Freitag, 05.01.2018

Foto: SAHACHAT/Thinkstock/GettyImages

Aufblühende Lotusblume: Singapur will sich als asiatischer Innovationstreiber positionieren.

Zukunftsmärkte
Kleiner Staat ganz gross

Singapur ist ein Sprungbrett in die ASEAN-Region

5,5 Millionen Einwohner auf engstem Raum. Der Binnenmarkt ist begrenzt, die Wirtschaft abhängig von der globalen Konjunktur. Trotz dieser Schwächen bietet Singapur für deutsche Mittelständler durchaus Chancen.

Um als Standort wettbewerbsfähig zu bleiben, fördert Singapur mit Milliarden Hochtechnologien. Terence Gan, Regional President des Singapore Economic Development Board (EDB) Europa, erklärt im Gespräch, welche Branchen sich für deutsche Unternehmen lohnen und welche Vorteile das Freihandelsabkommen zwischen dem Stadtstaat und der EU bietet. Das EDB ist eine Regierungsbehörde des singapurischen Ministeriums für Handel und Industrie.

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Terence Gan ist Regional President des Singapore Economic Development Board (EDB) Europa. Das EDB ist eine Regierungsbehörde des singapurischen Ministeriums für Handel und Industrie.

Wie engagiert sind deutsche Unternehmen vor Ort?
Gegenwärtig sind 1.600 deutsche Unternehmen in Singapur präsent. Mit China und Indien gilt der Stadtstaat als dritter Wachstumsmotor der Region und strategisch günstige Drehscheibe. Viele der deutschen Unternehmen haben hier ihren regionalen Hauptsitz, Produktionsstätten sowie Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Etliche arbeiten mit den lokalen Universitäten zusammen oder tauschen sich mit unserer Start-up-Szene aus.

Warum sollten sich deutsche Unternehmen ausgerechnet für Singapur entscheiden?
Singapur ist ein wichtiger Brückenkopf im asiatisch-pazifischen Raum. Der Stadtstaat liegt zentral in der Region und ist daher logistisch günstig. Auch unsere Infrastruktur ist gut, die Sprachbarrieren sind niedrig. In Singapur gibt es gut ausgebildete Arbeitskräfte, wenig bürokratische Hürden und stabile politische Verhältnisse. Außerdem sind wir extrem innovationsfreundlich: Nach dem aktuellen „Global Innovation Index“ ist Singapur das innovativste Land Asiens und liegt weltweit auf Platz sieben. Unternehmen können hier neue Technologien im kleineren Maßstab ausprobieren, bevor sie diese in eine kommerzielle Größenordnung bringen und in die Region expandieren.

Welche Wirtschaftsbereiche sind für Mittelständler besonders interessant?
Die Schlüsselindustrien sind Feinmechanik, Elektronik, Spezialchemie, Automobil, Logistik und Medizintechnik. Einer der Schwerpunkte, die Singapur aktiv forciert, ist das Advanced Manufacturing; in Deutschland nennen Sie das Industrie 4.0. Die Regierung hat im Rahmen des „Research, Innovation and Enterprise Plan 2020“ 2 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um die öffentliche Forschung in den Bereichen Advanced Manufacturing und Maschinenbau zu unterstützen. Von dieser Förderung profitiert hat etwa die hiesige Niederlassung der Firma Feinmetall aus Herrenberg. Singapur Feinmetall unterhält hier eine digitale Fertigungsstätte und setzt eine Technologie ein, die zuvor am Singapore Institute of Manufacturing Technology, kurz Simtech, getestet wurde. Weitere 2,5 Milliarden Euro fließen im Zuge dieses Investitionsprogramms in die Gesundheitswissenschaften und die Biomedizin. Auch hier sollen anwendungsnahe Lösungen entwickelt werden. 

Die Gemeinschaft der Südostasiatischen Staaten(ASEAN) feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Wie wichtig ist dieses Staatenbündnis für den deutschen Mittelstand?

Die Chancen sind vielfältig. In den zehn ASEAN-Staaten leben mehr als 650 Millionen Menschen, das Durchschnittsalter liegt bei nur 28 Jahren. Sie erwirtschaften ein kumuliertes Bruttoinlandsprodukt von rund 2,2 Billionen Euro – laut IWF bedeutet das Platz acht im weltweiten Ranking, noch vor Indien. Mit einem jährlichen Wirtschaftsplus von 5 Prozent und einer wachsenden Mittelschicht ist die Region ein zunehmend wichtiger Markt. Der Wohlstand wächst, und die Verbraucher stellen höhere Erwartungen. Zudem steigt die Nachfrage bei Bildung und Finanzdienstleistungen. Auch schreitet in Südostasien die Verstädterung rasant voran. Rund 6 Billionen Euro werden daher in den nächsten zwei Jahrzehnten in die Infrastruktur und den Wohnungsbau gesteckt. Die Möglichkeiten für Fertigung, Innovation und Dienstleistungen sind also enorm.

