Dienstag, 05.02.2019
Zum Handeln gezwungen: Matthias Meyer, Geschäftsführer von Heller Machine Tools, der britischen Tochter des Werkzeugmaschinenbauers Gebr. Heller Maschinenfabrik, muss wegen des Brexits Arbeitsprozesse umstrukturieren.

Foto: Gebr. Heller Maschinenfabrik

Zum Handeln gezwungen: Matthias Meyer, Geschäftsführer von Heller Machine Tools, der britischen Tochter des Werkzeugmaschinenbauers Gebr. Heller Maschinenfabrik, muss wegen des Brexits Arbeitsprozesse umstrukturieren.

Zukunftsmärkte
Folgen des möglichen EU-Austritt Grossbritanniens

„Wir können mit den Vorbereitungen auf den Brexit nicht mehr warten“

Ein harter Brexit wird immer wahrscheinlicher. Für Unternehmen ist es Zeit, sich darauf vorzubereiten, um wirtschaftliche Schäden zu minimieren. Wie das gehen kann, zeigt der Fall der Gebr. Heller Maschinenfabrik.

Seit zweieinhalb Jahren diskutiert Groß­britannien, wie der eigene EU-Ausstieg aussehen soll. Ende Januar erlitt Premierministerin Theresa May erneut eine Niederlage im Parlament, das den von ihr ausgehandelten Vertrag mit der EU ablehnte. Ende März läuft die Austrittfrist ab – einigen sich EU und Großbritannien bis dahin nicht, kommt ein ungeregelter Brexit. Viele deutsche Mittelständler haben schon Krisenszenarien für diesen Ernstfall in der Schublade. Auch die Gebr. Heller Maschinenfa­brik aus Nürtingen ist vorbereitet. Matthias Meyer, Geschäftsführer der britischen Tochter des Werk­zeugmaschinenbauers, erklärt, wie.

Wie Mittelständler im Ausland erfolgreich werden, erfahren Sie in unserem Schwerpunkt „Internationalisierung“.

Wie ist die Stimmung in der britischen Wirtschaft?

Angespannt. Das ganze Chaos ist für niemanden mehr verständlich, sowohl das Pro- als auch Kontra-Brexit-Lager schämen sich für das Bild, das die bri­tische Politik derzeit abgibt. Viele haben resigniert und wollen nur noch, dass es vorbei ist – auf welche Art auch immer.

Glauben Sie, dass uns ein harter Brexit bevorsteht?

Die Möglichkeit besteht mehr denn je, obwohl ich weiterhin hoffe, dass sich Großbritannien und die EU doch noch einigen. Allerdings läuft uns die Zeit davon. Unternehmen müssen Vorkehrungen treffen für den Fall, dass wieder eine harte Grenze durch den Ärmelkanal verläuft. Mit der Einleitung dieser Vorkehrungen können wir eigentlich nicht länger warten.

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Wie wäre Ihr Geschäft konkret betroffen?

Wir übernehmen in unserem Werk in Redditch die Endmontage einer Produktlinie der Heller-Maschinen, und diese werden dann weltweit ver­sandt. Jede Woche bekommen wir dafür sechs oder sieben Lkw-Ladungen Bauteile und Komponen­ten aus Europa und insbesondere aus Deutschland geliefert. Die Kostensteigerung durch Verzollung ließe sich im Fall eines ungeregelten Brexits mini­mieren, da für den Prozess der passiven Verede­lung keine Zölle anfallen. Aber das Chaos an Tun­nel und Fähre käme uns teurer zu stehen. Wenn ich nicht mehr verlässlich planen kann, wann Bauteile eintreffen, kann ich meine Produktionskapazitäten nicht effektiv ausnutzen, und eine pünktliche Liefer­zusage gegenüber unseren Kunden wird dadurch erschwert. Wir müssten uns gegen die zu erwar­tenden Schwankungen in der Lieferkette absichern, indem wir Sicherheitsbestände einlagern. Aus die­sem Grund sind wir derzeit dabei, weitere externe Lagerflächen anzumieten. Dies verursacht neue Kosten. Außerdem ist zu erwarten, dass die Trans­portkosten steigen werden, wenn die Lkw länger unterwegs sind.

Haben Sie einen Stichtag, an dem Sie Ihre Krisens­zenarien einleiten wollen?

