Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Zukunftsmärkte > Künstler und Kaufmann

Kunststoff soll nicht nur Stephan Koziol glücklich machen

Stephan Koziol leitet seit fast 40 Jahren erfolgreich den gleichnamigen Kunststoffverarbeiter. Wie es sich für Teile des Odenwalds gehörte, erlernte er aber zunächst einen heute fast ausgestorbenen Beruf.

Das Koziol Design-Outlet hat am ersten Werktag in der Woche eigentlich immer geschlos­sen. Aber wenn Kunden ihren Besuch in dem klei­nen Ort Erbach im Odenwald für einen Montag ankündigen, öffnet der Shop trotzdem – dafür sorgt der Chef höchstpersönlich. Stephan Koziol begrüßt vor dem Eingang einen älteren Mann mit Halbglatze und dessen Frau. Später sagt er: „Die haben einen weiten Weg hinter sich.“

Offen sein, sich nicht von Regeln einengen lassen und wissen, was der Kunde will – mit dieser Einstellung hat der geschäftsführende Gesellschafter sein Unternehmen in den vergangenen 38 Jahren zu einem Hidden Champion gemacht. Heute produziert die Koziol Ideas for Friends GmbH jährlich mehrere Millionen Stück Designartikel für den Haushalts- und Wohnbereich. Rund 3.000 Händler in 50 Ländern belie­fert das Unternehmen mit WC-Bürsten, Käsereiben oder Leuchten aus Kunststoff. Der Jahresumsatz soll rund 25 Millionen Euro betragen. Offizielle Angaben dazu gibt es nicht.

Kein Masterplan

Auch wie viel das Unterneh­men verdient, kann Stephan Koziol nicht sagen – aber nicht aus Diskretion oder mittelständischem Understatement. Stephan Koziol ist schlichtweg ein Kreativer, einer, der lieber neue Ideen ausheckt, als über Bilanzen zu brüten. Diese Haltung sieht man dem 65-Jährigen auch sofort an: Das Gesicht mit dem weißen, gepflegten Vollbart blickt immer freundlich drein, und das Hemd hängt selbst bei offiziellen Anlässen lässig über die Hose. Das kommt nicht von ungefähr.

Geistiger Vater des Unternehmens in seiner jetzigen Form ist sein Großvater Bernhard Joseph Koziol. Der Keramiker stellt in der gräflichen Kunsttöpferei in Erbach seit 1912 Geschirr für den täglichen Bedarf her, aber auch dekorative Artikel. 1927 gründet dessen Sohn Bernhard eine Elfenbeinschnitzerei. Als Arbeitsgerät dient ihm eine umge­baute Nähmaschine. Die Tradition, das weiße Gold zu bearbeiten, geht im Odenwald bis in das 18. Jahrhundert zurück.

 

Mehr Artikel unserer Serie „Macher“ finden Sie auf unserer Themenseite.

Vier Jahre später stellt Bernhard Koziol die Produktion aus Kostengründen auf Kunststoff um. Zunächst wird im Spritzgussverfahren Schmuck mit Blumen- und Tiermotiven hergestellt, die Kolorierung erfolgt noch per Hand. Später kommen Spiele, Haushaltsartikel und Schneekugeln hinzu. Reüssieren kann der Fabrikant mit Ansteckern von beliebten Touristenzielen. Laut einer Unternehmensbroschüre wird Bernhard Koziol damit Marktführer.

Design macht glücklich

Auch Stephan Koziol lernt Elfenbeinschnitzer. Allerdings zögert er zunächst, das Unternehmen zu übernehmen. Das ändert sich, als der damalige Controller den jungen Mann zur Seite nimmt: „Er sagte mir, dass ich mich tummeln soll, weil es die Firma sonst bald nicht mehr gibt“, erzählt er. 1979 übernimmt er schließlich zusammen mit seinem Bruder das Ruder. Einen Masterplan hat er nicht. Klar ist nur, dass sich der Kundengeschmack geändert hat: Anstatt in Sou­venirbuden geben die Menschen ihr Geld nun vor allem in den großen Warenhäusern aus.

