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Vom Pedal zum Pixel: Wie Veigel mit KI, VR und Daten die Fahrschule neu erfindet

| Midia Nuri | Lesezeit: 4 Min.

KI statt Kupplung: Veigel baut sein Geschäftsmodell radikal um – und verdient künftig mit Daten, VR und digitalen Zwillingen.

Jann Hendrik Swyter
Jann Hendrik Swyter erkannte bei Veigel frühzeitig, dass der Wandel in der Autoindustrie das ­eigene Unternehmen gefährden kann, und steuerte gegen. (Foto: Veigel)

Jahrezehntelang stattete Veigel Automotive Fahrschulwagen aus. Inzwischen erschließt das Unternehmen ganz neue Kunden dank Kameras, KI und viel Neugier. 

Von Midia Nuri 

Das autonome Fahren wird kommen, so viel war Jann Hendrik Swyter schon 2014 klar. „Und dass dann viele unserer Produkte nicht mehr relevant sein werden“, erinnert sich der geschäftsführende Gesellschafter von Veigel im baden-württembergischen Öhringen. Für ihn war klar: „Wir müssen die Produktentwicklung ausbauen. Damit gehen wir auch der Krise im Automobilbereich aus dem Weg.“ Das Unternehmen ist ein sehr besonderer Autozulieferer. Er baut alles rund um den Pedalsatz auf der Beifahrerseite von Fahrschulautos und Umrüstungen für behinderte Fahrer.  

Swyter war 2014 gerade aus den USA zurückgekommen, wo er fünf Jahre studiert hatte und gemeinsam mit einem Bekannten Veigel Amerika aufbaute. „Den hatte ich im Praktikum kennengelernt. Mein Vater fand das damals interessant und hat gesagt ‚Probier mal‘“, erinnert sich der Ingenieur. „In den USA legen Sie 50 Dollar auf den Tisch und haben eine Firma.“ Den Amerika-Standort leitet heute eine langjährige hiesige Mitarbeiterin. „Und für mich hat es einen Prozess angestoßen“, sagt Swyter. „Will ich die Firma übernehmen – und wie?“ 

96 Jahre lang gedieh Veigel buchstäblich in der Nische – an das doppelstöckige weiße Wohnhaus und die 2700 Quadratmeter Firmengelände in Künzelsau schmiegten sich Wohnhäuser und ein Autohaus. 2017 zog Veigel dann in das neue, lichtdurchflutete Kunden-, Entwicklungs- und Produktionszentrum, das Swyters Schwester Maike, die als Architektin tätig ist, gestaltet hatte. Auch unternehmerisch bewegte sich das Unternehmen mit seinen 100 Mitarbeitern aus der eigenen Nische. „Unser Slogan ist ‚Vom Pedal zum Pixel‘“, sagt Swyter. 

Wilhelm Veigel gründete das Unternehmen 1920 als Autowerkstatt und arbeitete zusätzlich als Fahrlehrer. 1925 entwickelte er zunächst für den Eigenbedarf eine Doppelbedienung für Fahrschulwagen – also Gas-, Brems- und Kupplungspedale auf der Beifahrerseite. Er bekam in den 1950er-Jahren mehrere Patente und stellte seither ausschließlich Veigel-Doppelbedienungen für Fahrschulen her. Diese sind seit 1957 Pflicht für sämtliche Fahrschulwagen – zunächst in der Bundes­republik, seit der Wiedervereinigung in ganz Deutschland. Noch heute ist Veigel Marktführer weltweit. Nach dem Tod des Erfinders und Gründers führte zunächst Ehefrau Frieda Veigel das Unternehmen, später die gemeinsame Tochter Waltraut Horlacher. 1995 übernahmen Hinrich H. Swyter und seine Frau Irmtraud Veigel und bauten mit Rehamotive den zweiten Geschäftsbereich auf: Fahrhilfen für Menschen mit Behinderung. 

Virtuelle Fahrstunde

Machte das klassische Geschäft mit den Fahrzeugherstellern 2014 noch 40 Prozent vom Umsatz aus, sind es heute fünf Prozent, berichtet Swyter. „Wir setzen stark auf Produkte, die nicht mit dem Selbstfahren zu tun haben, und haben uns von der Mechanik hin zur Elektronik entwickelt“, sagt er. Während der Corona-Krise beschäftigte er sich intensiv mit Künstlicher Intelligenz. Aus der ursprünglich für den Eigenbedarf hergestellten Software wuchs der neue Geschäftsbereich Synpli mit Angeboten für Fahrlehrer und deren ­Schüler. Grundlage: ein von der Außenwelt getrenntes Large-Language-Modell, also Künstliche Intelligenz. Dank der an den Fahrschulautos angebauten Kamerasysteme – acht Kameras rundherum, das System eines dänischen Start-ups –, können Fahrschüler jetzt auch praktische Stunden mit der VR-Brille absolvieren. „Das spart Zeit und unterstützt beim Lernen“, sagt Swyter.

„Der Fahrlehrer wiederum bekommt vor der nächsten realen Fahrstunde gemeldet, worauf er sich bei dem Schüler besonders konzentrieren sollte, also wo noch Trainingsbedarf besteht.“ So hilft dieses adaptive Lernsystem Fahrlehrern und -schülern.  

