Samstag, 22.09.2012
Zukunftsmärkte
Entsendung ins Ausland

Mitarbeiter sicher in ausländische Märkte schicken

Oft vernachlässigen Mittelständler ihre Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern bei der Entsendung ins Ausland, glaubt Omer Dotou, Leiter Internationale Mitarbeiterentsendungen der BDAE Gruppe. Markus Piazza, Sprecher der Firma Jungheinrich, erklärt die Erfolgsgeheimnisse seines Unternehmens bei der Entsendung.

MuM: Herr Dotou, wie viele deutsche Beschäftigte arbeiten derzeit in ausländischen Märkten?
Dotou: Die Vereinten Nationen schätzen, dass etwa drei Millionen Deutsche für ihren Arbeitgeber im Ausland tätig sind. Wir glauben, dass jedes zweite Unternehmen betroffen ist.

MuM: Herr Piazza, wie viele Mitarbeiter entsenden Sie in Märkte im Ausland?
Piazza: Wir haben derzeit 29 Expatriates. Regelmäßig entsenden wir Mitarbeiter in 31 Direktvertriebs-Landesgesellschaften, von Norwegen bis zur Türkei, von Brasilien über Russland bis nach China.

MuM: Für alle Länder des europäischen Wirtschaftsraums gibt es ein geregeltes Entsenderecht, um die soziale Sicherheit von Mitarbeitern sicherzustellen. Wie sieht es aber bei Ländern außerhalb dieses Wirtschaftsraums aus?
Dotou: Für die Märkte innerhalb der EU/ EWR sind für das Feststellen der Entsendung die EU-Verordnungen ein übergeordnetes Recht. Mit einigen weiteren Staaten unterhält Deutschland auch zwischenstaatliche Abkommen, aber diese umfassen nicht alle Zweige der Sozialversicherung. Damit soll verhindert werden, dass Arbeitnehmer, die im Rahmen ihres Beschäftigungsverhältnisses nur vorübergehend in einem anderen Mitgliedsstaat tätig werden, nicht das Sozialversicherungssystem wechseln müssen. Im Kern soll durch solche Regelwerke die Doppelversicherung vermieden werden. Anders als die EU-Verordnungen decken die Abkommen nicht alle (deutschen) Sozialversicherungszweige ab.  So hat Deutschland mit China zum Beispiel nur ein Abkommen über eine Renten- und Arbeitslosenversicherung abgeschlossen. Für die USA greift auch nur die Rentenversicherung.
Mit vielen Ländern, in die auch Mittelständler regelmäßig Mitarbeiter entsenden, gibt es allerdings gar keine Abkommen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Singapur, Malaysia und Russland gehören beispielsweise dazu. Die Unternehmen müssen daher im Bereich der Sozialversicherung prüfen lassen, welche Regelungen weiter Anwendung finden und wo die Versorgungslücken durch den geplanten Mitarbeitereinsatz entstehen.
Piazza: Wir schicken unsere Mitarbeiter sowohl in Abkommensländer als auch in solche, die kein Abkommen mit der Bundesrepublik geschlossen haben. Unsere Mitarbeiter sind in Norwegen bis zur Türkei, in Brasilien über Russland bis nach China. Mit Russland und Brasilien gibt es zum Beispiel kein umfassendes Sozialversicherungsabkommen.

MuM: Wie geht ein Unternehmen konkret vor, das einen Mitarbeiter nach Russland entsenden möchte?
Dotou: Wenn der Mitarbeiter gesetzlich krankenversichert ist, muss das Unternehmen die Krankenkasse informieren und einen Antrag zur Prüfung der Entsendung stellen. Stellt die Krankenkasse das Vorliegen eine Entsendung fest, gelten für den Mitarbeiter trotz der tatsächlichen Ausübung der Tätigkeit in Russland weiterhin die deutschen Vorschriften über die Sozialversicherung. Den Bescheid der Krankenkasse muss es dann an die Berufsgenossenschaft schicken.  Weil Deutschland mit Russland kein Abkommen hat, kann es zur gleichzeitigen Versicherung in Deutschland und in Russland kommen. Für das Unternehmen bedeutet dies zusätzliche Beitragszahlungen in Russland.

