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Zukunftsmärkte > Gastbeitrag

Jetzt handeln: Ohne Bürokratieabbau verliert der Mittelstand seine Stärke

| Thomas Keiser | Lesezeit: 3 Min.

Hohe Regulierungskosten und fehlende Planungssicherheit gefährden Deutschlands wirtschaftliche Basis.

Thomas Keiser Foto: IKW
„Es ist höchste Zeit, dass die Politik gegensteuert und zwar dort, wo es wirkt: beim Abbau der Überregulierung.“, so Thomas Keiser, Geschäftsführer des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel. Foto: IKW

VON THOMAS KEISER

Deutschland steht am Scheideweg. Nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation droht der Standort im globalen Wettbewerb Relevanz einzubüßen. Die jüngsten Konjunkturprognosen des Sachverständigenrats sind ernüchternd: Auch 2025 ist das Bruttoinlandsprodukt kaum gewachsen, 2026 soll es nur leicht um etwa ein Prozent zulegen. Die Inflation bleibt erhöht, Investitionen stocken, die Unsicherheit in den Unternehmen nimmt zu. Im Podcast-Interview mit Thorsten Giersch, Chefredakteur von Markt & Mittelstand, fordere ich: „Es ist höchste Zeit, dass die Politik gegensteuert und zwar dort, wo es wirkt: beim Abbau der Überregulierung.“

 

Bürokratie bremst den Mittelstand

Die aktuelle Marktstudie der Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel (IKW) zeigt am Beispiel der Schönheits- und Haushaltspflegebranche, wie groß der Handlungsdruck ist. Neun von zehn befragten Unternehmen sehen sich durch nationale und europäische Regulierungsvorgaben erheblich belastet. Besonders betroffen sind die vom IKW vertretenen Unternehmen aus dem Mittelstand. Es ist die schiere Menge an Vorschriften vom europäischen Green Deal über das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz bis hin zur EU-Taxonomie und neuen Verpackungsvorschriften, deren Umsetzung vor allem die KMUs an ihre Grenzen bringen.

 

Überregulierung kostet Geld und Innovationskraft

Rund 40 Prozent der Unternehmen rechnen mit bis zu 250.000 Euro zusätzlichen Kosten pro neuer Vorgabe, 16 Prozent sogar mit deutlich höheren Beträgen. Kleinere und mittlere Unternehmen müssen zusätzliches Personal einstellen, das keine Wertschöpfung erzielt, sondern ausschließlich mit Dokumentation, Berichtspflichten und Nachweisen beschäftigt ist. Hinzu kommen zusätzliche Belastungen wie steigende Energiepreise, ein angespannter Arbeitsmarkt und sinkende Exportchancen. Die Folge: Innovationsprojekte werden verschoben, Sachinvestitionen bleiben aus, Produkte müssen teilweise aufgrund neuer Regularien vernichtet werden, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen können.

 

Eine Branche mit großer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Die Schönheits- und Haushaltspflegeindustrie steht hier exemplarisch für viele andere Branchen. Unsere Unternehmen versorgen täglich Millionen Menschen mit unverzichtbaren Produkten – von Zahnpasta über Waschmittel bis zu Desinfektionsmitteln. Sie tragen mit 34,6 Milliarden Euro Umsatz und einer Bruttowertschöpfung von 16 Milliarden Euro erheblich zum Wohlstand in Deutschland bei. Darüber hinaus engagieren sich die über 1.000 Mittelständler und rund 60 Großkonzerne mit fast 180.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Produktion und Vertrieb in ihren Standortgemeinden. Sie unterstützen Sportvereine und Bildungseinrichtungen und sind eng mit dem Leben vor Ort verbunden.

 

Warnsignal: Mittelstand denkt über Abwanderung nach

Die IKW-Branche verzeichnet seit 2019 ein jährliches Wachstum von rund 3%. Eigentlich eine positive Entwicklung. Trotzdem denken 40 Prozent der Unternehmen aktuell darüber nach, Teile ihres Betriebs ins Ausland zu verlagern oder Deutschland ganz zu verlassen. Ein solches Signal darf die Politik nicht überhören. Denn wenn der Mittelstand geht, verliert Deutschland nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch seine wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Balance.

Bürokratieabbau für mehr Praxistauglichkeit

Wenn der Wirtschaftsstandort Deutschland global wettbewerbsfähig bleiben soll, braucht es konsequenten Bürokratieabbau seitens der deutschen Politik. Gesetzesinitiativen müssen besser koordiniert, inhaltlich gestrafft und zeitlich entzerrt werden. Es ist die Vielzahl paralleler Verfahren, die Unternehmen überfordert und Planungssicherheit verhindert. Regulierungsvorgaben müssen außerdem am Prinzip der Praxistauglichkeit ausgerichtet werden. Vereinfachte Berichtsformate, digitale Werkzeuge und zentrale Datenquellen können den Aufwand in den Unternehmen erheblich reduzieren – ohne Transparenz oder Nachhaltigkeitsziele zu gefährden. Realistische Übergangsfristen und klare Definitionen helfen Unternehmen, Regeln umzusetzen, ohne in eine wirtschaftliche Schieflage zu geraten. Und: Jede Regulierung muss sich an ihrer Wirkung messen lassen und dahingehend vor Einführung überprüft werden.

 

Meine Forderung: Überregulierung runter, Investitionsklima rauf

Nur eine starke Wirtschaft kann Innovation, Beschäftigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern. Der Mittelstand im IKW ist bereit, Verantwortung zu übernehmen – für Nachhaltigkeit, Fortschritt und Wachstum am Wirtschaftsstandort Deutschland. Doch dafür braucht er Kostenreduktion, Freiraum, Vertrauen und verlässliche Rahmenbedingungen. Wenn die Politik jetzt handelt, kann sie die wirtschaftliche Basis dieses Landes halten und stärken. Wenn nicht, drohen Investitionen, Innovationskraft und letztlich Wohlstand in Deutschland verloren zu gehen. Weniger Bürokratie am Wirtschaftsstandort ist der Auftrag.

Der Autor

Thomas Keiser hat Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und den USA studiert. In über 20-jähriger Markenartikel-Tätigkeit im In- und Ausland hat er Führungspositionen in Marketing, Vertrieb und Geschäftsführung, zuletzt 10 Jahre in der Danone Gruppe, bekleidet und dabei Marken und Organisationen gesteuert und Unternehmensergebnisse optimiert. Seit Anfang 2015 ist er Geschäftsführer des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel.

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