Dienstag, 25.03.2014
Zukunftsmärkte
Verunsicherung führt zu Kapitalabfluss

Russland-Konflikt: Mittelständler ziehen Geld ab

Nach dem Anschluss der Krim an Russland hat die EU Sanktionen gegen Russland verhängt. Einige deutsche Unternehmen reagieren bereits darauf.

Im Konflikt zwischen Russland und der EU beziehungsweise den USA nach dem Krim-Referendum und den damit verbundenen Handelssanktionen werden jetzt auch die Auswirkungen auf das Geschäft deutscher Mittelständler in Russland deutlich. Der Ifo- Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft Deutschlands ist im März auf 110,7 Punkte gesunken. Im Vormonat lag er noch bei 111,3 Punkten. Vor allem die Erwartungen für die kommenden Monate haben sich sichtlich eingetrübt

Die mehr als 6.000 deutschen Unternehmen im Land haben ihre Aktivitäten vor Ort erst einmal genau auf den Prüfstand gestellt. „Wir hören von der Auslandshandelskammer in Moskau, dass Investitionen zumindest verschoben werden. Manche werden jetzt auch schon gänzlich in die Tonne gesteckt. Kapital fließt ab“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier, gegenüber der ARD. Die Unternehmen seien momentan „hochgradig verunsichert“. Banken haben das Russland-Rating gesenkt, was Finanzierungen teurer oder sogar unmöglich macht.

Teurer Import nach Russland

Nachdem die EU Einreiseverbote sowie Kontosperren gegen russische Privatpersonen und Unternehmen verhängt hat, befürchten deutsche Unternehmen in Russland nun ähnliche Aktionen. „Sie machen sich Sorgen, dass Mitarbeiter aus Deutschland nicht mehr einreisen könnten oder Manager ausgewiesen werden“, sagt Volker Treier. Bei einigen Mittelständlern reisen aktuell die Geschäftsführer persönlich nach Russland, um sich ein Bild der Lage zu machen.

Der Krim-Konflikt führte zudem zu einer weiteren Schwächung des seit Jahresbeginn ohnehin schon angeschlagenen russischen Rubels, was etwa die Automobilindustrie im Land stark zu spüren bekommt. Importe aus Deutschland wie Maschinen oder Bauteile werden dadurch teurer.

Enteignung diskutiert

Jüngst waren sogar Meldungen aufgetaucht, wonach Russland ein Gesetz zur Enteignung ausländischer Unternehmen plant. Experten halten dies allerdings für unrealistisch, weil sich durch einem damit wohl verbundenen Handelsboykott die russische Wirtschaft selbst am meisten schaden würde. Die EU würde einen solchen Boykott deutlich weniger spüren. „Die Exporte in die EU belaufen sich auf 15 Prozent der russischen Wirtschaftsleistung. Umgekehrt machen die Exporte der EU nach Russland nur etwa 1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der EU aus“, sagte Handels-Experte Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut in München. Allerdings ist Russland für deutsche Unternehmen als Absatzmarkt ungleich wichtiger als für andere EU-Staaten. Bei Deutschland beträgt der Anteil der Exporte nach Russland etwa 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die deutschen Importe werden zu 1,5 Prozent am BIP aus Russland bestritten. Es handelt sich dabei zu 86 Prozent um Öl, Gas und Steinkohle.

Die immer wieder ins Spiel gebrachte Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas kann dem Ifo-Experten zufolge tatsächlich zu Problemen führen. 30 Prozent der deutschen Importe laufen über Russland. Die größten Energie-Importe aus Russland gehen nach Bayern (6,7 Milliarden Euro), Brandenburg (6,2 Milliarden Euro) und Sachsen-Anhalt (5,3 Milliarden Euro). „Ein Wegfall dieser Lieferungen hätte kurzfristig besonders schwerwiegende wirtschaftliche Folgen für Brandenburg und Sachsen-Anhalt“, sagt Felbermayr. Beide Länder bekommen Rohöl aus Russland vor allem über die Pipeline „Freundschaft“ („Druschba“) für ihre Raffinerien in Schwedt und Leuna. Die beiden Anlagen stellen einen erheblichen Faktor der örtlichen Wertschöpfung dar und beliefern Ostdeutschland mit Mineralöl-Produkten. „Einen kompletten Stopp des Handels mit Russland kann sich Deutschland kurzfristig nicht leisten, weil gut 30 Prozent unserer Öl- und Gas-Importe aus Russland kommen“, ergänzt Erdal Yalcin, ebenfalls Experte beim Münchener Institut.