Dienstag, 23.08.2022
Zukunftsmärkte
Energiekrise

Logistikbranche erwartet nächsten Preisschub

Mit dem Auslaufen des Tankrabatts bekommen die Spediteure ein Problem. Sie versuchen die Preissteigerungen an ihre Kunden weiterzugeben – doch die ziehen nicht immer mit. Werden Lieferungen hängen bleiben?

Die Logistikbranche erwartet zum September einen neuen Preisschub: Zusatzkosten werden an den Kunden weiterberechnet

Bild: Shutterstock

Die Logistikbranche erwartet zum September einen neuen Preisschub. Zum einen fällt der so genannte Tankrabatt weg, der den Dieselpreis um durchschnittlich 20 Cent verbilligt hat. „Diese Zusatzkosten müssen wir unseren Kunden weiterberechnen, wenn wir nicht in die roten Zahlen fahren wollen“, erklärt Andreas Kempf, Geschäftsführer der Spedition Benzinger in Tiefenbronn bei Pforzheim. Der Mittelständler hat im vergangenen Jahr mit 600 Beschäftigten einen Umsatz von 65 Millionen Euro erzielt und gehört damit zu den größten Unternehmen der Branche. Zudem sei mit weiter steigenden Preisen zu rechnen, wenn nach den Sommerferien auch mehr gewerblich und privat gefahren wird. Damit nicht genug: Wie die Spedition Benzinger haben viele Transportunternehmen bisher nicht alle Kosten weitergegeben. „Steigende Kosten für Personal, Wartung und Betriebsstoffe wie beispielsweise Adblue haben wir bisher nicht verrechnet. Das macht insgesamt etwa zehn Prozent der Frachtkosten aus“, erklärt Kempf. Diese Kosten könne man auf Dauer nicht alleine tragen und werde somit im Herbst die Frachtraten weiter verteuern müssen.
 
Die Transportbranche ist besorgt, weil die Veränderungen des Spritpreises nur zeitverzögert weiterberechnet werden. Der so genannte Dieselfloater, der die Preisschwankungen an den Tankstellen in den Frachtraten abbildet, kommt je nach Vertragsgestaltung erst nach einem oder sogar erst im übernächsten Quartal zum Tragen. Viele Spediteure erwarten deshalb eine zusätzliche Liquiditätsbelastung, die vor allem für kleinere Unternehmen zur Herausforderung wird. „Unsere Transportbranche ist sehr mittelständisch geprägt. Rund 30.000 Unternehmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. Da ist nicht viel Spielraum“, erklärt Kempf.  Zumal die Logistik traditionell nur geringe Margen erwirtschafte.

Gespräche über Preiserhöhungen laufen schon

Große Unternehmen wie Benzinger sind bereits mit den Kunden im Gespräch, um die Kosten weitergeben zu können.  „Selbst bei unserer Flottengröße von 400 Fahrzeugen sind Verzögerungen nicht drin. Nur so halten wir den Betrieb am Laufen“, unterstreicht Kempf und ergänzt: „Wir bei Benzinger haben deshalb mit unseren Kunden kurzfristige Tarifanpassungen vereinbart. Kunden, die allerdings den von uns nicht verursachten Kostenschub nicht mittragen können oder wollen, müssen wir absagen. Wir können sie bei diesen Preisen dann schlicht nicht mehr bedienen.“

Verbrauchern steht böse Überraschung bevor

Der Verband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) hatte bereits im Frühjahr einen „Gewerbediesel“ zum Nettopreis von 1,30 Euro je Liter für die rund 500.000 deutschen Lastwagen vorgeschlagen. Abweichungen nach oben sollten nach diesem Modell dann vorübergehend von der öffentlichen Hand ausgeglichen werden. „Passiert ist aber bisher nichts Nachhaltiges. Der Tankrabatt hat den Preisschub lediglich in den Herbst verschoben. Jetzt steht den Verbrauchern nach den Ferien eine böse Überraschung bevor“, warnt Kempf.

Bürokratie verhindert Fahreranwerbung

„Die Debatte um die Gasversorgung hat die Entwicklung in der Logistik gefährlich überlagert“, erläutert Kempf. Dabei leidet die Branche neben den gestiegenen Energiekosten auch unter massivem Fahrermangel. „Doch Fachkräfte außerhalb der EU anzuwerben ist wegen der hohen bürokratischen Hürden nahezu unmöglich“, klagt Kempf. Dabei sei die Versorgung der deutschen Wirtschaft mit den notwendigen Gütern bereits heute in Gefahr. Auch Benzinger sucht laufend Fahrer für seine Flotte. „Wir würden auch junge Leute von Grund auf ausbilden, doch niemand will diese interessante technische Lehre in Angriff nehmen“; so Kempf. Sein Fazit lautet: „Der Dominostein Logistik wankt bedrohlich. Es wird also Zeit, dass in Berlin die richtigen Weichen gestellt werden sonst kippt bald auch die Versorgungssicherheit in Deutschland.“

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