„Ursprünglich hatten wir das für die Aus- und Fortbildung unserer eigenen Mitarbeiter entwickelt“, sagt Swyter. „Auch, um den verschiedenen Lernbedürfnissen einer zunehmend diversen Belegschaft gerecht zu werden.“ Von seiner Frau – von Beruf Grundschullehrerin – weiß der Geschäftsführer, dass Schüler heute ihre Bedürfnisse weniger mitteilen als Schüler früher. Mit der Software „braucht der Fahrlehrer nicht zu bohren und kann trotzdem gezielt drauf eingehen.“ 

Viele Fahrschulen finden das interessant. Zurückhaltung beobachtet Swyter im Moment dennoch – wegen der Unsicherheit bezüglich der von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) geplanten Novellierung der Fahrschulausbildung. „Das ist für die Fahrschulen gerade ein massives Problem, da brechen 50 bis 70 Prozent der Umsätze ein, weil die Schüler abwarten“, sagt er. „Deshalb warten viele auch mit dem System noch.“ Doch während des Videocalls mit Markt und Mittelstand wird eine Etage tiefer ein Fahrlehrer in das KI-System eingewiesen. „Und ein anderer hat vorhin sein Kamerasystem abgeholt“, berichtet Swyter. 

Bei Veigel arbeiten heute nicht mehr nur Kfz-Mechaniker und Rehatechniker, sondern zunehmend auch Softwareentwickler und KI-Spezialisten. In dem Bereich hat sich Swyter mit Veigel auch Netzwerken angeschlossen, etwa dem von Max Viessmann gegründeten Berliner Maschinenraum und dem Innovationspark Heilbronn IPAI. „Da haben wir ein Viermannbüro gemietet, in dem zwei Mitarbeiter durchgehend sind und an manchen Tagen sieben bis zehn“, sagt Swyter. „Wir sind in den Netzwerken immer die Kleinsten.“ Dafür besonders aktive Nutzer. „Uns tut der Beitrag vergleichsweise stärker weh, vielleicht deshalb – und man kommt allein den aktuellen Entwicklungen kaum hinterher.“ Der intensive Austausch mit anderen KI-Entwicklern ist aus seiner Sicht sehr hilfreich. „Innovation entsteht durch Neugier“, ist er überzeugt. Und Austausch. Aus den USA hat Swyter eine agile, innovative Arbeitsweise ins Unternehmen mitgebracht. „Wenn ich aus meinem Büro gucke, sehe ich zwei Schaukeln und beschreibbare Wände.“ 

Nicht nur das Geschäft mit Fahrschulen läuft statt mit Pedal vermehrt mit Pixeln. Dank des kameragestützten KI-Systems konnte Veigel neue Kundengruppen gewinnen. „Mit den Aufnahmen der Kamerasysteme erstellen wir nach und nach einen digitalen Zwilling der Stadt“, sagt Swyter. Schließlich fährt ein Fahrschulwagen ziemlich viel herum. So kann nicht nur die Fahrschule ihren Schülern virtuelles Fahrtraining in realer Umgebung anbieten. „Für eine Behörde bieten wir virtuelles Fahrsicherheitstraining an, entwickeln das auch für die Feuerwehren.“ Die meisten Unfälle bauten junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr mit dem Krankenwagen. „Wenig Fahrerfahrung und dann mit dem Blaulicht über die Kreuzung“, sagt Swyter. Auch Städte sollen den digitalen Zwilling ihrer Stadt nutzen können, um vorausschauend Wege zu warten und die Verkehrslage zu optimieren. „Wir hoffen, das ab 2027 den Kommunen anbieten zu können.“ 

Der Wandel vom Pedal zum Pixel ist ein schleichender Prozess. „Aber es kann passieren, dass es ganz wegfällt“, sagt Swyter. 2030 werde Veigel mehr mit Software, als mit Hardware machen, erwartet er. Nur im Rehabereich mit den von jeher vielen Einzelaufträgen, wird es weiter Pedal- und Handbedienungen geben. „Solange das gebraucht wird, werden wir das weiter anbieten.“ 

Veigel Automotive – Vom Pedal zum Pixel

Unternehmen: Veigel Automotive

  • Gründung: 1920 durch Wilhelm Veigel
  • Sitz: Öhringen / Künzelsau, Baden-Württemberg
  • Mitarbeiter: ca. 100

Kernbereiche (heute):

  • Doppelbedienungen für Fahrschulfahrzeuge (Weltmarktführer)
  • Fahrhilfen für Menschen mit Behinderung (Rehamotive)
  • Neue Sparte: KI- und kamerabasierte Fahrschul- und Trainingssysteme (Synpli)

Transformation:

  • Wandel von mechanischen Produkten → Elektronik, Software & KI
  • VR-Fahrtraining mit 360°-Kamerasystemen
  • KI-gestützte Lernanalyse für Fahrschüler
  • Digitale Zwillinge von Städten durch Fahrdaten
  • Anwendungen für Fahrschulen, Behörden, Feuerwehr, Kommunen

Anteil klassisches Autozuliefergeschäft:

  • 2014: ca. 40 %
  • Heute: ca. 5 %

Strategie:

  • Frühzeitige Reaktion auf autonomes Fahren
  • Fokus auf Software, Daten und neue Geschäftsmodelle
  • Starke Vernetzung (z. B. Maschinenraum, IPAI Heilbronn)
  • Ziel: Bis 2030 stärker Software- als Hardwareunternehmen
  • Klassisches Geschäft bleibt v. a. im Reha-Bereich relevant

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