Montag, 05.03.2018
Mexiko ist eines der Hauptziele des deutschen Mittelstands in Lateinamerika, vor allem in der Automobildindustrie.

Bildquelle: Chesky_W/Thinkstock/Getty Images

Mexiko ist eines der Hauptziele des deutschen Mittelstands in Lateinamerika, vor allem in der Automobildindustrie.

Zukunftsmärkte
Märkte mit Hindernissen

„Lateinamerika ist ein Marathon“

Für Lateinamerika brauchen Mittelständler einen langen Atem. Dann kann sich ein Engagement in der Region durchaus lohnen, analysiert Peter Stindt von der Santander Bank.

Lateinamerika ist ein schwieriges Pflaster für den deutschen Mittelstand. Wirtschaftlich gesehen, bilden die 33 Staaten der Region einen regelrechten Flickenteppich: Schwergewichte wie Brasilien erwirtschaften jedes Jahr ein Billionen-BIP, während Venezuela derzeit in einer hausgemachten Staatskrise versinkt. Guten Gewissens könne man deutsche Firmen daher nur in einige Länder der Region schicken, meint Peter Stindt, Leiter Corporate Banking bei Santander. Im Interview erklärt er, welche Branchen vor Ort derzeit auf große Nachfrage treffen und welche Risikoabsicherung sinnvoll ist.

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Herr Stindt, nach einer langen Durststrecke geht es mit der Wirtschaftsleistung Lateinamerikas derzeit wieder bergauf. Wird nun alles gut?
Wer in lateinamerikanischen Märkten aktiv ist, muss sich von vornherein auf eine Achterbahnfahrt einstellen: Das Wachstum einzelner Länder und der Gesamtregion geht mit extremen Ausschlägen immer wieder rauf und runter. Das muss das Geschäftsmodell aushalten. Ein jahreslanges stetiges Wachstum wie derzeit in Deutschland erhofft man vergebens. Trotzdem lohnt es sich, vor Ort zu sein und die dynamischen Jahre mitzunehmen. Lateinamerika ist ein Marathon und kein Sprint. Ich empfehle daher, die Geschäfte vor Ort in einer Tochtergesellschaft zu organisieren, die in der lokalen Währung bilanziert. Sie kann die Währungs- und Konjunkturschwankungen mitmachen und die Geschäfte an die jeweilige Wirtschaftslage anpassen.

Peter Stindt ist Leiter Corporate Banking bei Santander.

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Peter Stindt ist Leiter Corporate Banking bei Santander.

Welche Länder sind momentan attraktiv für deutsche Mittelständler?
Brasilien und Argentinien werden 2018 die Wachstumslokomotiven sein, da sind sich die Experten einig: In beiden Ländern ist die Bevölkerung groß und wird immer konsumfreudiger. Außerdem schafft die Politik nach Kräften positive Bedingungen für die Wirtschaft. Auch in Chile ist derzeit eine große Dynamik spürbar, angetrieben vor allem von chinesischen Investoren, die dort in großem Stil Kupfer kaufen. Peru und Kolumbien sind ebenfalls vielversprechende Märkte, allerdings noch zu klein, um aus Sicht deutscher Mittelständler in der ersten Reihe zu stehen.

Was ist mit Mexiko?
Mexiko war schon 2017 der Underperformer der Region. Der große Vorteil von Mexiko war immer die Mitgliedschaft im Nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta und der damit verbundene freie Zugang zum US-Markt. Seitdem Donald Trump das Freihandelsabkommen jedoch in Frage stellt und die Beziehungen zu Mexiko auch durch andere Parolen politisch verkompliziert, wackelt das Konstrukt. Deutsche Firmen zögern daher zu Recht mit ihrer Expansion im Markt.

Vor welchen Ländern Lateinamerikas sollten sich Mittelständler hüten?