Eigentlich ist unser Stichtag jetzt Anfang Feb­ruar. Aber wir zögern noch, die Maßnahmen umzu­setzen. Wenn es nämlich kurz vor Ablauf der Frist doch noch zu einer Einigung kommt, lassen sie sich nicht so einfach rückgängig machen. Nach einem harten Brexit brauchen wir weitere Arbeitskräfte in der Administration, die die komplexere Liefer- und Zollabwicklung übernehmen und Lieferketten anders strukturieren. Wenn die EU und Großbri­tannien sich aber wider Erwarten in letzter Sekunde einigen: Was mache ich dann mit diesen Arbeits­kräften? Im Grunde müsste ich sie wieder entlassen. Das verträgt sich aber nicht mit der Verantwortung gegenüber unserer Belegschaft. Wir werden daher vermutlich doch bis zuletzt warten und eine Zeit­lang mit Mitarbeitern in der deutschen Mutterge­sellschaft die zusätzlichen Prozesse lokal unterstüt­zen, und erst dann neu einstellen, wenn die Spielre­geln final feststehen.

Erwägen Sie eine Verlagerung Ihres britischen Werks auf den Kontinent?

Wir haben über 40 Jahre Fachkompetenz in Großbritannien aufgebaut, die lässt sich nicht so einfach verlagern. Unsere Infrastruktur, Hallenka­pazitäten, Produktionsanlagen können wir nicht über Nacht hier ab- und woanders aufbauen. Wir werden aus heutiger Sicht weiterhin in Redditch produzieren und mit den Unwägbarkeiten so effek­tiv wie möglich umgehen müssen. Sobald die dauer­haft gültigen Grundlagen der Zusammenarbeit zwi­schen Großbritannien und der EU klar sind, werden wir die Frage aber erneut prüfen.

Info

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Wird sich der Fachkräftemangel mit dem Brexit wei­ter verschärfen?

Kurzfristig eher nicht. Direkt nach einem Brexit kann es auf dem Markt sogar mehr verfügbare Fach­kräfte geben, weil einige Großunternehmen ihre Standorte schließen oder zurückbauen. Aber mittel­fristig wird es schwieriger werden, qualifizierte Kräfte anzulocken, das stimmt. Wie attraktiv kann Großbri­tannien für Arbeitnehmer sein, wenn es rundherum abgekapselt ist? Kein deutscher Ingenieur wird hier­herziehen, wenn er einen ähnlichen Job beispiels­weise in den Niederlanden angeboten bekommt. Dort profitiert er von der Arbeitnehmerfreizügigkeit und weiß, dass seine Sozialversicherungsbeiträge in einem gemeinsamen Topf landen – hier ist das völ­lig unklar. Hinzu kommt die momentane Entwer­tung des britischen Pfund: Auch wenn ein europä­ischer Arbeitnehmer hier seine Lebenshaltung in Pfund zahlt, kalkuliert er realistischerweise zurück in Euro, weil er irgendwann wieder in sein Heimat­land zurück möchte. Und da zeigt sich, dass seit dem Referendum 2016 die realen Einkommen in Groß­britannien um 20 Prozent gesunken sind.

Info

Diese Branchen leiden besonders unter dem Brexit:

 

Seit dem Referendum zum EU-Austritt Großbritanniens im Jahr 2016 sanken die deutschen Exporte auf die Insel von Jahr zu Jahr. Während der deutsche Export insgesamt seit 2015 um 11 Prozent zulegen konnte, sank der Handel mit Großbritannien um mehr als sieben Prozent. Besonders betroffen sind die Pharmaindustrie, deren Exporte um mehr als 40 Prozent einbrachen, und die Automobilindustrie, die seit 2015 über 20 Prozent weniger absetzt.

 

Quelle: Deutsche Bank Research

Gibt es auch Industriebranchen, die von einem radi­kalen Austritt profitierten?

Krisengewinnler gibt es immer. Nach einem Bre­xit wird es vermutlich zu mehr Reshoring kommen. Unternehmen im Maschinenbau beispielsweise wer­den versuchen, ihre Komponenten in Großbritan­nien einzukaufen statt auf dem Kontinent. Aller­dings haben sie nicht viele Anbieter zur Auswahl, da die Industriebasis Großbritanniens nicht so groß ist wie in vergleichbaren europäischen Ländern. Als ich 2003 hierhergezogen bin, war ich schockiert über den Stand des industriellen Gewerbes. Nach der Finanzkrise hat die Politik hier vermehrt investiert, Maschinenparks wurden modernisiert und Produk­tionsstraßen automatisiert, das hat dem Standort gutgetan. Umso bitterer ist, dass jetzt mit dem Bre­xit diesem Wirtschaftszweig wieder ein so heftiger Schlag versetzt wird.

Durch ein zweites Referendum könnte der Brexit noch abgesagt werden. War dann alles nur ein böser Traum – oder bleibt der Vertrauensverlust?

Natürlich gibt es ein paar Entscheidungen, die nicht rückgängig gemacht werden können. Aber den Großteil halte ich für reparabel. Großbritannien hat Vorteile als Zuliefer- und Kundenmarkt. Die wird kein europäischer Unternehmer aus persönlichem Ärger über die politischen Querelen ignorieren. Es mag eine Weile dauern, aber man wird wieder zusammenwachsen. Dessen bin ich mir sicher.