Donnerstag, 02.08.2018
Ödnis und Abschottung: Der Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA soll illegale Einwanderer fernhalten. Er ist aber auch Symbol für die neue Skepsis gegenüber vertrauten Handelspartnern – und die Schranken, in die man sie weist.

Fotoquelle: PatrickPoendl/Thinkstock/Getty Images

Ödnis und Abschottung: Der Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA soll illegale Einwanderer fernhalten. Er ist aber auch Symbol für die neue Skepsis gegenüber vertrauten Handelspartnern – und die Schranken, in die man sie weist.

Zukunftsmärkte
Zunehmender Protektionismus

Rückkehr der Handelsschranken schockt exportorientierten Mittelstand

Die Zollstreitigkeiten zwischen den USA und der EU sowie USA und China belasten den Welthandel. Doch auch anderswo treffen Mittelständler auf neue Handelshemmnisse. Wie sehr lokale Zertifizierungen & Co. ihr Exportgeschäft behindern, belegt eine DIHK-Studie.

Eigentlich geht es der Weltwirtschaft gut. Die Konjunktur ist stabil, und robust wachsende Regionen wie Euro-Zone, Nordamerika sowie zahl­reiche asiatische Staaten beleben den globalen Han­del. Zugleich jedoch hemmt zunehmender Protek­tionismus die Dynamik.

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Der Handelskonflikt zwischen den Vereinig­ten Staaten und China sowie der EU spitzt sich seit Monaten immer weiter zu. Zudem stehen weiter­hin ungelöste politische Krisen in Russland und der Ukraine, in der Türkei und dem Nahen und Mittle­ren Osten einer ungetrübten Dynamik im Außen­handel entgegen. Und nicht zuletzt sorgen der kurz bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens sowie die handelsfeindliche Politik der US-Regierung für Einschränkungen bei Geschäften. Viele internatio­nal agierende deutsche Unternehmen sind entspre­chend verunsichert.

Eine aktuelle Studie des Deut­schen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) beweist die aktuelle Brisanz von Handelsschran­ken. 40 Prozent der befragten Unternehmen geben gegenüber dem DIHK an, in den vergan­genen zwölf Monaten eine Zunahme an Handels­hemmnissen erlebt zu haben. Das sind so viele wie noch nie seit der Finanzkreise 2008. Bereits in der Umfrage des Vorjahres hatte knapp ein Drittel der Befragten zunehmenden Protektionismus beklagt. 

Diskriminierung gegenüber lokalen Wettbewerbern

Selbst wenn deutsche Unternehmen also interna­tionale Geschäftspartner und Kunden gefunden haben, müssen sie sich beim operativen Abarbeiten ihrer Aufträge immer häufiger mit zeitintensiven und komplexen Prozessen plagen – und werden im Zielmarkt bisweilen trotzdem gegenüber lokalen Wettbewerbern diskriminiert. Befragt wurden vom DIHK 2.100 deutsche Unternehmen aller Größen­ordnungen, die in einem oder mehreren ausländi­schen Märkten geschäftlich aktiv sind.

Konkret berichten diese Unternehmen von einem Anstieg lokaler Zertifizierungsanforderun­gen. Diesen zufolge müssen Produkte in einigen Ländern neben den gängigen internationalen Stan­dards weitere Anforderungen erfüllen, um einge­führt und verkauft werden zu dürfen. 64 Prozent der befragten Unternehmen fürchten, dass dadurch der Handel mit Waren und Dienstleistungen erheb­lich eingeschränkt werden könne. Ein Beispiel für lokale Zertifizierung ist Saudi-Arabiens neue Vor­schrift zur oxo-biologischen Abbaubarkeit von Kunststoffen, schreibt der DIHK.

Sie erstrecke sich nicht nur auf die Herstellung und Einfuhr des jewei­ligen Kunststoffproduktes selbst, sondern auch auf Kunststoffmaterialien, die lediglich als Transport­verpackung der zu importierenden Hauptware ver­wendet werden (zum Beispiel Folien, mit der Haus­haltsgeräte eingepackt werden). Zusätzliche Zertifi­zierungsverfahren dieser Art sind für exportierende Unternehmen mit hohem zeitlichem und meist auch finanziellem Aufwand verbunden. Der Markt­zutritt wird erheblich erschwert und teurer.

