Mittwoch, 10.11.2021

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Seltsamer Rekord: Auf 100 000 Einwohner kommen in Deutschland rund 300, die sich jährlich ein künstliches Hüftgelenk leisten.

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Joachim Grifka revolutioniert die Hüft-OP

In Regensburg hat eine 71jährige Patientin, die ein Jahr lang nur mit einem Stock gehen konnte, eine neue Hüfte bekommen und trat drei Stunden nach der Operation mit einem strahlenden Lächeln vor ein staunendes Fachpublikum. Ihr Arzt, Professor Joachim Grifka, wirbt so für seine "Ultra-Fast-Track"-Methode, die Schmerzen und Kosten spart. Warum zögern so viele Ärzte noch, seinem Vorbild zu folgen?

Die Deutschen schaffen einen merkwürdigen Rekord: Auf 100 000 Einwohner kommen hierzulande rund 300, die sich jährlich ein künstliches Hüftgelenk leisten. Das ist so ziemlich Weltspitze. Im EU-Durchschnitt sind es etwa halb so viele. Viele Operationen bedeuten viele Ärzte, die diese Operationen machen. Einer, der dabei ganz vorne liegt, sozusagen der Haus- und Hofmeister der Hüftgelenks-Zunft, ist Professor Joachim Grifka. Und der gab jetzt eine Kostprobe seines Könnens, die die Fachwelt in Erstaunen setzt und die Patienten aufhorchen lässt.

Der Professor mit dem angegrauten Haar ist einer von denen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Die originalen Hüften der Deutschen, die sie so oft gegen künstliche austauschen, gingen nicht schneller kaputt als die von anderen auch, nur sei die Operation im Fallpauschalensystem begünstigt, erklärt er unverblümt und spielt damit auf ein Vergütungssystem an, dessen Folge es ist, dass dem Wort "Hüftgold" eine ganz neue Bedeutung zugekommen ist. Was sich für Krankenhäuser und Ärzte lohnt, kann allerdings für Patienten schmerzhaft und ihre Arbeitgeber aufwendig werden: Die Kosten, die entstehen, wenn Patienten operiert und anschließend lange in die Reha müssen, sind hoch, Angehörige müssen pflegen, der Arbeitgeber muss die ausfallende Arbeitskraft ersetzen.

Deswegen hat Grifka seine Idee auch gegen Widerstände vorangetrieben. Er ist überhaupt einer, der Ideen hat, die in seinen eigenen Fachkreisen manchmal auf wenig Gegenliebe stoßen. So hatte er jüngst auch seine "Zweitmeinungsklinik" vorgestellt, die dazu dienen soll, Patienten zu beraten und zu untersuchen, die von ihrem Orthopäden bereits eine Diagnose bekommen haben. Was er erntete, war kein Lob für die vom Gesetzgeber sogar empfohlene angebotene zweite Meinung, sondern ein Shitstorm einiger Etablierter.

Sei’s drum. Der 63jährige Lehrstuhlinhaber für Orthopädie der Universität Regensburg und Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Asklepios Klinikum Bad Abbach, der unter anderem auch schon den Innovationspreis des Forschungsministeriums für seine "verbesserte Navigationstechnik bei künstlichen Knie- und Hüftgelenken" abgeräumt hat, lud neulich Kollegen zur Live-OP ins Krankenhaus. Seine Patientin war die 71jährige Renate Lachner, deren Diagnose "eingesteifte Hüftarthrose" lautete. Sie brauchte eine Hüfte. Grifka operierte vor laufender Kamera, anschließend nahmen die Kollegen ihr Mittagsmahl ein, kurz nach dem Dessert trat Lachner mit Turnschuhen, zwei Krücken und einem breiten Lachen auf die Bühne und drehte im Hörsaal eine zügige Runde. Aus der Hüft-Operation, die oft Narben fürs Leben hinterlassen hat, ist ein Eingriff geworden, den die Betroffenen schnell vergessen können.

Wie das geht? Grifka erläutert seine Operationsmethode, die sich Ultra-FastTrack-Endoprothetik nennt - was nach Überholspur klingt, aber tatsächlich Schmerzen und Kosten spart: Üblicherweise würden bei Hüftoperationen Muskeln zerschnitten, es komme zu Blutungen, das führe zu Schmerzen. Grifka macht es anders: Es gibt einen kurzen Hautschnitt, die Muskulatur wird nur mit den Fingern auseinandergedrängt und durch die Muskellücke wird das Implantat geschoben. Der Patient braucht keine Wunddrainage mehr. Es wird keine Vollnarkose gemacht, sondern eine nur kurz wirkende Teilnarkose - "wie beim Zahnarzt", sagt der Professor. So kann der Patient schon nach zwei bis drei Stunden aufstehen und sich selbst versorgen. Dieses Vorgehen hat er für Hüft- und Knieprothesen etabliert. Wichtig ist ein speziell konzipiertes Trainingsprogramm vor der Operation. Hinterher gibt’s Reha, die aber wegen des schonenden Eingriffs und des vorherigen Trainings kurzzeitig stationär oder ambulant ist.

Die anwesenden Ärzte applaudierten. Aber Grifka weiß: "Erstmal kommt der Wind von vorn." Was ihn umtreibt, hat der Berliner Mediziner Ulrich Nöth in einem Fachartikel im Magazin "Der Orthopäde" im vergangenen Jahr so zusammengefasst und dabei Grifka aus der Seele gesprochen. Nöth, ebenfalls Professor mit Spezialgebiet Hüfte und Knie schreibt: "Im organisatorischen und medizinischen Bereich stehen die Angst vor Veränderungen, das Festhalten an alten Traditionen und Restriktionen, die geringe Bereitwilligkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit sowie die fehlende Bereitschaft, eine externe Prozessanalyse einzusetzen, im Vordergrund." Nöths Befund ist damit eine Klatsche für die Chirurgen-Zunft. Grifka würde das vermutlich unterschreiben – aber sich auf gar keinen Fall damit abfinden. Die Vorteile des ambulanten OP-Verfahrens kommen auch denjenigen Patienten zugute, die für wenige Tage stationär sind. Sein Ziel: in fünf Jahren die Hälfte aller Hüftpatienten als Kurzzeitpatienten auf der Überholspur zu operieren.

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