Montag, 28.02.2022
Zukunftsmärkte

Nachhaltigkeit adè – Anleger setzen auf Öl, Gas und Panzer

Deutschland stellt 100 Milliarden Euro zur Modernisierung der Bundeswehr bereit. Die
ehemals geächteten Rüstungsaktien erleben einen Boom, Aktien konventioneller
Energieversorger immerhin eine Renaissance. Der Megatrend nachhaltiger Anlage landet auf
dem Boden neuer Tatsachen.
Panzer aus Geld

Droht der Anfang vom Ende des globalen ESG-Investment-Trends aufgrund von boomender Ruestungsindustrie.

Alle waren draufgesprungen auf den ESG-Zug. ESG – das steht für Environmental, Social and Corporate Governance und ist eine Bewertung der kollektiven Gewissenhaftigkeit eines Unternehmens für sein soziales und ökologisches Engagement. Nur wer hier etwas vorweisen kann, sei investitionswürdig, hieß es von Banken, Börsen und Beratern. "Vom Trend zur Notwendigkeit“, titelten die Berater von KPMG mit Blick auf ESG. "Notwendiger Trend oder Hype?“, fragte das Bankhaus Metzler rhetorisch und kam zu dem Schluss, dass der Trend nicht zu stoppen sei. All das ist seit dem Wochenende Schnee von gestern. Es sieht fast so aus, als war Klimawandel, Diversität und Nachhaltigkeit gestern, Sprit und Panzer sind es heute.

Passiert ist eine "Zeitenwende“, die sicher geglaubte Garantien, Verträge, ja eigentlich die gesamte Weltordnung in Frage stellt. Allen voran in Europa erfordert der russische Einmarsch in die Ukraine ein neues Sicherheitsdenken. Das bedeutet insbesondere für Deutschland eine Kehrtwende in der Verteidigungspolitik, die mit zusätzlichen Investitionen von 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr, bereitgestellt über ein Sondervermögen, ihren Ausgang nehmen soll. Zudem sollen die Verteidigungsausgaben zukünftig jährlich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.

Aktien deutscher Rüstungskonzerne mit bis zu 50 Prozent im Plus

Und bereits einen Tag nach der Ankündigung hat das Beben die Börsen erreicht. Die verteidigungspolitische 180-Grad-Wende in Berlin bringt den Green Deal an den Märkten ins Wanken. Nachdem aufgrund von stark steigenden Rohstoffpreisen schon seit Monaten die Aktien von Bergbaukonzernen und Erdölförderern den Markt outperformen und deshalb wieder gefragt sind, schießen nach der 100 Milliarden-Ankündigung die Aktien der Rüstungskonzerne nach oben.

Die Rheinmetall-Aktie stand am Montagmorgen mit fast 50 Prozent im Plus. Im Anschluss verkleinerten sich die Gewinne zwar, das Plus betrug am Mittag aber immer noch rund 30 Prozent. Die Aktie der Hensoldt AG mit Sitz in Taufkirchen machte einen ähnlichen Satz und hält das Plus von 50 Prozent bislang, die Papiere von Heckler & Koch stiegen um rund zehn Prozent. Aber nicht nur die deutschen Branchenführer profitierten, auch die Aktie des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems legte zweistellig zu. Die Aktie des US-Konzerns Lockheed Martin lag am Montagmittag mir fünf Prozent im Plus.

Droht der Anfang vom Ende des globalen ESG-Investment-Trends?

Der Nachhaltigkeitsboom, der die Börsen zuletzt erreicht hatte, wird wohl zumindest auf eine harte Probe gestellt. Das Volumen nachhaltiger Fonds, die auf Basis der ESG-Kriterien das Geld ihrer Kunden anlegen, ist in den vergangenen zwei Jahren regelrecht explodiert. Rendite machen und dabei ein gutes Gewissen haben, das kommt gut an bei Anlegern und eröffnet vielen Banken ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten. Immer mehr nachhaltige Fonds wurden deshalb in der jüngeren Vergangenheit aufgelegt. 2021 waren es weltweit fast 6.000. Manch Experte sprach schon von der "grünen Blase“. Denn auch, wenn viele Fonds wenig strenge Kriterien haben und sich damit beispielsweise in vielen nachhaltigen ETFs nach wie vor Aktien von Ölkonzernen befinden, hat eine Umschichtung stattgefunden. Neben "dreckigen“ Energieaktien waren dabei ganz besonders Rüstungsaktien verpönt. Und während sich eine BP- oder Shell-Aktie über den Best-in-Class-Ansatz hier und da gerade noch in ESG-Fonds unterbringen ließ, gab es für viele Rüstungskonzerne wirklich keine Argumente.

Nun erlebt ausgerechnet diese Anlageklasse ihr Comeback, was den Begriff Zeitenwende auch für die Märkte gelten lässt. Und das wohl nicht nur kurzfristig. Ohnehin auf der Agenda von Anlegern bleiben die Rohstoff-Aktien. Die Knappheit beim Öl und Gas wird sich durch die Sanktionen des Westens gegenüber Russland massiv verschärfen. Um unabhängig von russischem Öl und Gas zu werden, könnte die Regierung hierzulande nun sogar den Ausstieg aus der Kohle und dem Atomstrom länger als geplant hinauszögern. Die RWE-Aktie steht deshalb heute ebenfalls deutlich im Plus, während der Dax insgesamt mit über zwei Prozent im Minus ist.

Nicht nur politisch vollzieht sich in Deutschland also gerade eine 180 Grad-Wende. Auch an der Börse bahnt sie sich an. Alte Moral und neue Rendite driften aktuell jedenfalls immer weiter auseinander.

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