Dienstag, 16.07.2013
Zukunftsmärkte
Themenschwerpunkt: Neue Märkte

„Modernisierung in China geht weiter“

Das abgeschwächte Wachstum der Wirtschaft in China sowie eine drohende Kreditklemme stellen das Land momentan auf den Prüfstand. Einen harten Einbruch ihres China-Geschäfts müssen deutsche Mittelständler jedoch nicht befürchten. Im Interview erklärt Prof. Christian Dreger, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) Berlin, warum er Mittelständler gut gerüstet sieht.

Markt und Mittelstand: Die Wirtschaft in China ist im 2. Quartal um 7,5 Prozent gewachsen – ein weiterer Rückgang um 0,2 Prozentpunkte gegenüber dem 1. Quartal. Bei Wachstumsraten jenseits der sieben Prozent würde sich wohl jeder Unternehmer hierzulande die Hände reiben. Warum ist dieser Wert im Kontext der Wirtschaft in China eigentlich so schlecht?
Prof. Christian Dreger: Die Zahlen an sich sind auch für China nicht schlecht. Was aber viele Beobachter nervös macht, ist die Frage, wie es in den nächsten Monaten mit dem Wachstum der Wirtschaft in China weitergeht. Zuletzt kursierten Gerüchte, dass sich die Staatsführung mit einem Wachstum von sieben Prozent pro Jahr zufrieden geben könnte. Das würde aber bedeuten, dass das Wachstum im 3. und 4. Quartal deutlich geringer ausfallen müsste. Das hat zur momentanen Unsicherheit beigetragen.

Regierung stützt Wirtschaft in China

Prof. Christian Dreger, DIW

Prof. Christian Dreger ist Forschungsdirektor am DIW Berlin.

MuM: Was hat zu dieser Entwicklung geführt?
Dreger: China ist jahrelang vor allem über den Export gewachsen. Wegen der Schuldenkrise vor allem im Euroraum hat die Nachfrage nach chinesischen Produkten nachgelassen. Das Wachstum der Wirtschaft in China ist in den letzten Jahren vor allem durch die konjunkturstützenden Maßnahmen der Regierung hoch gehalten worden.

MuM: China ist für deutsche Unternehmen nach wie vor einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Müssen Mittelständler hierzulande Angst vor einer wirtschaftlichen Flaute haben?
Dreger: Das glaube ich nicht. Insgesamt sind deutsche Mittelständler in China gut aufgestellt. Geringeres Wachstum der Wirtschaft in China bedeutet natürlich, dass die Nachfrage in China künftig etwas verhaltener sein wird und die Perspektiven sich ein wenig eintrüben. Das werden vor allem Hersteller langlebiger Konsumgüter wie Automobilhersteller und deren Zulieferer spüren. Keine merklichen Auswirkungen sehe ich hingegen für Mittelständler des Maschinen- und Anlagebaus. Deren Produkte dürften auch künftig stark nachgefragt werden, denn der Modernisierungsprozess in China geht weiter.

Wirtschaft in China: Künftig mehr Innovation gefragt

MuM: Zuletzt wurde auch wiederholt die Gefahr einer Finanzkrise in China diskutiert, weil die Zentralbank die Kredite verknappt hat. Eine solche hätte auch Auswirkungen auf Europa. Wie schätzen Sie diese Gefahr ein?
Dreger: Mit den Konjunkturprogrammen hat die Regierung vor allem Infrastrukturinvestitionen angekurbelt. Dabei sind in einigen Bereichen Überkapazitäten entstanden, vor allem bei Staatsbetrieben. Die vier staatlichen Großbanken haben ohne hinreichende Bonitätsprüfung Kredite vergeben, die zum Teil uneinbringlich sein dürften. Im Zuge der konjunkturstimulierenden Maßnahmen haben sich auch die Provinzregierungen erheblich verschuldet. Diese Ungleichgewichte hat die Führung des Landes erkannt und versucht, sie einzudämmen, zuletzt mit einer verknappten Geldversorgung der Banken. Aber das führt zumindest in der kurzen Sicht zu einer Wachstumsabschwächung der Wirtschaft in China.

MuM: Die Wirtschaft in China befindet sich also aktuell in einer Phase des Umbruchs. Ergeben sich dadurch möglicherweise auch Chancen für deutsche Mittelständler?
Dreger: Bislang wird das wirtschaftliche Geschehen in China noch stark von Staatsbetrieben bestimmt. Der Privatsektor wird künftig jedoch eine stärkere Rolle spielen, weil das Wachstum auch in China in immer stärkerem Maße innovationsgetrieben sein wird. Gleichzeitig versucht die Regierung, das Wachstum der Wirtschaft in China stärker auf die Binnennachfrage zu stützen. Dies ist eine sehr langwierige Aufgabe, weil derzeit nur etwas mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts für Konsumzwecke verwendet wird. Die Marktbedingungen in China werden sich also in den nächsten Jahren stark wandeln. Dadurch ergeben sich auch neue Chancen für deutsche Unternehmen, insbesondere für die Mittelständler.

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