Dienstag, 26.05.2020
Wirkt antiviral: Auf Kupfer überleben Coronaviren nicht lange.

Foto: Christoph Burgstedt/ iStock/ Getty Images

Wirkt antiviral: Auf Kupfer überleben Coronaviren nicht lange.

Zukunftsmärkte
Produktinnovationen

Mit Kupfer gegen das Coronavirus

Robert Erichsen sitzt erst seit diesem Jahr auf dem Chefsessel – und muss sein Unternehmen prompt durch die Krise führen. Dabei hilft dem Unternehmer ein neu entwickeltes Produkt, mit dem das Coronavirus auf Oberflächen innerhalb kürzester Zeit abgetötet wird.

„Derzeit tanze ich, wie viele andere auch, auf zehn Hochzeiten gleichzeitig“, erzählt Robert Erichsen. Der studierte Betriebswirt ist gerade einmal 30 Jahre alt und erst seit wenigen Monaten in der Geschäftsführung von Statex, einem Hersteller von metallisierten Textilien mit Sitz in Bremen. Zusammen mit seiner Mutter Claudia führt er das Familienunternehmen mit seinen knapp 50 Mitarbeitern.

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Agilität im Handeln war ihm aus dem Studium ein Begriff. Doch als vor einigen Wochen die ersten Meldungen zur Corona-Pandemie aus Italien unter anderem durch Firmenvertretungen vor Ort bis in den hohen Norden Deutschlands kamen, ahnte Erichsen: Jetzt muss es auch in der Praxis schnell gehen. Einen Sonntag lang setzte er sich mit dem Führungsteam von Statex, zu dem auch der Finanzverantwortliche Milan Christiansen gehört, zusammen. Gemeinsam wurden alle möglichen Risiken identifiziert, bewertet und Notfallpläne geschmiedet. Diese rasche und umfassende Vorbereitung auf die Krise hat Erichsen und dem Unternehmen in den folgenden Wochen viele Probleme erspart.

Antivirales Kupfer

Dass sich Statex, anders als viele andere Mittelständler, nicht mit dem Thema Kurzarbeit beschäftigen muss, hat noch einen weiteren Grund – und der liegt im Geschäftsmodell des 1978 gegründeten Unternehmens: Statex metallisiert Textilien und macht so die Eigenschaften der jeweiligen Metalle in textiler Form nutzbar. In diesem Bereich ist Statex Weltmarktführer – einer der famosen Hidden Champions. Silber zum Beispiel verfügt über eine sehr hohe antibakterielle Wirksamkeit und wird in Form von versilberten Fäden im medizinischen Bereich als natürliches und wirksames Heilmittel eingesetzt. Kupfer wiederum besitzt sogar eine antivirale Wirkung. „Wir waren uns der viruziden Wirksamkeit von Kupfer schon immer bewusst“, berichtet Erichsen, „aber als die Nachfrage Anfang des Jahres immer größer wurde, haben wir angefangen, intensiver zu recherchieren. Dabei sind wir auf Artikel gestoßen, in denen berichtet wurde, dass viele Krankenhäuser ihre Türklinken durch Vollkupfer-Türklinken ersetzt haben, um die Infektionsgefahr durch Viren zu senken.“

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Das weckte die Erfinderlust des Mittelständlers: „Also haben wir ein verkupfertes Vlies aus unserem Portfolio mit einer selbstklebenden Beschichtung versehen und angefangen, bei uns in der Firma Türklinken und andere Oberflächen damit zu bekleben“, erzählt Erichsen. „Und obwohl wir uns eigentlich als Hersteller von klassischen Halbzeugen verstehen, haben wir irgendwann entschieden: Wir produzieren ein Kupfer-Tape und vermarkten es als mobile Lösung für jedermann.“ Kaum hatten die Bremer ihre Idee zur Serienreife entwickelt, wurden umfassende Testreihen im Hygienelabor durchgeführt. Ergebnis: „Unserem Tape wurde eine signifikante viruzide Wirksamkeit attestiert“, berichtet Erichsen voller Stolz, „sogar gegen die Coronaviren.“ Bereits nach wenigen Minuten tötet das Kupferband, das an Tür- und Fenstergriffe, Haltestangen oder anderen potentiellen Keimherden angebracht werden kann, 99,98 Prozent aller Viren ab. Bereits vor der Vermarktung des neuen Kupfer-Tapes war die Nachfrage an dem bestehenden Produktportfolio enorm. Um mit der Produktion nachzukommen, wurden drei neue Mitarbeiter eingestellt. Als temporäre Unterstützer helfen außerdem einige 450-Euro-Kräfte aus, die von ihren eigenen Arbeitgebern in Kurzarbeit geschickt wurden und sich bei Statex jetzt ihr Einkommen aufbessern. Statex hat keine Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt.