Local-Content-Vorschriften behindern freien Handel

Gleiches gilt für zusätzliche län­derspezifische Sicherheitsanforderungen. In der Türkei zum Beispiel müssen viele Produkte trotz des einheitlichen europäischen CE-Kennzeichens extra vor Ort zertifiziert werden. 56 Prozent der Unternehmen berichten, dass es immer mehr sol­cher Vorschriften gäbe. Vor allem in Russland, dem Nahen und Mittleren Osten sowie der Türkei sehen sich die befragten Unternehmen solchen Hemmnis­sen gegenüber.

Jedes fünfte von der DIHK befragte Unternehmen beobachtet zudem eine Zunahme an sogenannten Local-Content-Vorschriften. Diese legen fest, dass ein gewisser Anteil der Produktion vor Ort erfolgen muss, um Waren im jeweiligen Markt ver­kaufen zu dürfen. Derartige Vorschriften laufen dem Ideal eines international fairen Handels entgegen.

Sie können die Wahl neuer Produktionsstandorte beeinflussen und so dazu führen, dass nicht der für das Unternehmen wirtschaftlichste, sondern der politisch gewünschte Standort ausge­wählt wird. Zusatzkosten für die Unterneh­men und Preissteigerungen sind häufig das Resultat. Ein Beispiel für Local-Content-Vorschriften sind sogenannte Buy-Ameri­can-Klauseln, durch die in den USA her­gestellte Produkte bei der Vergabe öffentli­cher Aufträge bevorzugt werden. 

Zölle trafen schon 2017 jedes fünfte Unternehmen

Eine unliebsame Renaissance könnten demnächst auch Zölle erleben: Auf die von US-Präsident Trump ange­kündigten Strafabgaben auf Stahl- und Aluminiumimporte wollen die Handels­partner – China und die EU – mit Gegen­maßnahmen reagieren. Mehr als jedes fünfte befragte Unternehmen musste laut DIHK-Umfrage schon im vergangenen Jahr mehr Zölle auf seine Produkte zahlen.

Welche Auswirkungen der derzeit bro­delnde Handelsstreit zwischen den USA und China für deutsche Unternehmen haben wird, lässt sich derweil noch nicht abschätzen. In der Umfrage ist er noch nicht berücksichtigt. Dennoch ist klar: Gerade für die stark expor­tabhängige deutsche Wirtschaft ist der Han­delskrieg der beiden gigantischen Volkswirtschaften ein Grund zur Sorge.

Hinzu kommt, dass die Welt­handelsorganisation WTO derzeit durch die USA geschwächt wird, weil Richterstellen für Schiedsver­fahren nicht besetzt sind. Dies könnte andere Länder zur Nachahmung ermutigen und eine Abwärtsspi­rale zu Lasten des Welthandels auslösen. Gerade jetzt wären aber eine starke WTO und die Durchsetzung internationaler Regeln wichtig, um den Unterneh­men die notwendige Sicherheit im internationalen Geschäft zurückzugeben, urteilt der DIHK.

Mitarbeiterentsendung innerhalb der EU komplizierter

Auch in ihrer direkten Nachbarschaft erleben deutsche Unternehmen neue Handelshemmnisse, nämlich bei der EU-Dienst­leistungsfreiheit. So klagen 12 Prozent der von dem DIHK befragten Unternehmen über bürokratische Hürden bei der kurzzeitigen Entsendung von Mit­arbeitern in ein anderes EU-Land. Immerhin ist der Zugang zu öffentlichen Aufträgen laut Studie einfa­cher geworden: Nur noch 11 Prozent der Unterneh­men monieren Hindernisse in diesem Bereich – im Vorjahr waren es 14 Prozent.

Auch die Vorgaben zum Technologietransfer behindern lediglich noch 6 Prozent, gegenüber 9 Prozent in der Vorjahresbe­fragung. Weitere Handelshemmnisse, über die sich die Unternehmen beschweren, sind die Sanktionen gegen den Iran und Russland sowie Schwierigkeiten bei der Visumsvergabe.

Ein Viertel der im Ausland aktiven deutschen Unternehmen erwartet dennoch eine bessere Ent­wicklung der Geschäfte im Jahr 2018, lediglich 10 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus. Die Produkte des deutschen Mittelstands sind welt­weit gefragt – dem scheint auch Protektionismus bisher kaum etwas anhaben zu können.