Donnerstag, 14.06.2012
Zukunftsmärkte
Wirtschaftsstandort Türkei

Riesige Nachfrage nach Standort Türkei

Das Wirtschaftswachstum und die stabile politische Lage in der Türkei locken immer mehr deutsche Mittelständler an. Warum die Unternehmen der Türkei die Türen einrennen.

Seit 2002 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen der Türkei verdreifacht. Das Wirtschaftswachstum und die stabile politische Situation des Landes locken auch immer mehr deutsche Mittelständler in das Land. Marc Landau, Geschäftsführer  der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul, spricht über die Zukunftsaussichten des Landes und Chancen für deutsche Mittelständler.

Markt und Mittelstand: Herr Landau, in den vergangenen Jahren kratzte  das Wirtschaftswachstum der Türkei nahezu an der 10 Prozent-Marke. Für dieses Jahr sind 3 bis 5 Prozent Wachstum vorhergesagt. Ist das ein Grund zur Sorge?
Marc Landau: Keineswegs, ich bin eher froh über diese Entwicklung. Denn seit gut zehn Jahren – mit Ausnahme im Jahr 2009 – verzeichnet die Türkei ein rapides Wachstum und hält mit den höchsten Raten in Europa mit. Experten rechneten schon mit einer Überhitzung, die sich jetzt wieder legt. Außerdem sind die prognostizierten Werte immer noch begrüßenswert.

MuM: Woher kommt der Einbruch?
Landau: Die Türkei bedient zwar einen sehr starken regionalen Markt, ist aber auch international tätig. Bei der aktuellen Entwicklung ist es verständlich, dass auch die Türkei von den Turbulenzen nicht verschont bleibt.

MuM: Hilft es nun, dass die Türkei nicht der EU angehört und somit weniger von den Entwicklungen in den Krisenstaaten betroffen ist?
Landau: Aus Sicht vieler Türken ist das so. Da heißt es: „Zum Glück sind wir nicht in der EU bei den Entwicklungen.“ Aber das sind persönliche Meinungen, die ich nicht bestätigen kann. Ein großer Vorteil derzeit ergibt sich aus der geographischen Lage der Türkei. Der arabische Frühling hat der Öffnung zu den Nachbarländern hin einen Schub gegeben. Diese Absatzmärkte gewinnen zurzeit riesig an Bedeutung. Die Türkei richtet ihr Interesse schon seit längerem auf den Nahen Osten, das sieht man schon daran, dass nach dem wichtigsten Absatzmarkt Deutschland schon der Irak kommt.

Alle Branchen interessant

MuM: Für welche Mittelständler ist die Türkei besonders attraktiv?
Landau: Alle Bereiche der deutschen Wirtschaft sind in der Türkei vertreten. Die Branche, die als erstes Niederlassungen gegründet hat, war die KFZ-Branche, dementsprechend stark ist sie auch vertreten. Aber auch die Elektro- und Textilbranche sind beliebt. Waren es im Jahr 1995 rund 500 türkische Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung, sind es derzeit fast 5.000. Die Firmen rennen uns die Türen ein.

MuM: Wo liegen die Vorteile für deutsche Unternehmen sich in der Türkei anzusiedeln?
Landau: Zum Einen hält sich der bürokratische Aufwand in Grenzen eine Niederlassung zu gründen, da deutsche Unternehmen den türkischen gleichgestellt sind. Zum Anderen gibt es Förderprogramme für den Aufbau von Niederlassungen in unterprivilegierten Regionen wie zum Beispiel in Teilen Anatoliens oder auch in attraktiven Regionen, die kaum 120 Kilometer von Istanbul entfernt liegen.

MuM: Ein Viertel der Türken ist 14 Jahre alt oder jünger. Jährlich schließen 500.000 Türken ihr Hochschulstudium ab. Ein Paradies für vom Fachkräftemangel gebeutelte, deutsche Unternehmen, oder?
Landau: Ja, die junge Generation birgt ein unglaubliches Potenzial zumal sie oft deutschen Hintergrund haben. Denn derzeit wandern 40.000 Menschen mehr ein als aus. Nur etwa 20 bis 25 Prozent der Managementetagen in deutschen Unternehmen, die in der Türkei ansässig sind, sind auch mit Deutschen besetzt. Was ein Problem darstellt, sind die Berufsschulen in der Türkei, die nicht den allerbesten Ruf haben. Deshalb bieten viele deutsche Firmen eine betriebsinterne Ausbildung nach der staatlichen an.

MuM: Welche Investitionsprojekte sind in Zukunft geplant, von denen deutsche Mittelständler profitieren könnten?
Landau: Es gibt keinen Bereich, von dem man sagen kann, dass es dort keine Projekte gibt, aber besonders bei der Infrastruktur sind Investitionen geplant. Mehrere Hochgeschwindigkeitsstrecken  für die Eisenbahn sind in Bau oder noch in Planung. In Istanbul soll ein gigantischer Großflughafen entstehen. Die dritte Bosporusbrücke soll gebaut werden, und ein Kanal parallel zum Bosporus ist im Gespräch.