Mittwoch, 14.04.2021

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Innovations-Hotspot Tel Aviv: Israel ist auch für deutsche Mittelständler ein spannender Standort.

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Ist Israel ein Paradies für den Mittelstand?

Israel ist nicht nur Impf-Champion, sondern auch Innovations-Schmiede. Viele Großkonzerne haben bereits in dem Land investiert – der Mittelstand folgt nur zögerlich.

Wer an einem beliebigen Frühlingsabend durch die Straßen Tel Avivs spaziert, der kann leicht vergessen, dass das Land gegen eine globale Pandemie kämpft: Dicht gedrängt sitzen die Menschen in den Bars, plaudern, lachen, trinken. Geschäfte sind geöffnet, Schwimmbäder, sogar Konzerthallen. Dass in Israel schon im Frühjahr möglich ist, wovon die meisten Menschen in Europa zurzeit nur träumen können, verdankt das Land einer hocheffektiven Impfkampagne, die im Rest der Welt Bewunderung, Neid und Neugier auslöste.

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Als entscheidend für den Erfolg der Kampagne bewerten Experten Israels digitalisiertes Gesundheitssystem sowie seinen Ruf als Hightech-Nation. Der bewog den US-Hersteller Pfizer offenbar dazu, das Land bevorzugt zu beliefern: Das Unternehmen wusste, dass Israel seine Bevölkerung schneller durchimpfen kann als die meisten anderen Länder – und relevante Gesundheitsdaten, die Aufschluss über die Wirkung des Impfstoffs geben, digital erfassen kann.

"Pfizer hat Israel als großen Feldversuch gewählt", sagt der deutsche Virologe Christian Tidona, "und diese Daten nutzen jetzt beiden Seiten." Da stellt sich die Frage: Wenn Israel eine Jahrhundertaufgabe wie die Corona-Impfkampagne so souverän organisiert – wie attraktiv ist das Land im Nahen Osten sonst noch für ausländische Unternehmen?

Deutsche Mittelständler zu zurückhaltend

Der Hightech-Standort Israel ist nicht erst seit der Corona-Krise für ausländische Unternehmen und Investoren interessant: Viele große deutsche Konzerne, darunter die Deutsche Telekom, Bosch, Daimler und BMW, unterhalten Forschungs- und Entwicklungszentren dort, investieren in Start-ups oder kaufen sie auf: So übernahm Continental 2017 das Cyber-Security-Start-up Argus für rund 430 Millionen US-Dollar. Mittelständler wagen sich dagegen nur zögerlich vor, wie der Deutsche Mittelstands-Bund auf seiner Website schreibt. Dabei habe Israels Hightech-Sektor gerade mittelständischen Unternehmen viel zu bieten: "Vor allem neue Technologien und Trends sowie sich verändernde Märkte sollten mittelständische Unternehmen dazu veranlassen, Kooperationen mit Start-ups zu suchen, um nicht langfristig hinter nationale wie multinationale Unternehmen zurückzufallen."

Welche Branchen besonders boomen Auswahl gibt es reichlich: Über 9000 aktive Start-ups existieren in Israel, und das Land hat die höchste Ingenieursrate pro Einwohner weltweit. Der Staat investiert seit Jahrzehnten gezielt in Innovation, fördert Inkubatorenprogramme und schafft günstige Konditionen für Investoren; die Armee hat hochtechnologisierte Aufklärungseinheiten, die als Kaderschmiede für Hightech-Entrepreneure gelten; und nicht zuletzt spielen auch Unterschiede in der Mentalität eine Rolle. "In Israel ist man sehr lösungsorientiert, während man bei uns sehr problemorientiert ist", sagt der Virologe Tidona, der den israelischen Markt seit vielen Jahren kennt. Er ist Gründer und Geschäftsführer des BioMed X Innovation Centers in Heidelberg, eines unabhängigen biomedizinischen Forschungsinstituts, das sich als Brücke zwischen Wissenschaft und Industrie versteht.

Tidona hat selbst in Israel investiert, sitzt im internationalen Vorstand des israelischen Weizmann-Instituts und baut derzeit eine Niederlassung seines Centers in Israel auf. "Das höchste Ideal eines israelischen Unternehmers ist Agilität, also schnell reagieren zu können", fügt er hinzu. "Das höchste Gut eines deutschen Mittelständlers ist Perfektion." Deutsche Firmen können nicht nur von der Innovationskraft des israelischen Hightech-Ökosystems profitieren, sondern insbesondere im Gesundheits- und Medizintech-Sektor auch eigene Produkte ausprobieren. "Israel ist in unserer Branche ein idealer Testmarkt", sagt Tidona.

Die vier großen Gesundheitsversorger, die den israelischen Markt unter sich aufteilen, führen seit Jahrzehnten digitale Patientenakten und sammeln anonymisierte Gesundheitsdaten zu Forschungszwecken – für große Gesundheits- und Pharmaunternehmen eine gute Möglichkeit, gebündelte Daten über die Wirkung ihrer Produkte zu erhalten, wie es etwa im Fall von Pfizer geschah.

Warum sich dennoch so wenige deutsche Mittelständler in den israelischen Markt vorwagen, hat die Bertelsmann-Stiftung 2019 in einer Studie untersucht. Sie identifizierte drei zentrale Hürden: mangelnden Marktzugang, fehlenden Überblick über die relevanten Akteure auf dem Markt und einen Mangel an internen Ressourcen, um passende Partner zu finden. Tidona hat zudem kulturelle Unterschiede beobachtet, die die Zusammenarbeit oft erschweren. "Wenn Sie dort Verträge verhandeln und es um die Vereinbarung von Meilensteinplänen geht, dann ist der Deutsche sehr zurückhaltend mit ambitionierten Versprechungen", berichtet er. "Der sagt: Das dauert drei Jahre, bis wir das richtig entwickelt haben. Und dann sagt der Israeli: Naja, wir haben drei Monate Zeit. Das schreckt viele deutsche Mittelständler ab. Die sagen, das ist mir zu hemdsärmelig."

Seit Kurzem können deutsche Firmen bei der Suche nach israelischen Partnern immerhin auf Unterstützung bauen: Ende 2020 gründete das ELNET, eine nicht staatliche Organisation zur Stärkung der deutsch-israelischen Beziehungen, das "German Israeli Network of Startups & Mittelstand", kurz GINSUM, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt wird. Das Programm soll zunächst für zwei Jahre laufen und deutsche Mittelständler mit israelischen Start-ups verknüpfen. Christian Tidona ist überzeugt, dass sich die Mühe lohnt: Viele deutsche Firmen, meint er, könnten von der Wendigkeit und dem Einfallsreichtum israelischer Start-ups profitieren. "Wie schon Beate Uhse als große Unternehmerin sehr richtig erkannt hat: Nicht die Großen werden die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen."

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