Montag, 05.09.2022
Zukunftsmärkte
Energie

Reich der Rohstoffe

Mittelständler leiden unter Deutschlands Abhängigkeit von Russland und China. Nicht nur Gas und Öl treiben die Kosten in die Höhe.

Rohstoffe wie Seltenen Erden, Lithium, Kobalt oder Silizium haben immensen Einfluss auf Zukunftstechnologien

© picture alliance/dpa | Uli Deck

 

Wenn ein grüner Bundeswirtschafts- und -klimaschutzminister in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Katar fliegt, um demütig Gas- und Öl zu organisieren, muss die Lage verheerend sein. So geschehen im März, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, als Robert Habeck auf heikle Mission ging. Schlagartig wird klar, wie groß Deutschlands Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen tatsächlich ist, dass diese nicht von heute auf morgen beseitigt werden kann und dass es offensichtlich keinen Notfallplan für einen Stopp der Gasversorgung aus Russland gab – eine bittere Pille, die vor allem deutsche Mittelständler jetzt täglich schlucken müssen.

Varta, der traditionsreiche Batteriekonzern mit Sitz im baden-württembergischen Ellwangen, ist ein solcher Mittelständler. Neben kleinen Lithium-Ionen-Knopfzellen für kabellose Kopfhörer sowie Haushaltsbatterien etwa für Fernbedienungen, Uhren, Taschenlampen und dergleichen, produziert das Unternehmen auch Batteriezellen für Elektroautos. In diesen Tagen leidet das im MDax gelistete Unternehmen nicht nur unter Lieferproblemen bei Halbleitern, sondern auch unter den stark steigenden Energiepreisen. „Wir geben die Kostensteigerungen möglichst über Preiserhöhungen an unsere Kunden weiter“, erklärt Varta. Das Unternehmen plane Umrüstungen auf „alle verfügbaren alternativen Energiequellen“ und prüfe „potenzielle Einsparungsziele mit dem Netzbetreiber“. Kurzum: Man muss Strom sparen.

Während der Notfall bei Gas und Öl schon eingetreten ist, ist er bei anderen Rohstoffen wie Seltenen Erden, Lithium, Kobalt oder Silizium bereits in Sichtweite. Habeck hat deshalb seine Parteikollegin Franziska Brantner damit beauftragt, die Versorgung mit sogenannten nichtenergetischen Rohstoffen sicherzustellen. Diese haben immensen Einfluss auf Zukunftstechnologien und damit auf die Energiewende hierzulande. Ohne sie geht es nicht.

Kosten fressen Gewinn

Bei Varta ist das Problem bereits real. Der Preis für batterietaugliches Lithium kennt seit Monaten nur eine Richtung: aufwärts. Man begegne Preissteigerungen mit langfristigen Lieferverträgen, trotzdem „hat die Kurzfristigkeit der Preissteigerungen unsere Marge negativ beeinflusst“. Varta hat in der Konsequenz seinen Ausblick für 2022 am 30. Juli angepasst. Das Technologieunternehmen rechnet jetzt mit einem Konzernumsatz von 880 bis 920 Millionen Euro (statt wie bisher von 950 Millionen bis 1 Milliarde Euro) und einem bereinigten Ergebnis vor Zinsen und Abschreibungen zwischen 200 und 225 Millionen Euro (ursprünglich zwischen 260 und 280 Millionen Euro).

Am Beispiel des börsennotierten Mittelständlers wird deutlich: Grüner Strom und Elektromobilität brauchen mehr als nur Wind, Sonne und Wasser. Seltene Erden sind unverzichtbar für Windkraftanlagen und Photovoltaikmodule. Lithium braucht man, um Batterien, beispielsweise für E-Autos, zu produzieren. Silizium wird benötigt für die Fertigung von Solarzellen. Platin ist unverzichtbar, um bestimmte Elektrolyseure zur Produktion von Wasserstoff herzustellen. „Seltene Erden sind nicht so selten, wie der Name suggeriert. Allerdings wird ein Großteil dieser Metalle in China gefördert, beziehungsweise wurde China von anderen Staaten über langfristige Lieferverträge zugesichert, sodass auch hier preistreibende Verknappung entstehen könnte“, erklärt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank.

