Dienstag, 16.09.2014
Fracht Russland LKW

Erich Westendarp / pixelio.de

Experten rechnen damit, dass Transportaufkommen und -raten in den kommenden Monaten fallen werden.

Zukunftsmärkte
Transportmarkt-Barometer zeigt nach unten

Russland-Krise: Export-Frachtraten sinken

Die geopolitischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen hinterlassen auch deutliche Spuren im Straßengüterverkehr. Export-Experten zeichnen ein trübes Bild für die Zukunft.


Unternehmer freuen sich über billigere Preise beim Export, Spediteure und Frachtführer nehmen die Nachricht mit Unbehagen auf. Die Russland-Krise und die von der EU und Russland gegenseitig verhängten Sanktionen sorgen bei deutschen Mittelständlern nicht nur für mögliche Konflikte mit den USA und bergen Gefahren für das Export-Geschäft, sondern schlagen beim Transportaufkommen als auch bei den Transportpreisen im Straßengüterverkehr bereits voll durch. Das geht aus der exklusiven Vorab-Veröffentlichung des Transportmarkt-Barometers für das dritte Quartal 2014 hervor, das Prognos und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) regelmäßig erstellen.

Zu den ohnehin schon großen Herausforderungen beim Russland-Export, vor allem durch die Tücken beim Zoll und dem immer noch nicht gelösten TIR-Streit zwischen den russischen Spediteursverband Asmap und der Zollbehörde FCS kommt jetzt also auch noch der Transportmarkt als solches in Turbulenzen. Die Stimmung ist betrübt.

Transportaufkommen nach Russland stagniert

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Stimmungslage zum Transportaufkommen unter den Experten im dritten Quartal europaweit verschlechtert hat. „Dies gilt vor allem für die Landverkehre mit Osteuropa. Die Ukraine-Krise verunsichert die Experten offensichtlich stark“, kommentiert Martin Achtnicht, kommissarischer stellvertretender Leiter Umwelt- und Ressourcenökonomik und Umweltmanagement beim ZEW das Ergebnis.

Während im vergangenen Quartal über die Hälfte noch steigende Transportaufkommen nach Osteuropa erwartete, teilt diese Einschätzung jetzt nur noch ein Drittel. Jeder vierte Experte geht mittlerweile von einem sinkenden Transportaufkommen aus. „Für schnell drehende Güter wie Konsumgüter ist der Markt noch einigermaßen stabil, in anderen Bereich Automobilbau und Montage stagniert er aber“, sagt Sven-Boris Brunner, Geschäftsführer des Logistik-Dienstleisters Militzer & Münch.

Russland-Krise: Export aus Asien als Ausweg

Hinsichtlich der Preisentwicklung für Transporte im Straßengüterverkehr nach Osteuropa sind die Erwartungen der Experten ebenfalls negativ. „Die LKW-Frachtraten fallen“, sagt Sven-Boris Brunner. Den Ergebnissen von Prognos und ZEW zufolge sind es mittlerweile knapp 10 Prozent der Entscheider, die sinkende Preise im Russland-Export erwarten. Im zweiten Quartal war dies nur bei etwa 1 Prozent der Fall. Die Preisentwicklung müsse laut ZEW-Experte Achtnicht immer im Spannungsfeld aus Nachfrageeffekten, Kostenentwicklungen und der jeweiligen Angebots- und Wettbewerbssituation gesehen werden.

Aktuell wird der Preisrückgang vor allem durch die – zumindest in Deutschland – niedrigen Treibstoffpreise sowie einer verringerten Nachfrage nach Transporten erklärt. Es wird schlichtweg weniger Laderaum für den Export nach Russland benötigt. „Wer kann wickelt seine Logistik aus Asien heraus ab“, sagt Brunner. Auch einfache Maschinen bestellen die Russen verstärkt in Asien und nicht mehr in Deutschland oder Westeuropa. Er sieht im Lichte der Russland-Krise daher eine Bereinigung des europäischen Transportmarktes in den kommenden Monaten.

Russland-Sanktionen: Kein Ausstiegs-Szenario

Dass die von der EU verhängten Sanktionen sowie die russischen Gegenmaßnahmen auch die deutsche Wirtschaft beeinträchtigen, steht mittlerweile außer Frage. Negative kurzfristige Auswirkungen treffen vor allem die Automobilbranche, den Maschinen- und Anlagebau sowie den Energiesektor. „Letztlich ist zu befürchten, dass eine weitere Eskalation deutlich mehr Branchen trifft als die bisher sanktionierten – direkt oder indirekt wahrscheinlich sogar alle Branchen“, sagt Prof. Burkhard Schwenker, Vorsitzender des Aufsichtsrats bei Roland Berger.

In einer Umfrage unter deutschen Managern hat das Beratungshaus festgestellt, dass mehr als die Hälfte der deutschen Manager mit einer längeren Dauer der Krise und einem Wachstumsrückgang der deutschen Wirtschaft um bis zu einem halben Prozentpunkt rechnen. Weitere 16 Prozent erwarten sogar einen noch höheren Einbruch. Für Roland Berger war das Anlass, seine Wachstumsprognose für 2014 von 2,0 auf 1,7 Prozent zu reduzieren. Allerdings stellt Schwenker klar: „Ohne die Verschärfung der Wirtschaftssanktionen hätten wir unsere Prognose überhaupt nicht revidiert.“ Mit ihrer industriellen Kompetenz hätten sich die deutschen Unternehmen im internationalen Kontext bislang immer gut gegen ungünstige Entwicklungen wappnen können. Die aktuelle geopolotische Lage brächte aber zusätzliche Unwägbarkeiten. „Es fehlt momentan seitens der EU die Exit-Strategie“, sagt Militzer & Münch-Geschäftsführer Brunner.