Montag, 03.03.2014
Zukunftsmärkte
Wachstumsmärkten steht schwieriges Jahr bevor

Schwellenländer: „Zinsen werden hoch bleiben“

Abgewertete Währungen setzen aktuell die Wachstumsmärkte unter Druck. Warum momentan noch kein Grund zur Unruhe besteht und was Mittelständler in diesen Ländern erwartet.

Einige Wachstumsmärkte wie die Türkei oder Russland sind zuletzt in größere Währungsturbulenzen geraten. Für Unternehmen bedeuten diese eine erhöhte Unsicherheit ihres Geschäfts und teurere Importe. Markt und Mittelstand sprach mit Markus Jäger, Director Global Risk Analysis bei Deutsche Bank Research in New York über die Auswirkungen auf das Geschäft deutscher Unternehmer in Schwellenländern und darüber, ob sich Mittelständler künftig nach Alternativen umsehen sollten.

Markt und Mittelstand: Die vergangenen Wochen waren geprägt von Währungsturbulenzen in einigen wichtigen Schwellenländern. Besteht für Investitionen in Wachstumsmärkten Grund zur Sorge?
Markus Jäger: Ich glaube, dass die Sorgen vielfach übertrieben sind. Einige Schwellenländer haben hausgemachte Probleme. Aber allgemein gesprochen bleibt die Kreditwürdigkeit der meisten Länder solide. Es ist wahr, dass das Wachstumsmomentum in einigen großen Schwellenländern unerwartet schwach ist. Gleichzeitig weisen die etablierten Märkte wie die USA oder der Euroraum wieder deutlich höhere Wachstumsraten als in den Jahren zuvor auf. Der Unterschied im Wachstum zwischen den entwickelten Märkten und den Emerging Markets wird also wieder geringer. Mittelfristig werden auch die US-Zinsen steigen. Daher ziehen einige Marktteilnehmer ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren es verstärkt in die etablierten Märkte. Was folgt, ist eine Währungsabwertung in den betroffenen Schwellenländern.

Export aus Wachstumsmärkten günstiger

Markus Jäger

Markus Jäger ist Director Global Risk Analysis bei Deutsche Bank Research.

MuM: Was bedeutet das für Unternehmen, die in Ländern wie Brasilien, Russland oder Indien unternehmerisch aktiv sind?
Jäger: Für die Produktion im Land mit anschließendem Export ist das zunächst einmal positiv, weil die Unternehmen oftmals zu geringeren Kosten produzieren und anschließend exportieren können, dadurch steigen die Margen. Für Verkäufe im lokalen Markt führt eine schwache Währung allerdings zu weniger Einkommen und somit auch zu einem nachlassenden Binnenkonsum und einer sinkenden Nachfrage.

MuM: Besonders betroffen von den Währungsschwankungen war zuletzt die Türkei. Anfang des Jahres ist der Wert der Lira gegenüber dem Euro um ein Drittel gefallen. Warum ist das so?
Jäger: Strukturell ist die Türkei sehr auf Kapitalzuflüsse angewiesen. Ein hohes Leistungsbilanzdefizit, hohe Amortisationszahlungen und niedrige Währungsreserven waren die ausschlaggebenden Gründe. Die Türkei hat eine sehr niedrige Sparquote. Das heißt, das Land muss fremdes Geld aufnehmen, um hohes mittelfristiges Wachstum erzielen zu können. Das ist aber wiederum schwierig, wenn dieses fremde Geld nicht mehr so einfach zu bekommen ist, weil die US-Notenbank ihre Anleihekäufe sukzessive zurückfährt oder weil Investoren risikoaverser geworden sind.

