Donnerstag, 13.03.2014
Zukunftsmärkte
Währungsverfall, Krim-Krise, Handelsbarrieren

Russland: Deutsche Unternehmen skeptisch

Der aktuelle Konflikt um die Krim verunsichert deutsche Unternehmen. Im Tagesgeschäft kämpfen sie weiterhin mit dem Zoll und den nötigen Produktzertifizierungen.

Ein starker Währungsverfall seit Jahresbeginn und nun auch noch der eskalierende Konflikt um die Krim – Russland stehen als Wachstumsmarkt schwierige Monate bevor. Auch wenn der Verfall des Rubels zusätzlich durch die Drosselung der lockeren Geldpolitik der amerikanischen Notenbank befeuert wurde, sind viele wirtschaftliche Probleme im Land hausgemacht. Die Zinsen werden hoch bleiben, die Aussichten für das Wirtschaftswachstum 2014 liegen aktuell daher nur zwischen 2 und 2,5 Prozent. Entwicklungen, mit denen auch deutsche Unternehmen in Russland zu kämpfen haben.

Dass diese einen zunehmend skeptischen Blick auf das Land haben, zeigen die Zahlen der aktuellen Geschäftsklima-Umfrage der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK). Von etwa 200 befragten Unternehmen geben 41 Prozent an, dass sich das Geschäftsklima seit Anfang 2013 leicht negativ entwickelt hat, für 15 Prozent ist die Entwicklung deutlich negativ. Für 28 Prozent ist keine Änderung eingetreten. Für knapp jedes zweite Unternehmen in Russland ist die gegenwärtige Geschäftslage nur „befriedigend“. Sollte sich der Konflikt um die Krim weiter verschärfen, würde sich das Bild wohl noch weiter eintrüben. „Die Situation ist schwierig“, sagt René Harun, Direktor der Filiale Nordwest der AHK in St. Petersburg im Rahmen eines Workshops des Logistik-Dienstleisters Militzer & Münch in Frankfurt.

Warnung vor Russland-Sanktionen

Dabei unternimmt Russland Einiges, um die geschäftlichen Rahmenbedingungen im Land zu verbessern. Im Doing Business 2014 der Weltbank hat sich das Land um 19 Plätze auf Rang 92 vorgearbeitet. Besonders die Rechtsdurchsetzung wird von Unternehmern immer wieder positiv hervorgehoben. „Die Chancen überwiegen nach wie vor die Risiken“, sagt René Harun, der gleichzeitig auch vor scharfen Wirtschaftssanktionen gegen Russland warnt: „Diese würden auch in Deutschland Arbeitsplätze gefährden.“ Einer Mitteilung des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft zufolge hängen rund 300.000 Arbeitsplätze in Deutschland vom Geschäft mit Russland ab.

Etwa 6.200 deutsche Unternehmen sind in Russland registriert, meldet die russische Steuerbehörde. Gut die Hälfte ist auch laufend unternehmerisch aktiv. „Damit hat Deutschland die größte Business Community in Russland“, sagt Harun. Aufgrund der engen Verflechtung der beiden Länder rechnet er daher nicht mit ernsthaften Handelskonflikten. Dass deutsche Maschinenbauer sich aus Russland zurückziehen, wolle in Russland niemand.

Zoll in Russland mit eigenem Budget

Die deutschen Unternehmen kämpfen im Tagesgeschäft derweil an anderen Fronten. Probleme mit dem Zoll beim Waren-Export begegnen Mittelständlern mit Russland-Geschäft zwangsläufig. Unternehmen sehen laut AHK-Umfrage dort auch einen hohen Reformbedarf. Der Zoll ist die Haupteinnahmequelle des russischen Fiskus‘, Import- und Export-Abgaben machen 50 Prozent der gesamten Steuereinnahmen aus. Jeder Zollposten arbeitet gewinnorientiert und ist mit einem eigenen Budget ausgestattet.

Die Tücken beim Russland-Export haben sich auch durch die Zollunion Russlands mit Weißrussland und Kasachstan nicht geändert. Zwar erfolgt die Zollabfertigung nun an der EU-Außengrenze Polen-Weißrussland, doch die Verzollung der Ware selbst muss nach wie vor beim Binnenzollamt in Russland durchgeführt werden. „Auch gibt es Kontrollen an innergemeinschaftlichen Grenzen sowie unterschiedliche Umsatz- und Einfuhrumsatzsteuer-Sätze“, erklärt Sven-Boris Brunner, Geschäftsführer von Militzer & Münch Deutschland. Zuletzt gab es darüber hinaus im internationalen Straßengütertransport mit Russland aufgrund eines Konflikts des Zolls mit dem nationalen Spediteursverband Probleme mit der Anerkennung des TIR-Verfahrens. Eine provisorische Einigung gilt vorerst bis Anfang Juli 2014.

Auch der WTO-Beitritt Russlands führte bislang nicht zu den erhofften Handelserleichterungen. Nicht-tarifäre Handelshemmnisse wie Abwrackprämien oder Local-Content-Vorschriften machen deutschen Automobilherstellern im Land zu schaffen. Für den Automobilmarkt Russland prognostizieren Experten allerdings eine positive Zukunft.

Zertifizierungen und Zoll gemeinsam betrachten

Die Zollunion zwischen Russland, Weißrussland und Kasachstan, der auf absehbare Zeit auch noch weitere Länder beitreten werden, bringt auch eine Neuregelung der russischen Produktzertifizierungen, bislang „GOST-R“. Die neuen Technischen Reglements der Zollunion treten seit Anfang 2012 schrittweise in Kraft, teilweise mit Übergangsfristen bis 2015. Bis dahin müssen alle Produkte den neuen Zertifizierungsprozess durchlaufen haben. „Zoll und Zertifizierung in Russland gehen Hand in Hand“, erklärt Thomas Mencke, Sales Manager bei SGS Germany in Hamburg. So benötigen Unternehmen die entsprechenden Unterlagen (Zertifikat oder Deklaration) bereits bei der Verzollung. Erst danach kann eine Genehmigung zur Inbetriebnahme für den Binnenmarkt der Zollunion erfolgen.

Mittelständler müssen dabei bedenken, dass das Inverkehrbringen des Produktes am russischen Markt zwingend durch eine juristische Person erfolgen muss. Das kann entweder der russische Kunde sein, ein Distributor, die eigene russische Niederlassung oder eine Servicegesellschaft, die als Inverkehrbringer auftritt. Unternehmen müssen dem Experten zufolge für diese Dienstleistung mit jährlichen Kosten zwischen 400 und 1.000 Euro rechnen.

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