Singapur wird 2018 den Vorsitz der ASEAN übernehmen. Was sind Ihre Ziele?

Wir wollen die Mitgliedsstaaten enger miteinander vernetzen, um ASEAN als innovative Region für wirtschaftliches Handeln mit Wachstumschancen zu positionieren. Dazu verfolgen wir Initiativen, die Unternehmen aus der Region dabei helfen sollen, globale Megatrends wie die digitale Wirtschaft für sich zu nutzen. Singapur will die regionalen Handelsregeln für den E-Commerce vereinheitlichen und weitere Handelserleichterungen vorantreiben. Darüber hinaus streben wir eine stärkere Integration bei Dienstleistungen und Investitionen an. Außerdem wollen wir die digitale Anschlussfähigkeit in der Region verbessern und die Zusammenarbeit untereinander fördern. Ein weiterer Schwerpunkt unseres Vorsitzes liegt auf den Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Hier wollen wir weitere Kapazitäten aufbauen. Singapur will außerdem die wirtschaftlichen Beziehungen der ASEAN-Staaten zu unseren externen Partnern ausbauen. Gegenwärtig verhandeln wir und die anderen ASEAN-Staaten über ein gemeinsames Freihandelsabkommen mit der Europäische Union. Wir sehen dem Abschluss der Beratungen erwartungsvoll entgegen.

Das Freihandelsabkommen EUSFTA zwischen der EU und Singapur sollte eigentlich 2018 in Kraft treten. Nun hat der Europäische Gerichtshof entschieden: Die EU muss die Zustimmung der nationalen Parlamente einholen, um das Abkommen abzuschließen. Steht EUSFTA auf der Kippe?
Die Europäische Kommission konsultiert derzeit die Mitgliedsstaaten und andere Interessengruppen intern, wie das EUSFTA am besten vorangebracht werden kann. Die Europäische Kommission und Singapur haben ein gemeinsames Interesse daran, dass es rasch ratifiziert wird. Wir werden weiterhin eng mit der Europäischen Kommission, den EU-Mitgliedsstaaten und dem Europäischen Parlament zusammenarbeiten, um eine baldige und reibungslose Ratifizierung sicherzustellen.

Welche Vorteile versprechen Sie sich von dem Freihandelskommen?
Das EUSFTA wird unseren Wirtschaftsbeziehungen mit der EU einen Impuls verleihen. Singapur ist unter den ASEAN-Ländern der größte Handelspartner der EU bei Waren und Dienstleistungen. Die Europäische Kommission hat in einer Studie die wirtschaftlichen Auswirkungen des Freihandelsabkommens berechnet. Um rund 1,4 Milliarden Euro könnten die Ausfuhren der EU nach Singapur innerhalb der nächsten zehn Jahre steigen. Die Exporte Singapurs in die EU könnten im selben Zeitraum um etwa 3,5 Milliarden Euro wachsen. Zu den Vorteilen von EUFTSA gehören: der Wegfall von Zollgebühren, ein verbesserter Schutz des geistigen Eigentums sowie ein verbesserter Marktzugang in vielen Dienstleistungssektoren.

Info

Enge Beziehungen mit Deutschland

Auf einer Fläche von gerade einmal 697 Quadratkilometern beherbergt Singapur knapp 5,6 Millionen Menschen. Davon sind circa 2,1 Millionen Ausländer. Englisch und Chinesisch sind offizielle Geschäftssprachen. Die Landeswährung ist der Singapur-Dollar. Die Bundesrepublik Deutschland unterhält mit dem südostasiatischen Land enge Beziehungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Zwischen beiden Staaten bestehen ein Investitions- und ein Doppelbesteuerungsabkommen. 2016 exportierte Deutschland Waren im Gesamtwert von 6,74 Milliarden Euro in den Stadtstaat, vor allem Maschinen, Autos und Fahrzeugteile sowie Elektronik und Elektrotechnik. Nach eher mauen Wachstumsraten in den vergangenen beiden Jahren dürfte die Wirtschaft des Landes 2017 um 3 Prozent wachsen.

Quelle: Germany Trade and Invest, Auswärtiges Amt

Info

Standort-Check

Pluspunkte

  • wirtschafts- und investorenfreundliches Land
  • wenig Bürokratie
  • gut ausgebaute Infrastruktur
  • hohe öffentliche Sicherheit
  • zahlreiche Freihandelsabkommen
  • staatliche Förderung von Hochtechnologien, Forschung und Entwicklung
  • Sprungbrett in die Region
  • Staat forciert Digitalisierung
  • Investitionen in nachhaltige Stadtentwicklung und Industrieparks


Minuspunkte

  • kleiner Binnenmarkt
  • keine Rohstoffe
  • abhängig von ausländischen Arbeitskräften
  • starke Abhängigkeit von Exporten und Weltkonjunktur
  • hohe Löhne und Standortkosten im regionalen Vergleich

Quelle: GTAI

 


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 12/2017 – 01/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.