Mittwoch, 09.11.2022
Zukunftsmärkte
Nachhaltigkeit

Nachhaltig verdienen

Rund ums grüne Thema entwickelt sich eine ganze Industrie. Berater, IT-Dienstleister, Kommunikatoren leben prächtig von der Unsicherheit der Firmen, die den Wandel vorantreiben müssen. Nicht alle Berater stiften Mehrwert.

Gut geschützt?

Viele Unternehmen vertrauen auf Berater. Nicht alle nützen wirklich etwas.

© Khalil Ahmed/Shutterstock.com

Es ist, als ob man einen USB-Stecker in den Hochofen steckt und weiß, was sich bis aufs Gramm genau im Innenleben des über 1000 Grad heißen Stahlgemischs tut. Die Software von Fero Labs analysiert Proben aus dem Ofen fast in Echtzeit und erkennt, ob für das jeweils gewünschte Endprodukt alle Inhaltsstoffe in der Mindestgewichtung enthalten sind. Früher haben Stahlproduzenten Nickel und anderes so lange zugefügt, bis von allem genug da war. So wurden Geld und wichtige Rohstoffe verschwendet. Dank der Technologie von Fero Labs aus Düsseldorf geht das präziser. Ein großer Kunde ist etwa der brasilianische Stahlriese Gerdau.

Auch wenn spezialisierte Software wie die von Fero Labs messbar wirkt: Solche Lösungen sind nur ein kleiner Teil des Umbaus zu mehr Nachhaltigkeit. Mittelständler brauchen Dienstleister und Partner bei der Organisation des Wandels, bei Datenerhebung und -auswertung, für den Kulturwandel, die Nachhaltigkeitsberichte, ihre Testierung und schließlich für die geschickte Kommunikation nach innen und außen.

Der große Hebel, um den Klimawandel aufzuhalten, liegt in der Umstellung der Produktion, wofür es zwei Dinge braucht: konkrete Veränderungen der Hardware und neuartige Software wie die von Fero Labs. „Wir prognostizieren industrielle Produktionsprozesse in ihrem Prozessverhalten mit KI und Machine Learning“, sagt Firmenchef Tim Eschert. Kunden können „damit in zwei Monaten messbare Effekte erzielen“.

Effekte zu erzielen ist das eine, sie zu messen und darüber zu berichten, das andere. Eine weitere Anforderung an Betriebe ist, im Rahmen der europäischen Richtlinie für die ESG-Berichterstattung (Environment, Social, Governance – Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) mehr Transparenz über ihre Logistik und Produktionsverfahren zu schaffen. Das Zauberwort heißt hier Supply-Chain-Management (SCM). Softwarelösungen, wie sie neben SAP auch Siemens oder Bosch anbieten, sind für Werksleiter, Einkäufer und Disponenten der Himmel auf Erden: So wissen sie idealerweise in Echtzeit Bescheid über Lagerbestände, Logistikströme und was in den Produktionshallen vor sich geht.

„Als größtes Hindernis bei der Umsetzung konkreter Pläne für das Nachhaltigkeitsmanagement sehen unsere Kunden die Unsicherheit darüber, wie sie Nachhaltigkeit in Geschäftsprozessen und IT-Systemen sinnvoll verankern können“, sagt Andre Bechtold, Head of Value Experience bei SAP. Er verdeutlicht die Wirksamkeit der Software an einfachen Beispielen: Wenn ein Containerschiff im Hafen feststeckt oder ein Lkw in einen Unfall gerät, sollen sofort alle Kunden davon wissen oder Alternativen zur Verfügung gestellt bekommen. SAP nennt keine Zahlen, aber laut Marktforscher Gartner ist der Markt für Supply-Chain-Technologie zuletzt um mehr als 20 Prozent gewachsen.

Selbst SAP braucht Partner

Dass viele andere Facetten der Produktion für Unternehmen schwer messbar sind, ist für SAP ein potenzieller Erfolgsschlager. Gemeinsam mit der Beratung BCG arbeiten die Walldorfer gerade daran, Unternehmen eine Lösung zum Messen sämtlicher klimarelevanter Punkte zu ermöglichen. Der Markt wäre da: Nach einer Schätzung des US-Beratungsunternehmens Atlantic Ventures sollen die Ausgaben für das Management von Emissionen in Deutschland bis 2025 auf 2,5 Milliarden Euro steigen. Weil die Aufgaben so vielfältig sind, brauchen selbst Branchengrößen wie SAP Partner. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Catena-X Automotive Network, einer der weltweit führenden Automobilhersteller und -zulieferer. Das Netzwerk soll einen unternehmensübergreifenden Datenaustausch für alle Mitglieder ermöglichen, um am Ende CO2-Emissionen durchgängig über die gesamte Wertschöpfungskette zu verfolgen und zu senken.

Angesichts der Fülle von Technologiefirmen, egal ob ein Konzern aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) oder ein Start-up, schwirrt so manchem Projektverantwortlichen der Kopf. Spätestens da kommen Beratungen ins Spiel. Die ganz Großen der Branche waren früh dabei und haben bereits Milliarden Euro verdient. PwC etwa beginnt seine Projekte typischerweise mit einer Analyse der Governance-Strukturen und der wesentlichen Themen auf Basis der nachhaltigen Unternehmensstrategie. „Unternehmen müssen dann für sich analysieren, unter welche regulatorische Anforderungen sie fallen“, sagt Nadja Picard, Global Reporting Leader von PwC Deutschland. Dann wird ein Berichtskonzept erstellt. Dafür müssen Unternehmen Berichtsprozesse und entsprechende interne Kontrollen entwickeln, wofür IT-Lösungen praktisch unerlässlich sind. Im Anschluss wird der Bericht erstellt, wobei es ratsam ist, ihn mit dem verantwortlichen Wirtschaftsprüfer abzustimmen.

