Samba für den Mittelstand: Wie Mercosur Europas Chancen neu mischt
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 5 Min.
Der Mercosur-Abkommen steht kurz vor dem Abschluss. Warum Südamerika eine riesige Chance für den deutschen Mittelstand ist – gerade in diesen Zeiten.
von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand
Die meisten der Studenten heute waren noch nicht auf der Welt, da starteten die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU) und den Mercosur-Staaten über ein riesiges Freihandelsabkommen. So manches Problem gab es seit der Jahrtausendwende zu lösen. Anfang September nun nahm das Abkommen die nächste und wohl wichtigste Hürde: Die EU-Kommission hat die Verträge zur Abstimmung an die EU-Mitgliedsländer weitergeleitet und einen Trick angewandt. Das gesamte Verfahren ist zweigeteilt. Dem Handelsteil müssen der Rat der EU-Mitgliedsstaaten und das Europäische Parlament zustimmen, was zügig möglich sein sollte. Dem politischen Teil mit den Umweltstandards müssen auch die Parlamente der EU-Mitgliedsstaaten zustimmen. Das dürfte länger dauern.
Die Freihandelszone zwischen der EU und dem 1991 gegründeten Mercosur-Bund wäre mit 715 Millionen Einwohnern die größte Wirtschaftspartnerschaft der Welt. Angesichts der Zollverwerfungen mit den USA kann die Bedeutung dieser Regelung kaum hoch genug eingeschätzt werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem Meilenstein, der die Position der EU als „größten Handelsblock der Welt zementieren“ werde. „Das Abkommen geht weit über Handelsfragen hinaus“, betonte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas. „Es ist ein Beispiel für das Engagement der EU, Allianzen zu schmieden, die beide Seiten stärken.“
2024 betrug das Handelsvolumen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay 112 Milliarden Euro. Und da geht noch viel mehr, wenn durch den Pakt Einfuhrgebühren auf Industriegüter und Agrarprodukte wie geplant nahezu komplett entfallen. Die EU-Kommission drückt ihren Optimismus mit diesen Zahlen aus: Der Wert der jährlichen EU-Exporte nach Südamerika könnte um bis zu 39 Prozent beziehungsweise 49 Milliarden Euro steigen, was mehr als 440.000 Arbeitsplätze in der EU stützt. Dazu kommen Vereinfachungen zu geistigem Eigentum, Nachhaltigkeit, öffentlichen Ausschreibungen und politischer Zusammenarbeit.
Entscheidend verbessert
Aus Sicht vieler Experten spricht der exportierende Mittelstand zu oft über USA, China und vielleicht noch Indien, aber zu wenig über Südamerika. „Viele haben das noch gar nicht auf dem Schirm“, sagt Philipp Klose, Managing Partner Südamerika bei Rödl & Partner. Dabei sei das Mercosur-Abkommen mit der EU eine historische Chance gerade für den Mittelstand. „Allein Brasilien stellt mit 213 Millionen Einwohnern den größten Teil“, erklärt Klose. „Dazu kommen Argentinien mit 46 Millionen sowie die kleineren, aber hochinteressanten Märkte Paraguay und Uruguay.“
Für deutsche Unternehmen, die bisher durch Zölle von 15 bis 40 Prozent ausgebremst wurden, ist das eine entscheidende Verbesserung. „Heute haben chinesische Anbieter einen klaren Vorteil, weil sie schon zollfrei handeln können. Künftig wird dieser Wettbewerbsnachteil für deutsche Firmen systematisch abgebaut“, sagt Klose.
Besonders profitieren werden klassische „Made in Germany“-Branchen. „Der Maschinen- und Anlagenbau, die Automobilindustrie und Zulieferer, aber auch Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien haben in Südamerika sehr gute Perspektiven“, sagt Klose. Die Region bietet nicht nur Absatzchancen, sondern auch Zugang zu Rohstoffen, die in Europa knapp sind. „Die Frage, wo wir künftig seltene Erden, Energie und andere Ressourcen herbekommen, wird hier beantwortet.“
Doch der Einstieg ist kein Selbstläufer. „Brasilien ist ein hochkomplexes Land, vor allem steuerlich“, warnt Klose. Das Land kennt parallele Steuerhoheiten von Bund, Bundesstaaten und Kommunen – ein „Fiskalkrieg“, wie er es nennt. „Der erste Schritt für jedes Unternehmen ist daher ein Steuermodell für das eigene Produkt. Man muss genau prüfen, ob man nach Steuern überhaupt wettbewerbsfähig ist. Wenn nicht, lohnt sich der Markteintritt nicht.“ Diese Ehrlichkeit gehört zum Selbstverständnis von Rödl & Partner. „Wir sehen uns als Wegweiser für den Mittelstand. Manchmal müssen wir auch sagen: Brasilien ist für euch kein Markt – zumindest im Moment.“
Große Ausgabenfreude
Wer den Schritt wagt, kommt an São Paulo nicht vorbei. Die Metropole mit mehr als 20 Millionen Einwohnern ist das industrielle Herz Südamerikas – und traditionell stark mit Deutschland verbunden. „Man sagt, São Paulo sei die größte deutsche Industriestadt außerhalb Deutschlands. Das klingt wie ein Spruch, hat aber einen wahren Kern“, erklärt Klose. Tatsächlich gibt es hier mehr als tausend deutsche Unternehmen, eine starke Auslandshandelskammer und eine lebendige deutsche Community. „São Paulo ist das Einfallstor in die Region. Wer hier erfolgreich ist, kann von dort aus in Argentinien oder Paraguay expandieren.“
