Dienstag, 14.08.2012
Zukunftsmärkte
Marktchance

Mexiko, Hidden Champion

Alle Welt spricht von den BRIC-Staaten. Dabei könnte Mexiko Brasilien in Sachen Wirtschaftskraft überholen. Denn fernab der Drogen-Schlagzeilen hat das Land ein großes Potenzial.

Mexiko? Da fallen den meisten Deutschen zuerst die Gewaltexzesse der Drogenkartelle ein. Dabei wird das enorme Wirtschaftspotenzial des Landes verkannt.  Mit einer stabilen Währung, einem Haushaltsdefizit unter 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und einem Wachstum von 3,9 Prozent (2011) schickt sich die zweitgrößte Wirtschaftsnation Lateinamerikas an, Brasilien den Rang abzulaufen.

Konkurrenz für die BRIC-Staaten

Den Direktvergleich mit BRIC muss Mexiko nicht scheuen: Mexiko kann gegenüber Brasilien und China mit besser ausgebildeten Arbeitskräften punkten. Im Vergleich zur Brasilien zeichnet sich die mexikanische Wirtschaft zudem durch einen höheren Industrialisierungsgrad aus und ist durch seinen NAFTA- und den OECD-Beitritt stärker in das internationale Handelsgeschehen eingebunden. Dank der starken Autoindustrie und deren Exporten konnte die mexikanische Wirtschaft ein höheres Wachstum als Brasilien (2011 ca. 3 Prozent) erwirtschaften. Doch auch gegenüber der Konkurrenz aus Fernost macht Mexiko Boden gut.

„Der Abstand zu China wird kleiner. Vor allem bei den US-amerikanischen Unternehmen ist ein Trend zu erkennen, Produktionsstätten von China nach Mexiko zu verlagern“, erzählt Alexander Schmidbauer, Mexiko-Referent beim Lateinamerika Verein. Seit die Löhne in China kräftig steigen, macht Mexiko als Produktionsstandort für den US-Markt der Volksrepublik Konkurrenz. Die Mexikaner profitieren neben den Lohnkosten aufgrund ihrer geografischen Nähe zu den USA von den deutlich niedrigeren Transportkosten. Es überrascht daher wenig, dass aktuell 12,5 Prozent der  Importe in die USA aus dem lateinamerikanischen Nachbarstaat stammen.

Generell sind die US-amerikanische und die mexikanische Wirtschaft eng miteinander verflochten.  Nahezu 80 Prozent der mexikanischen Exporte gehen in die USA. Folglich wurde das Land hart von der Wirtschaftskrise in den USA getroffen und das BIP schrumpfte 2009 um 6 Prozent. „Es bestehen aber seitens der Regierung Bemühungen, diese starke Abhängigkeit durch die Diversifizierung der Exportmärkte einzudämmen“, erklärt Nassir Djafari, Chef-Volkswirt für Lateinamerika der KfW-Bank. Immerhin wurden 40 Handelsabkommen geschlossen und das Land versucht sich stärker nach Asien zu orientieren. „Aber das geht nicht von heute auf morgen“, gibt Djafari zu Bedenken.

Marktchancen in Mexikos Industrie

Mexiko ist vielseitig und bietet eine große Bandbreite spannender Sektoren für den Markteintritt. Die Energie-, Automotive- und Luftfahrtbranchen, die Pharma- und Chemieindustrie sowie der Bergbau sind die wichtigsten Motoren für das mexikanische Wirtschaftswachstum.  Die Chancen für deutsche Unternehmer stehen nicht schlecht. „Die Deutschen genießen einen großen Vertrauensvorschuss bei den Mexikanern“, sagt Referent Schmidbauer.

Mittelständler, die den Markteintritt in Mexiko wagen, treffen dort auf ein etabliertes deutsches Netzwerk. Rund 1.000 deutsche Unternehmen haben sich bereits niedergelassen. Und ein funktionierendes Netzwerk ist wichtig, weiß Schmidbauer: „Es ist dringend erforderlich, vor Ort Partner zu haben, auf die man bauen kann.“ Das German Center der LBBW gilt als günstiger Anlaufpunkt. Dort können sich Neuankömmlinge in Büros einmieten und den Start auf den mexikanischen Markt wagen.

Behinderung durch Monopole

Dennoch muss auch Mexiko noch Hausaufgaben machen, denn das Land hat sein Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Der Binnenmarkt ist gezeichnet von Monopolen. Ob  im Energiesektor, der Telekommunikation, bei Konsumgütern oder Baumitteln: Die Konsumenten haben kaum eine Wahl. Großkonzerne wie Telmex, Petróleos Mexicanos (Pemex) oder CFE (Comisión Federal de Electricidad, größter Stromproduzent Lateinamerikas) beherrschen den Markt. Nur wenn es dem Staat gelingt, diese aufzubrechen, kann in die monopolitische Binnenwirtschaft der notwendige Wettbewerb Einzug halten.

Auch ist die Korruption ein entscheidendes Thema. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International landet Mexiko unter den 178 bewerteten Ländern auf Rang 98 – und somit weit hinter Brasilien (69). Zudem leidet das Land unter einer chronisch niedrigen Steuerquote, und der Arbeitsmarkt bedarf dringender Reformen.

Investieren trotz Sicherheitsbedenken

Die Liste der Reformagenda des neugewählten Präsidenten Enrique Peña Nieto ist lang.  „Problematisch dabei ist, dass seine Partei keine Mehrheit im Parlament hat. Die notwendigen Reformen voranzubringen wird nicht einfach sein“, sagt Djafari.
Ein Anfang ist gemacht. Die überfällige  Öffnung des mexikanischen Energiesektors  für private Investoren nimmt langsam Form an. Seit 2008 wird dieser etappenweise liberalisiert. Zuvor waren die Förderzahlen des staatlichen Ölkonzerns Petróelo Mexicano (Pemex) seit Jahren rückläufig. „Der Erdölsektor muss dringend modernisiert werden. Private Investitionen sind hierfür notwendig“, fordert Djafari. Der staatliche Energiekonzern Pemex benötigt moderne Technologie, um auch das große Potenzial bereits von reifen Förderstätten, Ölfeldern in der Tiefsee und Schiefergasvorkommen ausschöpfen zu können. Erste Ausschreibungsrunden fanden bereits statt. Die Unternehmen sind in der Wahl ihrer Zulieferer frei. Beste Chancen also auch für deutsche Unternehmen, deren Technologie geschätzt und gefragt ist.

Und was ist nun mit den ganzen negativen Schlagzeilen, dem Drogenterror besonders im Norden des Landes? „ Das Thema Sicherheit ist ein stets wiederkehrendes Thema, aber für die Unternehmen kein Schlüsselkriterium. Die Investitionen von VW und Audi in neue Werke zeigen, dass die Investitionsentscheidungen davon kaum betroffen sind“,  urteilt Schmidbauer. Eine Umfrage der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer unterstreicht dies: 84 Prozent der rund 100 befragten Unternehmen gaben an, dass die Gewalt für sie relevant oder sehr relevant sei. Dennoch planen 74 Prozent Investitionen im Land.

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