Mittelständler Jungheinrich hat die Auslandsentsendung professionalisiert

MuM: Wo sehen Sie besondere Herausforderungen bei der Sozialversicherung?
Piazza: In solchen Ländern ist die Absicherung, bzw. der Ausgleich bei der Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung problematisch. Wir entsenden unsere Mitarbeiter für eins bis maximal fünf Jahre. Dazu müssen wir klären, ob ein Verbleib in der Sozialversicherung weiter möglich ist.

MuM: Herr Dotou, Sie haben bei dem Vorgehen der Entsendung Unterschiede zwischen Konzernen und kleineren Unternehmen, die nicht so professionell vorgehen wie Jungheinrich, festgestellt.
Dotou: Ja, viele Mittelständler möchten bei der Entsendung sparen. Deswegen nehmen sie ihre Mitarbeiter zum Beispiel aus der deutschen Versicherung, selbst wenn die Leistung im Ausland schlechter ist. Diese Unternehmen haben das Fürsorgeprinzip eines Arbeitgebers aber nicht verstanden: Man darf Mitarbeiter im Ausland nicht schlechter stellen als im Inland.

MuM: Sie unterstellen Mittelständlern mangelnde Fürsorgepflicht?
Dotou: Einige verstehen sie nicht oder ignorieren sie absichtlich. Doch letztlich haftet der Arbeitgeber, wenn etwas passiert. Und das kann das Unternehmen deutlich teurer zu stehen kommen. In Ländern wie Dubai beispielsweise sind die Leistungen der lokalen Versicherungen oft gedeckelt, also beispielsweise auf einen Betrag von 10.000 Euro begrenzt, dafür sind die Versicherungsbeiträge sehr günstig. Wir hatten den Fall, dass ein Mitarbeiter an Krebs erkrankte, und da kommt man mit 10.000 Euro nicht weit. Das Unternehmen musste die Differenz zahlen. Etwas Ähnliches passierte in Bolivien: In solchen Ländern werden die Expatriates oft als reiche Leute angesehen. Ein Mitarbeiter verletzte sich, wurde um Kosten zu schinden deshalb länger im Krankenhaus behalten als nötig und bekam eine astronomische Rechnung. Ein professioneller Krankenversicherer hätte den Fall geprüft und den Mitarbeiter früher aus dem Krankenhaus geholt beziehungsweise dafür gesorgt, dass dieser in eine Klinik nach westlichen Standards verlegt wird. Am Ende hatte der Arbeitgeber mehr zahlen müssen als notwendig gewesen wäre. In einem anderen Fall hatte sich ein Mitarbeiter auf einer Baustelle im Iran verletzt und wurde arbeitsunfähig. Das iranische System kennt jedoch keine Unfallversicherung wie wir sie haben. Das Unternehmen, das nicht für eine adäquate Versicherung gesorgt hat, muss nun eine Lösung finden, wie es für den Schaden aufkommt.

MuM: Was geschieht, wenn den Angehörigen des Mitarbeiters etwas passiert?
Dotou: Auch für diese ist der Arbeitgeber verantwortlich. Er muss für die Leistungen im Ausland aufkommen, selbst dann, wenn der Familienangehörige den Mitarbeiter nur besucht und erkrankt.

MuM: Herr Piazza, wo haben Sie Beratung zu dem Thema gesucht?
Piazza: Wir haben uns von der Krankenkasse und von Steuerberatern, bzw. Sozialversicherungsexperten beraten lassen. Die Beratung bei den letzten beiden war sehr gut.

Omer Dotou ist Leiter des Bereichs Internationale Mitarbeiterentsendungen und der Auslandsberatungsstelle bei der BDAE Gruppe.