Montag, 17.12.2012
Zukunftsmärkte
Schattenwirtschaft

Produktpiraterie an der Tagesordnung

Vier von fünf Unternehmen werden mehrmals im Jahr Opfer von Produktfälschungen. Wie Mittelständler sich dagegen wehren.

79 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind mehrmals im Jahr von Produktpiraterie betroffen, zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young. Der Schaden für die deutsche Industrie ist immens: auf rund 50 Milliarden Euro schätzen Experten den wirtschaftlichen Verlust durch Produktfälschungen.

46 Prozent der von Ernst & Young befragten Unternehmen gehen davon aus, dass ihr Risiko, Opfer von Produktpiraterie zu werden, in den kommenden Jahren gleich bleibt, 42 Prozent erwarten sogar, dass es steigen dürfte. Das Internet erhöht dabei das Risiko, Fälschungsopfer zu werden. 63 Prozent der deutschen Unternehmen haben die Erfahrung gemacht, dass Fälschungen ihrer Produkte über diesen Weg vertrieben wurden.

Vorwiegend kommen die abgekupferten Produkte aus der Volksrepublik China. Mit 83 Prozent ist das Reich der Mitte Spitzenreiter als Ursprungsort für Fälschungen. Die zweitplatzierten Südostasien und die Türkei liegen mit 33 Prozent deutlich hinter China. Die Erfahrung, dass besonders aus diesem Land Plagiate kommen, hat auch die Firma Stihl gemacht. „Die fast ausschließlich in China gefertigte Technik der Fälschungen ist überwiegend von schlechter Qualität“, sagt Günther Stoll, der sich bei Stihl um das Thema Marken- und Produktpiraterie kümmert. Der Hersteller von Motorsägen hat ein umfassendes Schutzrechtsmanagement eingerichtet.

1) Mittel gegen Produktpiraterie – Schutzrechte

Stihl hat in allen Ländern, in denen Originalprodukte verkauft werden, die nötigen Markenrechte angemeldet. In vielen Ländern sind auch Patentrechte und Geschmacksmuster angemeldet. In Europa und den USA hat das Unternehmen darüber hinaus noch eine Farbmarke für die typische Farbkombination orange / hellgrau angemeldet. Stihl hat sich dazu entschlossen, obwohl der finanzielle Aufwand erheblich ist. Aber nur so ist es möglich, „auf unterschiedlichste Weise erfolgreich gegen Fälschungen vorzugehen“, sagt Stoll.
Eine ähnliche Strategie wie Stihl fahren die meisten Unternehmen: 92 Prozent der von Ernst & Young befragten Betriebe gaben an, dass sie Schutzrechte eingetragen hätten.

2) Mittel gegen Produktpiraterie – Zoll sensibilisieren

Stihl hat überall dort, wo gefälschte Produkte eine Grenze passieren können, Anträge auf Grenzbeschlagnahme bei Zollbehörden gestellt. Außerdem legt das Unternehmen Wert auf Schulungen: „Da die Zollbehörden in der Regel keine spezifischen Kenntnisse der Produktmerkmale haben, um potentielle Schutzrechtsverletzungen zu erkennen, muss das Bewusstsein der Zollbeamten für eine Marke und deren Fälschungen mit regelmäßigen Schulungen geschärft werden“, sagt Stoll. Dennoch, über den Zoll wird nur der kleinste Teil der Plagiate entdeckt. Stefan Heißner, Leiter der Abteilung Fraud Investigation & Dispute Services bei Ernst & Young, hält diesen Weg für wenig viel versprechend: „Die schiere Masse der gefälschten Waren erlaubt den Zollbehörden im Normalfall nur Stichproben“, sagt er. „In vielen Ländern kommt bei Behörden und Mitarbeitern auch noch die Korruption hinzu, die eine effektive und unabhängige staatliche Kontrolle verhindert.“

3) Mittel gegen Produktpiraterie - Internetbeobachtung

Mit 83 Prozent setzen die meisten Unternehmen auf Marktbeobachtung, besonders über das Internet, um Fälschungen auf die Spur zu kommen. „Es sind sogar schon ganze Unternehmensseiten täuschen echt gefälscht worden“, erzählt Stefan Heißner. Auch für Stihl ist die Internetbeobachtung ein zentraler Pfeiler im Kampf gegen Produktpiraten. „Immer mehr Produktfälschungen werden über einschlägige Verkaufsplattformen im Internet angeboten“, sagt Stoll. Besonders chinesische Internetforen beobachtet das Unternehmen intensiv.

4) Mittel gegen Produktpiraterie – Klagen

Sind Marken und Patente angemeldet, kann ein Unternehmen rechtliche Schritte gegen Fälscher einleiten, wenn es bemerkt, dass die eigenen Produkte abgekupfert werden. Stihl hat in der Vergangenheit Zivilklagen gegen Hersteller von Fälschungen und gegen gewerbliche Importeure und Händler angestrengt. „Zivilklagen haben, neben erreichten Schadensersatzzahlungen und Unterlassungsverfügungen, eine wichtige abschreckende Wirkung“, erzählt Stoll. In China seien die Erfolgschancen eines Rechtsstreits allerdings von Region zu Region sehr unterschiedlich. „Kenntnisstand und Ausbildung der Richter variieren stark, nicht überall existieren die notwendigen Sachkenntnisse“, ergänzt der Experte. Außerdem sei das Strafmaß oft sehr gering.

5) Mittel gegen Produktpiraterie – Lieferketten absichern

Dass Fälschungen in die eigene Produktionskette gelangen können, können Hersteller wie Stihl besser aktiv vermeiden. Wer eine hohe Eigenfertigungsquote hat, minimiert dieses Risiko. Die nötigen Zulieferer sollten genau bekannt sein. Stihl auditiert seine Zulieferer regelmäßig. Stoll erklärt: „Wir verzichten weitgehend auf Kooperationen mit Zulieferern aus Ländern, die für ein erhöhtes Fälschungsrisiko bekannt sind.“ So hat das Unternehmen bei seinem Eintritt in den chinesischen Markt auch bewusst auf ein Gemeinschaftsunternehmen mit einer chinesischen Firma verzichtet.

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