Aufgrund ihrer Größe und Wirtschaftsstruktur fallen einige lateinamerikanische Länder als Absatzmärkte für industrielle Mittelständler aus Deutschland raus, auch ohne dass sie bestimmte Gefahren beinhalten. Uruguay beispielsweise spielt höchstens eine untergeordnete Rolle im deutschen Außenhandel, unter anderem weil ausländische Investoren das Land nicht kennen, genauso wie die Karibikstaaten. Ein No-Go ist aufgrund der aktuellen politischen Situation sicherlich Venezuela.
Wie sollte ein Mittelständler vorgehen, der nach Lateinamerika expandieren will?
Ich rate Unternehmern immer, sich mittels neutraler Instanzen über einen Standort zu informieren. In Deutschland haben wir ein breites Netz an guten Institutionen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen: den Lateinamerika-Verein, den Bundesverband der Deutschen Industrie oder auch den Deutschen Industrie- und Handelskammertag mit seinen Auslandskammern. So erhalte ich ein erstes Gefühl dafür, ob es für mein Produkt überhaupt einen Markt gibt, über welche Kanäle ich potentielle Kunden erreichen kann und auf welche kulturellen Besonderheiten ich achten muss. In jedem Fall empfehle ich Mittelständlern, fokussiert vorzugehen und sich erst einmal auf ein Land zu konzentrieren. Erst wenn das Geschäft dort läuft, können sie in die Anrainerstaaten ausschwärmen. Von Anfang an mehrgleisig zu fahren ist komplex und riskant.

Info

ExportManager-Forum Brasilien“ – Aufbruch in eine neue Wachstumsphase

Datum: 4. Juni 2018, 16 bis 19 Uhr
Ort: Redaktionsgebäude F.A.Z., Frankfurt am Main

Wie lassen sich unternehmerische Risiken vor Ort absichern?
Das hängt jeweils vom Geschäftsmodell ab. Einzelne Exportgeschäfte kann man über eine Hermes-Deckung oder über entsprechende Auslandsversicherungen der Versicherungswirtschaft oder der KfW-Gruppe absichern. Hier ist gerade die DEG sehr aktiv und erfolgreich in der Begleitung nach Südamerika. Bei der Gründung einer Vertriebs- oder Tochtergesellschaft sollten deutsche Firmen mit lokalen Banken zusammenarbeiten, wo idealerweise die Mutter in Europa sitzt. Sie kennen die Finanzierungsbedarfe vor Ort am besten und können im Gründungsprozess weitere Tipps geben oder Kontakte vermitteln. Generell sind die unternehmerischen Risiken in Lateinamerika nicht vielfältiger als anderswo. Im Auslandsgeschäft erfahrene Unternehmer können ihr Risikomanagement daher genauso aufsetzen wie in ihren anderen Märkten.

Welche deutschen Branchen kommen auf dem lateinamerikanischen Markt besonders gut an?
Ein ganz großes Thema ist in Lateinamerika die Logistik. Also: Wie liefere ich ein Produkt von seiner Fabrik im Dschungel in den Hafen, um es von dort zu verschiffen? Insofern treffen alle Logistikinvestitionen und -dienstleistungen auf großen Bedarf. Die dezentrale Industriestruktur ist auch eine Herausforderung für die Energieversorgung, für die deutsche Unternehmen traditionell gute Lösungen liefern. Aus der wachsenden und wohlhabender werdenden Bevölkerung heraus entstehen zudem Bedarfe im Pharmasektor, bei Gesundheitsdienstleistungen, in der Ausbildung und der Kommunikation. Die heranwachsende Mittelschicht stimuliert auch den Konsum.

Was ist mit dem Maschinenbau?
Selbstverständlich gibt es auch viele Einsatzgebiete für deutsche Maschinen. Lateinamerikanische Länder verfügen über viele Rohstoffe, die abgebaut werden müssen. Die Landwirtschaft ist zudem einer der wichtigsten Wirtschaftszweige, häufig aber noch vorindustriell unterwegs – da gibt es einigen Modernisierungsbedarf. Auch Automobilzulieferer treffen auf einen aufnahmebereiten Markt, da alle großen Hersteller in Mexiko und Brasilien produzieren.

Info

Was gehört zu Lateinamerika?
Im engeren Sinne umfasst Lateinamerika alle spanisch- und portugiesischsprachigen Länder Nord- und Südamerikas. Da sich der Wortteil „Latein“ generell auf romanische Sprachen bezieht, werden üblicherweise aber auch diejenigen Länder Südamerikas und der Karibik miteinbezogen, in denen die Bevölkerung Französisch spricht. 2010 hat sich auf Grundlage dieser breiteren Definition die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) zusammengeschlossen. Sie umfasst 33 Staaten. Lateinamerika hat eine Gesamtbevölkerung von über 550 Millionen Menschen und eine Gesamtfläche von mehr als 20 Millionen Quadratkilometern.