Was Südamerika zusätzlich attraktiv macht, ist die Ausgabenfreude seiner Bevölkerung. „Brasilien ist einer der konsumfreudigsten Märkte der Welt“, sagt Klose. „Es ist der zweitgrößte Social-Media-Markt nach den USA, der drittgrößte Markt für Heimtierprodukte und ein Top-3-Markt für Beauty-Produkte.“ Das hat auch mit der jungen Bevölkerung zu tun. Das Durchschnittsalter liegt bei rund 30 Jahren – deutlich niedriger als in Deutschland. „Besonders in Brasilien ist die Gesellschaft jung und weiblich. Mehr als 60 Prozent der Konsumenten sind Frauen, die sich stark für Qualitätsprodukte aus Deutschland begeistern“, sagt Klose. „Und sie haben Lust auf Konsum.“ Typisch brasilianisch sei auch der Kauf auf Raten. „Selbst wenn das Geld knapp ist, findet man Wege. Deutsche Produkte haben einen hohen Stellenwert, und dafür sind die Menschen bereit, Verpflichtungen einzugehen.“
Neben Brasilien und Argentinien bieten auch die kleineren Mercosur-Staaten Chancen. Paraguay ist flächenmäßig größer als Deutschland, hat aber nur sieben Millionen Einwohner. Das bedeutet viel Platz und günstiges Land – interessant für Branchen, die Flächen brauchen, etwa Landwirtschaft oder Automotive. Uruguay wiederum gilt als „Schweiz der Region“: stabil, klein und überschaubar, mit nur drei Millionen Einwohnern, dafür aber ein attraktiver Holding-Standort. Viele deutsche Industrielle kaufen hier Immobilien – teils als Investment, teils auch als privaten Alters- oder Rückzugsort.
Trotz aller Chancen müssen Unternehmen Geduld mitbringen. „Man braucht einen langen Atem“, sagt Klose. „Brasilien ist in Sachen Bürokratie Weltmeister – wir reden von Steueraufwänden, die im Branchendurchschnitt bis zu zehn Mal höher als in Deutschland liegen.“ Durch eine Steuerreform solle Abhilfe geschaffen werden. Ohne Outsourcing und erfahrene Partner sei das für kleine Unternehmen jedoch auch weiterhin kaum zu stemmen. Brasilien ist nach wie vor kein Land für Amateure.“ Dazu kommen kulturelle Unterschiede. „Brasilien tickt anders. Man muss die Konsumfreude, die Kreditfinanzierung und die Mentalität verstehen. Wer das ignoriert, hat es schwer. Wer sich aber darauf einlässt, wird belohnt.“
Für Klose steht fest: Der deutsche Mittelstand muss seine Denkmuster erweitern. „USA und China sind wichtig, keine Frage. Aber in einer Welt geopolitischer Spannungen ist es gefährlich, sich nur auf diese Märkte zu verlassen.“ Südamerika biete eine Alternative – und nicht nur als Absatzmarkt. „Unsere Region kann Antworten auf Fragen liefern, die Europa derzeit umtreiben: Energie, Rohstoffe, neue Märkte. Es ist Zeit für ein Umdenken.“
Nun hoffen viele Unternehmerinnen und Unternehmer in der EU, dass die Regierungen das auch so sehen. EU-Handelskommissar Maros Sefcovic sagte, er hoffe auf einen Abschluss des Ratifizierungsprozesses „bis Ende dieses Jahres“. Deutsche Wirtschaftsverbände fordern Tempo bei Rat und Parlament. Das Abkommen müsse „so schnell wie möglich in Kraft treten“, forderte etwa Oliver Richtberg vom Verband der Maschinen- und Anlagenbauer. Sehr ähnlich klingt es beim Verband der Automobilindustrie. Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen spricht von einer historischen Chance, im südamerikanischen Markt als gleichberechtigter Partner aufzutreten.
Bedenken in Frankreich
So manche Regierung brauchte robuste Schutzmaßnahmen für ihre Bauern, denn die fürchten durchaus die Konkurrenz aus Südamerika. Die EU-Kommission sagte zu, bei Importen von Produkten wie Rindfleisch, Geflügel, Zucker oder Ethanol einzugreifen, wenn die Auswirkungen allzu heftig ausfallen. Andere fürchten, Umwelt- und Menschenrechte würden ausgehöhlt. Besonders groß waren die Bedenken in Belgien, Frankreich, Österreich, Polen und den Niederlanden. Zuletzt deuteten die Regierungen aber Einlenken an.
China muss sich um solcherlei Verhandlungen nicht sorgen. Das Reich der Mitte ist in Südamerika schon lange intensiv dabei und investiert kräftig in die Infrastruktur. In der peruanischen Hauptstadt Lima wurde der Hafen Chancay kürzlich eröffnet. Dahinter stecken Investitionen von 3,5 Milliarden Dollar. Dazu kommen unzählige wichtige Straßen und Schienennetze. Kolumbien ist nun Teil der chinesischen Seidenstraßen-Initiative. Experten erwarten einen weiteren Bau-Boom und eine zunehmende Dynamik, von der auch deutsche Unternehmen profitieren können, sind sie doch als Lieferanten von Technologie und Geräten gut positioniert. Mal abgesehen von den allgemeinen Vorteilen durch eine bessere Infrastruktur in der Region.
Der Beitrag erschien in der November-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025
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