Das erste erfolgreiche Neuprodukt sind herzförmige Schalen, die Koziol bald in verschiedenen Grö­ßen und Farben produziert. 1990 lernt er in Mailand Matteo Thun kennen. Der Designer entwickelt eine Kollektion aus henkellosen Porzellantassen, bei denen ein breiter Isolationsring zum Greifen die Tasse umschließt. Damit sind die Pfeiler des Erfolgs eingerammt: Funktionalität und Design.

Der britische Designer Sebastian Conran soll einmal gesagt haben: „Koziol puts a smile on my mind.“ Es sind Produkte wie diese, die bei den Menschen gut ankommen: der Frosch „Fred“, dessen herausziehbare Zunge ein Maßband ist, oder das Schreibtischmännchen „Curly“, dessen Frisur aus Büroklammern besteht. Die Botschaft, dass Koziol-Produkte glück­lich machten, bestimmt von nun an die weitere Entwicklung – und das Marketing. Inspiration hole er sich aus der Mode, der Kunst, von Filmen, der Musik oder aus Gesprächen mit Kunden, sagt Stephan Koziol. Durch Letzteres ist die Idee zur „Miaou“-Kollektion entstanden: WC- und Küchenrollenhalter, die nicht nur bei Katzenfans beliebt sind.

Zwischen Kunst, Kommerz und Kitsch

Einzelne smarte Designprodukte sind jedoch zu wenig, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Eine Markenstory muss her. Von den Flagstores des Kristallglasherstellers Swarovski und des Plüschtierproduzenten Steiff lässt sich der Unternehmer zu einem eigenen Museum inspirieren. Das millionenschwere Projekt eröffnet 2012. In der hauseigenen Erlebniswelt sind die Grenzen zwischen Kunst, Kommerz und Kitsch fließend: In kuscheligen Nischen mit viel Blingbling werden Produkte von früher und historische Dokumente gezeigt; für jedes Jahrzehnt präsentiert eine Produktionsmaschine den Zeitgeist und die Unternehmensentwicklung anhand von einzelnen Artikeln. Für einen Betrieb mit 180 Mitarbeitern dürfte ein solches Museum eher Seltenheitswert haben.

Im neunzigsten Jahr seines Bestehens hat die Selbstinszenierung des Unternehmens den Höhepunkt ihres Glücksversprechens erreicht: Das Museum stellt eine „Geschichte des Glücks“ aus, die Produktionshalle nennt sich „Glücksfabrik“, und Stephan Koziol ist der „Glücksfabrikant“ himself. Ob die Mitarbeiter deshalb glücklicher sind als bei anderen Arbeitgebern, bleibt offen.

Stephan Koziol hat immer wieder erfolgreich auf neue Trends reagiert. Von der Küche hat sich das Sortiment in Richtung Bad- und Wohnbereich verlagert. Mittlerweile haben auch Koziol-Produkte in geometrischer Knickoptik oder mit kristalliner Oberfläche den Weg in die Serienproduktion gefun­den. Ein zweites Standbein sind Aufträge für Industriekunden geworden. Darauf entfallen rund 15 Prozent des Umsatzes. Aber egal ob B2B oder B2C – alle Produkte werden zu 100 Prozent in Erbach entwickelt, produziert und von dort aus vermarktet.

Blickt der gelernte Elfenbeinschnitzer Stephan Koziol zurück, ist er zufrieden. Er hat seinen Weg als Mittelständler gefunden. Dafür musste er sich nicht einmal von seinem Künstlerdasein verabschieden: „Ideen in reale Produkte umzusetzen kann man nur in wenigen Berufen“, sagt er, „das ist es, was mich am Unternehmertum so fasziniert.“


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 9/2017. Hier können Sie „Markt und Mittelstand“ abonnieren.

Ähnliche Artikel