-Bank Berlin: „Nur 10 bis 20 Prozent der Arbeitsplätze in der Zentrale wurden zu der Zeit genutzt“, sagt Kohler. Schon vor Corona hat das Management immer mal wieder nachgeschaut, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich besetzt sind. Die Zeiten waren zufällig festgelegt. „Im Schnitt waren 50 Prozent besetzt“, sagt Kohler. Der Rückschluss schon damals: Die Zentrale ist möglicherweise unnötig. Bisher haben dort knapp 400 der 780 Beschäftigten gearbeitet.

„Im Schnitt sind 70 Prozent aller Tätigkeiten remote möglich“, sagt Kohler. Eine Faustregel: „Wenn das Thema klar ist und das Ziel, ist eine Videokonferenz geeignet. Wenn eines der beiden unklar ist, ist ein Treffen besser“, sagt Kohler. Auf Vorstandssitzungen etwa werde in der Regel über Sachverhalte entschieden, das lasse sich wunderbar remote erledigen. „Strategische Themen müssen wir dann in einer persönlichen Runde besprechen.“

Kohler spricht bewusst nicht von Homeoffice, denn die Mitarbeiter können auch woanders arbeiten, was mit dem neuen Standortkonzept zu tun hat. 65 hat das Unternehmen derzeit, verteilt über Ostdeutschland. Und in den Standorten soll es Räume geben, die die Mitarbeiter über ein Online-Buchungssystem reservieren können, um in Ruhe arbeiten zu können, wenn es zu Hause zu laut ist. Oder sie treffen sich zum Beispiel in einem Café, um in entspannter Atmosphäre zu sprechen.

 

Mal ganz anders

Auch für die Kunden der Sparda-Bank wird sich einiges ändern. „Wir sind für die Menschen da, für ihre Fragen rund ums Bankgeschäft. Da alle Filialen zu schließen und nur die Zentrale zu behalten, ist zwar radikal und spart Geld, man bleibt aber nicht bei den Kunden und berücksichtigt Mitarbeiterwünsche nicht.“ Also reifte der Entschluss, es ganz anders zu machen: Zentrale streichen, Standorte ausbauen.

Kohler ist wichtig, dass es nicht um „Filialen“ geht. „Wir müssen uns von den Begrifflichkeiten gedanklich lösen. Jeder hat bei Bankfiliale ein Bild im Kopf: Geldautomat, Kontoauszugsdrucker, Beratungstresen, Besprechungszimmer.“ Für die Kontoführung gebe es immer mehr digitale Angebote, Bargeld müsse man nicht in der Filiale abheben. Gleichzeitig steige der Bedarf an Beratung. Für Kohler und sein Team ist deshalb klar: Die neuen Standorte müssen Beratungsmöglichkeiten bieten, aber keine Geldautomaten. Zu sehen etwa im Kombinat 01 in Jena, einem Co-Working-Space, in dem die Sparda-Bank sich eingemietet hat. Kunden können Termine machen und Mitarbeiter finden hier einen Schreibtisch, wenn es ihnen zu Hause zu turbulent wird. Oder Blok O in Frankfurt (Oder). Hier gibt es sogar ein Café.

In Berlin werden gerade zwei Standorte umgebaut, weitere sollen folgen. Ob die alten Filialräume genutzt werden, ist unklar. Kohler setzt auf Standorte, die für Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen geeignet sind. Und die Sparda-Bank ist künftig vertreten, wo sie bisher noch nie war, in Eisenhüttenstadt etwa. Bisher galt immer hoher Aufwand. Aber stimmt der Ertrag? Jetzt eröffnet ein neuer Standort für Beratung in Räumen einer Wohnungsbaugenossenschaft. Und Mitarbeiter, die bisher täglich die 50 Kilometer von Eisenhüttenstadt in die Zentrale nach Berlin und zurück pendelten, können hier auch arbeiten.

Die Bank stattet alle Beschäftigten mit Laptops aus und zahlt eine Pauschale fürs Homeoffice. „Wir wollen die Bank nicht betriebswirtschaftlich auf Kosten der Mitarbeiter optimieren“, sagt Kohler. Zumal sie schwarze Zahlen schreibt. In der Zentrale sind schon drei der sechs Etagen gesperrt. Sie werden nicht mehr genutzt. Auch Kohlers Büro ist weggefallen. Er steuert die Bank jetzt von zu Hause aus. Und spart täglich anderthalb Stunden An- und Abfahrt durch den Berliner Verkehr. 

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