Probleme der Schwellenländer teils hausgemacht

MuM: Die Drosselung der lockeren Geldpolitik der US-Notenbank wird immer wieder als Hauptgrund für den Währungsverfall ins Treffen geführt. Oft reichen schon Ankündigungen und Investoren ziehen Geld ab. Ist das wirklich der einzige Grund?
Jäger: Nein, es gibt da mehrere Komponenten. Wie die Türkei kämpft auch Südafrika mit niedrigen Währungsreserven und einem hohen externen Finanzierungsbedarf. Einige Länder wie Brasilien haben ebenfalls etwas erhöhte Leistungsbilanzsalden, aber mittlere bis hohe Reserven. Hier ist die Abhhängigkeit von Rohstoffexporten ein wichtiger Faktor. Indonesien, Brasilien und einige andere Länder sind stark im Export nach China orientiert, wo derzeit Investoren etwas pessimistischer geworden sind, was das dortige Wachstum anbetrifft.

MuM: Warum?
Jäger: China ist heute für viele Schwellenländer ein bedeutender und oftmals der wichtigste Handelspartner. Neben den Anleihekäufen der US-Notenbank ist deshalb das Wachstum in China die zweite wichtige Säule der Wirtschafts- und Finanzentwicklung der Wachstumsmärkte. Wenn die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr mit den erwarteten 3 bis 3,5 Prozent wächst, kommt das auch den Schwellenländern zugute. Wenn es aber gleichzeitig zu einer starken Wachstumsverlangsamung in China kommen sollte, würde der Positiveffekt stark abgeschwächt oder sogar vollkommen kompensiert werden.

MuM: Die nationalen Notenbanken einiger Wachstumsmärkte haben mit Zinserhöhungen versucht, die Währungen teilweise wieder aufzufangen. Können sich Unternehmen, die in diese Länder exportieren, wieder auf ruhigere Zeiten einstellen?
Jäger: Die Finanzmärkte haben sich nach den Zinshebungen erst einmal stabilisiert. Momentan gehe ich davon aus, dass sich die Währungen auch bis zum Ende des Jahres in etwa auf dem momentanen Niveau halten können. Das alles natürlich unter der Bedingung, dass sich die Erwartungen bzgl. der Geldpolitik der US-Notenbank nicht verändern, wovon momentan allerdings auch nicht auszugehen ist. Die Zinsen in den betroffenen Ländern werden aber hoch bleiben und das wird sich nicht als wachstumsfördernd erweisen.

Alternative Märkte nicht zwingend nötig

MuM: Sollten Mittelständler angesichts der Währungsturbulenzen Ausschau nach anderen Schwellenländern halten?
Jäger: Die Notwendigkeit sehe ich nicht unbedingt. Zwar rechne ich mittelfristig nicht mit den hohen Wachstumsraten der Jahre 2003 bis 2008. Brasilien, Russland, Südafrika und die Türkei werden nicht um mehr als 4 Prozent wachsen. In Indonesien beispielsweise rechne ich mit einem Wachstum von 5 Prozent und mehr, weil dort das Einkommenskonvergenzpotential schnelleres Wachstum ermöglicht. Natürlich gibt es mit Ländern wie dem Iran, Venezuela, Saudi-Arabien, Nigeria oder Ghana neue Länder, die in den Fokus geraten könnten. Doch müssen Unternehmen immer bedenken, dass sich hohes Wachstum schnell relativiert, wenn es sich um wirtschaftlich relativ kleine Länder handelt. Ein moderates Wachstum in einem großen Land wie Brasilien etwa entfaltet eine ebenso große, wenn nicht sogar höhere Wirkung als hohes Wachstum in kleineren Volkswirtschaften, wenn man dies in Euro oder Dollar misst.

MuM: Die Zinsen in den USA und im Euroraum sind nach wie vor äußerst niedrig. Wird sich daran rasch etwas ändern?
Jäger: Davon gehe ich momentan nicht aus. Wir rechnen mit einer Zinsanhebung in den USA nicht vor Mitte 2015. Klar ist aber, dass die meisten Schwellenländer mittelfristig wieder mit höheren Zinsen rechnen müssen und das konnte Finanzmarktwerte negative beeinflussen und die Wirtschaftspolitik der Schwellenländer verkomplizieren. Wenn die Zinserhöhungen dann vor dem Hintergrund von solidem und tragbarem Wachstum in den entwickelten Märkten stattfinden, wird der Effekt auf das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer einigermaßen neutral ausfallen.