Montag, 04.04.2022
Zukunftsmärkte

Putins Geheimplan: Seine Getreide-Opec soll die Welternährung kontrollieren

Durch die Besetzung der Schwarzmeerhäfen kontrolliert Russland große Teile des weltweiten Getreidehandels. Der russische Machthaber verschafft sich damit eine „Nahrungsmittelwaffe“, die am Ende mächtiger sein kann, als Bomben und Raketen. Experten schlagen Alarm.
Getreide feld mit Weizenstrauch

Putin setzt den Handel mit Getreide als Waffe ein

Die Opec ist das mächtigste Kartell der Welt, ihre Mitglieder können durch ihre Absprachen zum Ölpreis über das wirtschaftliche Wohl und Weh anderer Länder entscheiden. Doch es könnte noch ein zweites, ein mächtigeres Kartell geben. Eines, das über das menschliche Wohl entscheidet. Und daran, so glauben Wissenschaftler, arbeiten der russische Machthaber Wladimir Putin und seine Oligarchentruppe. Manche Beobachter sehen darin sogar den eigentlichen Kriegsgrund: Es geht um die Getreide-Opec.

 

Als Land mit der größten Ackerfläche der Welt hat sich Russland in den vergangenen 15 Jahren zu einem der wichtigsten Weizenexportländer der Welt entwickelt. Doch Russland muss als Anbieter auf dem Weltmarkt für Weizen und Weizenprodukte nicht nur mit der EU, Kanada, USA, und Australien konkurrieren, sondern bislang auch mit Nachbarländern, vor allem mit der Ukraine. „Als großer Produzent und Top-Exporteur von Agrarprodukten ist die Ukraine ein „Schwergewicht“ im globalen Agrarmarkt“, schreibt in einem internen Papier Autor Thorsten Schweizer vom internationalen Beratungshauses Ebner Stolz, das unter anderem in der Agrar- und Ernährungsbranche aktiv ist. Weltweit seien etwa 400 Millionen Menschen direkt von den Exporten aus der Ukraine abhängig. Mit 24 Millionen Tonnen, die vor Kriegsausbruch für dieses Jahr erwartet wurden, liege die Ukraine an vierter Stelle der globalen Weizen-Exporteure. Davor gebe es noch Russland mit 35 Millionen Tonnen, rechnen die Berater vor. Klar wird: Gemeinsam sind die beiden nicht zu schlagen.

 

Dazu kommt Kasachstan, das bei schwankenden Ernten jährlich zwischen 10 und 20 Millionen Tonnen Weizen erntet. Das Land verfügt aber über keinen direkten Zugang zu Welthäfen, sondern ist gezwungen, seinen Weizen mit russischen Eisenbahnen zu Häfen im Schwarzen Meer zu transportieren. „Wegen dieser geografischen Lage steht der Export von Weizen aus Kasachstan auf den Weltmarkt praktisch unter der Kontrolle Russlands“, stellt Oleksandr Perekhozhuk fest. Der Agrarökonom hat in Kiev studiert und forscht derzeit am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle. Dort befasst er sich in internationalen Projekten mit Fragen der Welternährung. Und Perekhozhuk hat die Anstrengungen Russlands zur Gründung einer Getreide-Opec seit 15 Jahren verfolgt. Er berichtet darüber jetzt in einem Fachbeitrag für die Agrazeitung.

 

Die Idee, eine Plattform zu entwickeln, die Getreideexporte aus Russland, der Ukraine und Kasachstan koordinieren soll, stand erstmals 2007 als „Black Sea Grain Pool" zur Diskussion. Treiber für den Getreide-Zusammenschluss war damals Russland, Widerstand kam von Anfang an aus der Ukraine, die sich eher Richtung Westeuropa orientieren wollte. Weitere Anläufe der Initiative in den Jahren 2009 und 2011 blieben wegen dieses Widerstands ohne Erfolg. Die Ukrainer mit ihrer entwickelten Hafeninfrastruktur am Schwarzen Meer hatten kein Interesse daran. Sie konnten schließlich erfolgreich mit Russland auf dem Weltweizenmarkt konkurrieren.

