Mittwoch, 20.04.2022
Christian Lindner
Zukunftsmärkte

Lindner: Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell

Der Bundesfinanzminister fordert zum Auftakt des Ludwig-Erhard-Gipfels eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Wirtschaft und Politik. Es sei nicht mehr tragfähig, Sicherheit an die USA, Energie an Russland und Markterfolg nach China auszulagern.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) fordert Politik und Wirtschaft in Deutschland zu einer umfassenden Neuausrichtung auf. Russlands Aggressionskrieg in Europa decke auf, dass das bisherige „Geschäftsmodell Deutschlands“ nicht mehr tragfähig sei, sagte Lindner vor dem Ludwig-Erhard-Gipfel, der in dieser Woche am Tegernsee stattfindet. „Unser Geschäftsmodell hat in Teilen darauf basiert, günstige Energie aus Russland zu importieren. Ich sehe das nicht mehr zurückkommen“, warnt Lindner. Zugleich werde mit der Kriegsbedrohung klar, dass Deutschland seine eigene Sicherheit kaum gewährleisten könne und diese „an die USA outgesourct“ habe. Auch dies könne so nicht weiter gehen. „Wir haben uns sogar in ein dreifaches Risiko begeben. Bei Energie aus Russland, Sicherheit aus den USA und Geschäften mit China sind wir jeweils in zu große Abhängigkeiten geraten.“


Lindner sieht daher die Notwendigkeit zu einem strategischen Neubeginn: „Wir müssen unser Geschäftsmodell neu begründen.“ Deutschland brauche eine starke Bundeswehr, neue Energiequellen, sauberere Technologien, andere Lieferketten, innovativere Produkte und „eine neue Kultur der Anstrengung in unserer Marktwirtschaft. Die Wohlstandsgewinne durch günstige Energieimporte werden nicht wieder kommen.“


Lindner fordert den „forcierten Ausbau von erneuerbaren Energien“ und nennt diese „Freiheitsenergien, weil sie uns unabhängig machen“. Zugleich müsse sich der Energieimport ändern, „weg von fossilen Energieträgern hin zu Wasserstoff und auch synthetischen Kraftstoffen aus möglichst vielen Weltregionen. Wir müssen uns diversifizieren.“


Lindner fordert außerdem die Exploration heimischer Öl- und Gasreserven. In Anbetracht des Ukraine-Krieges und der dadurch ausgelösten Energiekrise müsse Deutschland „umdenken und umlenken“. „Um es klar zu sagen. Ich halte die Festlegung des Koalitionsvertrages, dass wir in der Nordsee nicht mehr Öl und Gas fördern wollen und keine neuen Felder explorieren wollen, für aus der Zeit gefallen.“ Deutschland habe „Reserven bei den Rohstoffen, die wir bislang nicht nutzen“.


Lindner verweist auf die drohende Versorgungslücke durch ausbleibende Lieferungen aus Russland. Deutschland müsse energiepolitisch stärker „auf eigenen Beinen stehen“. Daher werde man die Erneuerbaren Energien systematisch ausbauen. Aber man müsse auch Alternativen ins Auge fassen. Die heimische Öl- und Gasexploration habe „angesichts des gestiegenen Energiepreisniveaus eine ganz andere Wirtschaftlichkeitsperspektive als man zuvor vermutet hat“. Hier müsse man „mit unseren europäischen Partnern“ ins Gespräch kommen. „Insbesondere mit den Niederlanden müssen wir schauen, was da in der Nordsee konkret geht“, sagte der Bundesfinanzminister. Allein aus dem Erdgasfeld im deutsch-niederländischen Grenzgebiet in der Nordsee bei Borkum könnte nach Schätzungen des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie jährlich rund eine Milliarde Kubikmeter Gas gefördert werden.


Der „Ludwig-Erhard-Gipfel“ gehört zu den wichtigsten Meinungsführertreffen Deutschlands und findet am 21. und 22. April am Tegernsee statt. Dabei diskutieren namhafte Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien aktuelle Fragen der Zeit. Der thematische Fokus liegt in diesem Jahr auf Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Folgen für Europa.

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