Montag, 24.06.2013
Zukunftsmärkte
Neue Märkte: Brasilien

Mittelstand wartet Proteste in Brasilien gespannt ab

Die Proteste und Unruhen in Brasilien haben sich mittlerweile auf das gesamte Land ausgebreitet. Was bedeutet das für die Wirtschaft? Wir haben deutsche Mittelständler in Brasilien gefragt.

Nun gehen die Menschen auch in Brasilien auf die Straße. Eine neue Erfahrung, die das Land macht – auch für die deutschen Mittelständler in Brasilien. „Die Proteste haben das Beunruhigende, dass sie keine Organisation und keine Richtung haben“, erzählt Christian Müller, Vizepräsident des Anlagenbauers Grob in Brasilien. Der Mittelständler mit Stammsitz in Mindelheim unterhält eine Produktionsstätte in São Paulo. Müller ist Deutsch-Brasilianer und kennt das Land und die Wirtschaft in Brasilien sehr gut. Er sorgt sich: „Die Politik hat sich zurückgezogen, die Situation könnte jederzeit eskalieren.“ Anfänglich waren es 100.000 Menschen, zumeist Studenten, die in den großen Städten São Paulo, Rio de Janeiro oder der Hauptstadt Brasília Hauptstraßen und Plätze blockierten. Mittlerweile sind es 1 Million Menschen aller sozialen Schichten, die in 80 Städten in Brasilien auf die Straße gehen.

„Wir hatten durch die Blockaden 300 Kilometer Stau in São Paulo. Mitarbeiter kommen abends von der Arbeit zu spät nach Hause, weil sie im Verkehr stecken“, sagt Andreas Meister, Geschäftsführer des deutschen Maschinenbauers Ergomat und bereits seit 28 Jahren in Brasilien ansässig. Ergomat ist mit 220 Mitarbeitern in São Paulo vor Ort tätig. Die Proteste beginnen in der Regel erst gegen 16 Uhr. Auch Christian Müller hört jeden Abend vor Verlassen des Büros erst im Radio, welche Straßenzüge von den Demonstranten gerade blockiert werden, um diese zu umfahren. Das gelingt nicht immer:„Die Demonstranten verabreden sich spontan über soziale Medien. Dadurch kann auch die Polizei häufig nicht rechtzeitig vor Ort sein“, schildert Thomas Timm, Hauptgeschäftsführer der deutschen AHK in São Paulo die Lage.

 

Brasilien-Proteste: Hohe Kosten als Auslöser

Echte Auswirkungen hatten die Proteste bislang aber nicht. „Als Maschinenbauer ist unser Geschäft davon noch nicht betroffen“, sagt Ergomat-Geschäftsführer Meister. Trotzdem sind viele deutsche Mittelständler in Brasilien verunsichert. AHK-Geschäftsführer Timm weiß, warum: „Es gibt keine Erfahrung mit vergleichbaren Unruhen. Die Regierung weiß nicht, wie sie damit umgehen soll.“ Die Proteste sehen die Mittelständler als Reaktion auf die verfehlte Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, auf Korruption, Politikwillkür, mangelnde Gesundheitsversorgung und ein unzureichendes Bildungssystem. Hinzu kommen die hohen Kosten für Arbeit und Leben im Land. Die Löhne in Brasilien sind jahrelang stark gestiegen, die Inflation auch. „Es herrscht ein tiefgreifender Frust innerhalb der Mittelschicht. Ich gehe davon aus, dass die Proteste nur ein Anfang sind“, sagt Meister.

Brasilien-Proteste: Mittelstand hat Verständnis

Den starken Anstieg der Reallöhne bekamen auch die Firmen stark zu spüren. „Mit den hohen Kosten, gegen die jetzt seit Tagen protestiert wird, kämpfen wir in Brasilien seit Jahren“, ordnet Grob-Vizepräsident Müller die Situation ein. Bei Ergomat haben die hohen Lohnkosten und die Überbewertung der Landeswährung während der letzten Jahre dazu geführt, dass zwei Drittel des Export-Marktes weggebrochen sind. Trotz der Ungewissheit und der täglichen Einschränkungen im Verkehr zeigen beide Mittelständler jedoch Verständnis für die Proteste der Bevölkerung, solange sie friedlich bleiben: „Die Proteste sind wichtig, um der Regierung zu zeigen, dass etwas mit der Wirtschaft in Brasilien nicht stimmt“, sagt etwa Christian Müller. Leider nutzten auch ein paar Tausend Demonstranten die Gelegenheit für Plünderungen in São Paulo. In einem Schuhgeschäft etwa wurden 500 Paar Tennisschuhe gestohlen – nur die Teuersten.

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