 

Das jedoch ist dem russischen Machthaber und seinen die Wirtschaft kontollierenden Oligarchen ein Dorn im Auge. „Die Existenz der russischen Wirtschaft beruht auf der Dominanz monopolistischer und oligopolistischer Marktstrukturen, die die Preisbildung sowohl auf dem nationalen als auch auf dem internationalen Markt beeinflussen können“, schreibt Agraökonom Perekhozhuk. Fast alle Sektoren der russischen Wirtschaft seien von staatlichen Unternehmen monopolisiert, einschließlich der Agrar- und Ernährungswirtschaft.

 

Mit der Besetzung des Südens der Ukraine wolle der russische Präsident und die russischen Oligarchen jetzt ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen. Wenn die Ukraine ihre Gebiete am Schwarzen Meer verliert, hat sie keinen freien und direkten Schiffszugang zum Weltmarkt mehr. Russland kann dann den gesamten Getreidehandel in der Schwarzmeerregion kontrollieren, und Getreide als neue Nahrungsmittelwaffe einsetzen, schreibt Perekhozhuk. „Die Nahrungsmittelwaffe ist gefährlicher als die „Erdgaswaffe“ oder Erdölwaffe, sogar gefährlicher als russische Raketen oder Bomben.“

 

Nüchterner, aber keineswegs weniger brisant beschreiben die Berater von Ebner Stolz die Lage. „Zwar seien die EU und Deutschland wegen ihres hohen Selbstversorgungsgrades nicht auf Weizenexporte aus einem der an dem Konflikt beteiligten Länder angewiesen, aber ein verringertes globales Angebot sowie wachsende Unsicherheit über zukünftige Ernten haben Auswirkungen auf den Weizenpreis.“ Dazu kommt: Russland und die Ukraine haben nicht nur bei Weizen eine unübersehbare Stellung auf dem Weltmarkt. Auch bei Mais, Sonnenblumen, Soja und Düngemitteln sind die beiden Länder dick im Geschäft. „Vor dem Hintergrund des eskalierenden Konflikts kommt es zunehmend zu Lieferunterbrechnungen. Der praktisch komplette Ausfall wichtiger maritimer Logistikknoten verschärft die Lage zusätzlich“, stellt Ebner Stolz fest.

 

Wer hierzulande ein Brot beim heimischen Bäcker kauft, hat den von Russland verursachten Preisauftrieb bereits bemerkt. Zwar ist die Versorgung in Deutschland durch regionale Agrarprodukte gesichert. Aber es kostet eben mehr. Christian Hörger, Geschäftsführer beim Backwarenriese Lieken, zu dem Marken, wie Golden Toast und Lieken Urkorn zählen, rechnet vor: „Weizenmehl macht bei unseren Produkten rund 70 Prozent des gesamten Rohstoffbedarfs aus, sodass die aktuelle Preis- und Kostenentwicklung auch an uns nicht spurlos vorübergeht." Die Bäckerinnungen glauben, dass sich der Kilopreis beim Brot bei etwa 3,80 Euro einpendeln könnte. Er liegt heute im Schnitt bei 3,50 Euro.

 

Während das die Deutschen verkraften, sei eine Preissteigerung bei Grundnahrungsmitteln in ärmeren Ländern ein weitaus größeres Problem, als steigende Energiepreise, beschreibt Welternährungsexperte Perekhozhuk. Der Wissenschaftler spricht von „Preiselastizität“: „Wenn die Energiepreise steigen, können alternative Lösungen für die Energieversorgung gefunden werden. Die Preiselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln, insbesondere Brotgetreide, ist in ärmeren Regionen der Welt unelastisch.“ Es gebe keine Alternativen. Und ausgerechnet die Länder der bisher nur in russischen Skizzen existierende Getreide-Opec exportieren vor allem in die bevölkerungsreichsten Regionen der Welt. Putins „Nahrungsmittelwaffe“ habe damit das Potenzial „eine künstliche Hungersnot in verschiedenen Teilen der Welt“ auszulösen mit der Folge von Massenmigrationen Richtung Europa und Nordamerika.

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