Kriseninnovation: Robert Erichsen (links) und Milan Christiansen mit dem Kupfer-Tape

Bei dem Bremer Mittelständler brummt es. Dass gleichzeitig die Weltwirtschaft in weiten Teilen am Boden liegt, spürt Statex aber auch, wie Erichsen berichtet: Der Einkauf hat es bei der Beschaffung der Waren schwerer, und die Versandabteilung ist vollauf damit beschäftigt, bezahlbare Transportkapazitäten nach Übersee zu finden. Homeoffice gibt es bei Statex bislang nicht. Lediglich der Vertrieb arbeitet zeitweise von zu Hause aus. „Durch die Krise ändern sich unsere innerbetrieblichen Abläufe ständig. Das lässt sich im direkten Umgang miteinander viel einfacher abbilden. Solange niemand krank ist, bleiben wir alle an Bord“, sagt Erichsen.

Positive Stimmung

Aber auch für den Fall der Fälle ist Statex vorbereitet. „Wir könnten das Büro sofort nach Hause schicken“, betont der Firmenchef, „denn wir haben entsprechende VPN-Tunnel eingerichtet und Notebooks für alle Mitarbeiter besorgt.“ Doch eine Abteilung kann nicht einfach nach Hause verlegt werden: die Produktion. Hier hat das Familienunternehmen daher alle denkbaren Schutzmaßnahmen ergriffen – angefangen von der Aufklärung der Mitarbeiter wegen der erhöhten Hygienemaßnahmen über die Bereitstellung von Atemmasken bis hin zur Personalaufteilung in zwei Schichten, damit sich eine Infektion der einen Gruppe nicht auf die andere überträgt. Im Aufenthaltsraum sind maximal drei Personen gleichzeitig erlaubt. „Abgesehen davon versuchen wir, mit Obst, Süßigkeiten oder Mittagessen für alle eine positive Stimmung im Betrieb aufrechtzuerhalten“, sagt Erichsen.

Info

Statex Produktions- und Vertriebs GmbH

 

Die Statex Produktions- und Vertriebs GmbH wurde im Jahr 1978 gegründet und produziert antivirale, antibakterielle und fungizide Textilien. Statex-Produkte werden unter anderem in medizinischen Einsatzbereichen wie in Pflastern und Wundauflagen eingesetzt. Das Familienunternehmen, das mit knapp 50 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa sechs Millionen Euro erwirtschaftet, wird von Robert Erichsen, dem Enkel des Firmengründers, bereits in der dritten Generationgeführt. Co-Chefin ist seine Mutter Claudia Erichsen.

Ob der Nachfrageaufschwung auch nach der Corona-Pandemie so hoch bleibt wie derzeit, lässt sich kaum vorhersagen. Zwar ist sich Erichsen sicher, dass sich das Hygieneverhalten in den Industriestaaten der westlichen Welt aufgrund der rasanten Infektionsausbreitung nachhaltig verändern werde. Das könnte zu einem dauerhaft höheren Absatz der Statex-Produkte führen. Doch ob es auch so kommt? Dass das Unternehmen unter seiner Ägide die Krise als Chance genutzt hat, stimmt ihn auf alle Fälle positiv: „Normalerweise finden unsere Produkte in Sparten wie Luft- und Raumfahrt Anwendung. Mit unserem Kupfer-Tape haben wir uns ganz neue Märkte erschlossen.“