Ohne Hilfe werden es Mittelständler also kaum schaffen, sich nachhaltiger aufzustellen und die Berichtspflichten einzuhalten. Wie der jeweilige Betrieb in die Transformation des Geschäftsmodells gehen will, „ist klar ureigenste Unternehmensaufgabe“, sagt Picard von PwC Deutschland. „Da wird keiner drum herumkommen. Am Ende sind Berater nur so gut, wie der Zugang zum Unternehmen und das Engagement des Unternehmens.“ Bei der Kommunikation nach außen sei von großer Bedeutung, „dass das Unternehmen erst mal auch für sich eine Strategie finden muss“. Dazu brauche es einen Change-Management-Prozess und eine Beauftragung der Unternehmensleitung, um das dann tatsächlich in das Unternehmen tragen zu können.

So ähnlich sieht es Sascha Lehmann von McKinsey: „Jedes mittelständische Unternehmen sollte sich überlegen, welche Ziele es bei der Nachhaltigkeit verfolgt.“ Für einige Mittelständler werden sich Chancen ergeben, ihr bestehendes Produktportfolio nachhaltig zu gestalten, sagt der Berater. „Für andere geht es um den Aufbau völlig neuer, nachhaltiger Geschäfts¬modelle.“

Großer Aufholbedarf

Neben den großen Beratungen gibt es Start-ups wie Better Earth, die gerade auch Mittelständlern Rat geben können. Dessen Co-CEO Sebastian Philipps ist überzeugt: „Im Mittelstand kann in einem halben Jahr gelingen, was im Dax-Konzern drei Jahre dauert.“ Er fängt lieber mit kleinen Schritten an, sodass auch rasch erste Erfolge sichtbar werden. Der rasche Start sei nötig, Philipps sieht bei vielen Mittelständlern Aufholbedarf beim Thema Nachhaltigkeit. „Vielfach fehlt es an Wissen und Ressourcen. Zusätzlich ist der Personalmarkt für erfahrene Nachhaltigkeitskräfte leer gefegt.“ Letztendlich entscheide die Haltung: Sieht man Nachhaltigkeit als Compliance-Übung oder als Anlass, jetzt langfristige Fragen in wichtige Entscheidungen einzubeziehen, die ich heute ohnehin treffen muss?

Am Ende jedenfalls steht der Nachhaltigkeitsbericht. Die ESG-Bilanz soll der des Finanzwesens in nichts nachstehen, fordert die Europäische Union. Das hören vor allem die Wirtschaftsprüfer gern und reiben sich die Hände. Die Zahl der Unternehmen, die einen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen müssen, steigt 2023 in Deutschland von 500 auf 15.000 Unternehmen, wie das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland ermittelt hat – sofern sie keine Ausnahmeregelung durchsetzen können. Diese Berichte zu erstellen und zu prüfen, gilt längst als das nächste große Ding der Branche. Praktisch alle Wirtschaftsprüfer geben in einer Umfrage der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung an, hier ein starkes oder ein sehr starkes Geschäft zu ­erwarten.

Lücken bei Wirtschaftsprüfern

Auch wenn die Prüfer längst Musterberichte erfassen, um den Aufwand, wo möglich, zu begrenzen: Einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen, ist sowohl für die Unternehmen als auch für die Testierer mit hohem Aufwand verbunden. Wer mit den Unternehmen spricht, hört allerdings nicht nur Freude über dieses Geschäftsfeld. Erstens wissen viele Häuser gar nicht, mit welchem Personal sie die Arbeit abdecken sollen. Auf den Schreibtischen liegt noch einiges, was in der Corona-Phase liegen geblieben ist. Zweitens müssen die Prüferinnen und Prüfer sehr viel wissen, um Dinge wie Emissionsrechte oder Arbeitsschutz auszurechnen und zu bewerten. Die universitäre Ausbildung hat das nie berücksichtigt. Das Examen für Wirtschaftsprüfer ist ohnehin eines der umfangreichsten in der Betriebswirtschaftslehre, aber hier gibt es auf absehbare Zeit schlicht Lücken. Hinreichend Nachwuchs zu finden, wird trotz der hohen Gehälter ein Problem. Und drittens mangelt es an klaren Kriterien: Ein einheitliches Regelwerk für Nachhaltigkeitsberichte gibt es derzeit nicht. Interessenvertreter der Branche sprechen von „großer Unsicherheit“ und fordern von der Politik Klarheit.

Große Wirtschaftskanzleien haben es tendenziell einfacher, die Expertise aufzubauen. Für einige kleine Häuser gilt das neue Geschäftsfeld als Möglichkeit, sich umzubauen und die Nische zu nutzen, die bald keine mehr sein wird – außer man spezialisiert sich auf bestimmte Branchen. Nur in eine Falle sollten die Testierer nicht tappen: Beraten und dann prüfen bei demselben Unternehmen – das wäre kein nachhaltig wertvolles Verhalten.

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