Die Volksrepublik hat in den vergangenen Jahrzehnten systematisch eine dominante Stellung auf den Rohstoffmärkten aufgebaut. China investiert Milliarden in Afrika – ein lohnendes Geschäft, das in den nächsten Jahren noch lohnender werden dürfte. So auch in der Demokratischen Republik Kongo. Das zentralafrikanische Land ist ein Rohstoffgigant, der unter anderem über 71 Prozent der weltweiten Kobaltvorkommen verfügt. Das glänzende silbergraue Schwermetall wird besonders bei der Produktion von Elektroautos gebraucht.

Während sich viele westliche Unternehmen in den vergangenen Jahren aus dem Kongo zurückgezogen haben, baute China Krankenhäuser, Wohnungen, Eisenbahnstrecken und Straßen, über die massive Platten aus Kupfer an die tansanische oder südafrikanische Küste transportiert werden – und dann ins Reich der Mitte. Die USA und Europa ließen sich von den teils dramatischen Zuständen in der zentralafrikanischen Republik abschrecken. Sie ist korrupt, das politische System instabil und die Menschenrechtslage desolat. Für China ist das Land jetzt eine Schatzkammer, und das gilt nicht nur für Kupfer und Kobalt. 80 Prozent der weltweit geförderten Coltan-Menge kommt aus dem Kongo, das Material steckt in allen Computern und Smartphones.

Nächste Schieflage droht

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sieht Chinas Dominanz – und schlägt Alarm. In einer Studie kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Abhängigkeit von China sehr hoch sei. „So werden beispielsweise 65 Prozent der Rohstoffe für Elektromotoren aus China importiert. Auch bei Windturbinen und Photovoltaikanlagen ist China mit über 50 Prozent Anteil führend bei den Rohstoffzulieferungen.“ Das führe zu Klumpenrisiken in der Wertschöpfungskette, warnt das Institut. Und ergänzt: „Deutschland ist von chinesischen Vorleistungen stärker abhängig als andersrum.“

Auf dem Weg zur Unabhängigkeit von russischen Energieträgern könnte Deutschland also in die nächste Schieflage stolpern. In Brüssel betrachtet man diese Entwicklung mit Argwohn. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton warnte ­kürzlich: „Wir müssen verhindern, dass wir von einer Gasabhängigkeit von Russland in eine Solarabhängigkeit von China geraten.“ Deshalb wolle die EU neue Lieferanten finden und zugleich den Abbau und die Verarbeitung von Rohstoffen in Europa fördern. Denn: „Solange wir abhängig sind, sind wir angreifbar.“

Das sehen auch viele Rohstoffexperten so. Die Europäische Rohstoffallianz (ERMA), ein auf Initiative der EU entstandener Verbund von Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Regierungsstellen und Verbänden, soll wichtige Rohstoffe organisieren und „strategische Lagerbestände“ auffüllen. „Als große Nachfragemacht dürfte es für die EU einfacher sein, die Beschaffung der Rohstoffe sicherzustellen“, meint Deutsche-Bank-Chefstratege Stephan. Weniger optimistisch blickt Jochen Staiger, Chef von Swiss Resource Capital, in die Zukunft: „Es wird sehr hart und sehr teuer werden für Europa.“

Energie- und rohstoffintensive Unternehmen leiden besonders stark unter den Abhängigkeiten und den steigenden Preisen. Für börsengehandelte Rohstoffe, vor allem Energierohstoffe und Metalle, sei zumindest die Absicherung über Termingeschäfte möglich, sagt Stephan. „Für die meisten dieser Rohstoffe stehen zudem auch liquide und gut funktionierende Optionsmärkte zur Verfügung. Schwieriger wird es bei den nichtbörsengehandelten Rohstoffen.“ Auch Staiger meint: „Man kann einen Teil absichern, aber das gelingt nicht immer.“ Wichtig sei, dass die Rohstoffe physisch existierten. Ähnlich blicken die unter Rohstoffknappheit leidende Autobauer auf das Problem – und reagieren. Volkswagen strebt nun als erster westlicher Autohersteller eine direkte Beteiligung an Rohstoffminen in Kanada an.

In Ellwangen bei Varta gibt man sich trotz der gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen zuversichtlich: Die Produktion an den eigenen Standorten laufe seit Beginn der Pandemie ohne wesentliche Unterbrechungen. Außerdem erwartet das Unternehmen in den kommenden Monaten „Umsatzimpulse vor allem im Lithium-Ionen-Geschäft“. Die Investitionen in den Aufbau von Produktionskapazitäten laufen weiter. In China dürfte das niemanden beunruhigen. 

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