Mittwoch, 31.08.2022
Zukunftsmärkte
Teuerung steigt

Maßnahmen gegen die Rekordinflation

Die Inflationsrate steigt in Europa auf ein Rekordhoch – und bald wird sie sogar zweistellig zunehmen. Ein Überblick, was Verbrauchern droht, Behörden dagegen unternehmen, Mittelständler schon erreicht haben und Firmen Hoffnung machen kann.

Der Strompreis ist ein Treiber der Inflation. Und Energie bleibt teuer.

Bild: Shutterstock

Nach zwei Monaten sinkender Inflationszahlen stieg die Teuerungsrate im August wieder an: In Deutschland auf 7,9 Prozent, in Europa auf das Rekordhoch von 9,1 Prozent. Hauptgrund sind die drastisch gestiegenen Preise für Energie: Heizöl, Kraftstoffe und Strom kosteten hierzulande 36 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auch Nahrungsmittel verteuerten sich mit 16,6 Prozent überdurchschnittlich. Und der Ausblick bietet wenig Grund zum Optimismus: Volkswirte erwarten für Deutschland in den kommenden Monaten zweistellige Inflationsraten. Das hängt auch mit dem Auslaufen von preisdämpfenden Maßnahmen wie beim Tankrabatt zusammen.

Fachleute rechnen damit, dass die meisten Unternehmen ihre Verkaufspreise in den kommenden Wochen weiter anheben werden, um die steigenden Kosten auszugleichen. Das gilt vor allem in den Branchen, wo Firmen hohe Pricingpower besitzen wie zum Beispiel im Maschinenbau, bei Baustoffen, in der Lebensmittelindustrie oder in der Spezialchemie. Also dort, wo Firmen steigende Kosten tendenziell leichter weitergeben können.

Die allermeisten Ökonomen wie Jörg Krämer erwarten, dass die Teuerung „noch viele Jahre über dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB liegen wird“, so der Chefvolkswirt der Commerzbank. An den Finanzmärkten werden drastische Schritte der Europäischen Zentralbank erwartet – nicht zuletzt eine Erhöhung des Leitzinses um 0.75 Prozentpunkte. Ein Grund ist auch die Alterung der europäischen Gesellschaft: Je knapper Arbeitskräfte werden, desto stärker treibt dies die Lohnkosten nach oben. Auch Investitionen in den Umbau der Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit treibt die Teuerung an.

Kartellamt erhöht Zahl der Durchsuchungen drastisch

Die meisten Verbraucher achten laut Experten weniger auf die Tatsache, dass wir langfristig ärmer werden, sondern auf die kurzfristige Entwicklung der Preise für Alltagsprodukte. Hier hat das Bundeskartellamt bei der gestrigen Vorstellung seines Jahresberichts bekräftigt, dass die Behörde die Preisentwicklung und mögliche Kartellrechtsverstöße noch genauer als sonst beobachtet. So hätte es 2022 bereits 13 Durchsuchungsaktionen gegen, im Vorjahr nur zwei.

Gerade den Lebensmittelhandel und Tankstellen nimmt das Kartellamt noch genauer unter die Lupe als sonst. "Wir kriegen viele Beschwerden zu den Preissteigerungen", sagte der Präsident der Wettbewerbsbehörde, Andreas Mundt. Im Lebensmittelhandel habe sich die Behörde deshalb bereits an die Branche gewandt und um Aufschluss über die Hintergründe von Preiserhöhungen gebeten. "Wir verfolgen das mit Argusaugen."

Auch bei den Ölkonzernen sei das Kartellamt besonders aufmerksam - nicht zuletzt mit Blick auf das bevorstehende Auslaufen des Tankrabatts. "Wir werden weiter ganz genau hinsehen und darüber informieren, wie sich die Preise entwickeln und was passiert, wenn die Steuerermäßigung zum 1. September wegfällt", sagte Mundt. Denn der Wettbewerb funktioniere hier nicht besonders gut: "Bislang weiß man wenig darüber, was zwischen Rohöleinkauf und dem Verkauf an der Tankstelle eigentlich passiert. Einfach nur hohe Preise sind für uns nicht notwendigerweise ein Grund zum Einschreiten. Wir brauchen einen missbräuchlich überhöhten Preis ", sagte Mundt.

Materialknappheit lässt etwas nach

Immerhin gibt es aber auch Zeichen der Entspannung: So hat sich die Materialknappheit in der Industrie etwas entspannt. Im August beklagten sie laut einer Umfrage des Ifo-Instituts noch 62 Prozent der befragten Firmen, der niedrigste seit über einem Jahr. Im Juli waren es 73 Prozent. „Von einer nachhaltigen Entspannung kann aber leider noch nicht gesprochen werden“, sagt Klaus Wohlrabe vom Ifo-Institut. „Der Rückgang ist immer noch zu klein, um einen deutlichen Impuls bei der Industrieproduktion auszulösen und damit die Konjunktur anzuschieben.“ 

Am deutlichsten fiel der Rückgang aus in der Lederindustrie und in der Möbelbranche. Dennoch sind die Probleme gerade in den Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft weiterhin groß. Im Maschinenbau berichteten weiterhin 86 Prozent der Unternehmen, dass sie nicht alle Materialien und Vorprodukte bekommen. Auch in der Elektroindustrie klagen darüber rund 80 Prozent. „Ein deutlicher Rückgang hier könnte einen positiven Dominoeffekt auslösen“, sagt Wohlrabe. Die Unternehmen berichteten, dass vor allem elektronische Komponenten aller Art fehlen. Auch Stahl und Aluminimum in unterschiedlichsten Ausfertigungen werden in vielen Unternehmen gebraucht. Ein großes Problem sind auch nicht lieferbare Verpackungsmaterialien.

Wir man mit Materiaknappheit umgehen kann, belegen die aktuellen Zahlen der Maschinenfabrik Berthold Hermle. Der Mittelständler aus Gosheim bei Tuttlingen verzeichnete im ersten Halbjahr 2022 eine anhaltend starke Nachfrage. „Störungen in der Lieferkette konnten weitgehend durch interne Maßnahmen kompensiert werden“, hieß es aus der Führungsetage. Der Mehraufwand wurde durch die erheblich verbesserte Auslastung mehr als ausgeglichen, weswegen das Betriebsergebnis des Mittelständlers sich überproportional zum Umsatz sich fast verdoppelte.

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