Donnerstag, 01.08.2013
Zukunftsmärkte
Neue Märkte: Türkei

Türkei-Expansion: Was beim Personal zu beachten ist

Die Türkei ist für viele Mittelständler das Tor zur Asien-Expansion. Wer eine Produktion in dem Land aufbauen möchte, profitiert von vielen Vergünstigungen. Folgende Checkliste gibt einen Überblick, was im Umgang mit Personal zu beachten ist.

Im Zuge ihrer Expansion in die Türkei müssen Mittelständler bei ihrer Personal-Suche einige rechtliche aber auch kulturelle Besonderheiten berücksichtigen.

Hierarchie bei Ausschreibung beachten:
Bei der Stellenbeschreibung etwa sollten Mittelständler noch stärker als in Deutschland darauf achten, dass die ausgeschriebene Stelle auch in die Struktur des Unternehmens passt. „Die Türkei ist sehr hierarchieorientiert. Die Einstellung eines zweiten Geschäftsführers als Doppelspitze im Unternehmen kann problematisch sein“, schildert Bülent Arslan, Geschäftsführer des auf interkulturelle Beratung spezialisierten Imap Instituts.

Gespräche am besten in der Türkei führen: Die Ansprache potentieller Kandidaten erfolgt auch in der Türkei vor allem über Jobportale und sozialen Netzwerke, Linkedin ist dabei besonders beliebt. Ein erstes Interview kann über Skype geführt werden, Arslan rät allerdings zu einem persönlichen Gespräch in der Türkei: „Bewerbern ist der persönliche Kontakt sehr wichtig. Sie erwarten sich von deutschen Unternehmen ein überdurchschnittlich professionelles Niveau bei der Personal-Auswahl.“

Simulationen befremdlich: Mittelständler, die ein Assessment Center durchführen möchten, sollten wissen, dass Simulationen für türkische Arbeitnehmer noch eher ungewöhnlich sind.

Praktizieren von Religion ansprechen: Im Zuge des ersten Gesprächs sollten Mittelständler auch klären, ob die Bewerber streng religiös sind, sofern sich das ohnehin nicht bereits aus ihrer Kleidung ergibt. „Diese Bewerber werden später im Unternehmen etwa den Wunsch nach festen Gebetszeiten haben“, sagt Arslan. Generell sollten Unternehmen mit Plänen zur Türkei-Expansion laut dem Experten die Religion im Geschäftsalltag allerdings nicht überbewerten.

Türkei: Arbeitszeiten und Urlaub

Probezeit maximal vier Monate: Sind sich Mittelständler und Bewerber über einen Job einig, wird wie in Deutschland auch grundsätzlich ein schriftlicher Arbeitsvertrag aufgesetzt. „Pflicht ist ein schriftlicher Arbeitsvertrag aber nur bei befristeten Verträgen von mindestens einem Jahr“, erläutert Ulya Selçuk von der gleichnamigen Rechtsanwaltskanzlei in Istanbul. Die Probezeit darf maximal zwei Monate betragen, nur wenn es einen entsprechenden Tarifvertrag gibt, auch maximal vier.

Wochenarbeitszeit bis 45 Stunden: Die wöchentliche Arbeitszeit können Mittelständler in der Türkei auf bis zu 45 Stunden festsetzen. Maximal 270 Überstunden im Jahr sind für das Personal erlaubt. Der Urlaubsanspruch ist nach Dienstjahren gestaffelt. Personal mit einer Unternehmens-Zugehörigkeit von bis zu 5 Jahren hat Anspruch auf 14 Tage Urlaub, bis zu 15 Jahren sind es 20 Tage und darüber hinaus 26 Tage Urlaub im Jahr. „Der Anspruch auf Urlaub entsteht jedoch frühestens nach einem Jahr“, ergänzt Anwältin Selçuk.

Niedrige Lohnkosten fördern Expansion

Dienstwagen bei Führungskräften: Neben der höheren Wochenarbeitszeit ist die Türkei ist für den deutschen Mittelstand vor allem aufgrund der Lohnkostenvorteile für eine Expansion attraktiv. Für einfache Tätigkeiten ist das Personal deutlich günstiger als in Deutschland. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn lag 2012 bei 861 Euro. Bei Führungskräften erreicht das Gehaltsniveau allerdings schon westeuropäische Standards. Hinzu kommen wie hierzulande Boni und Prämien. „In der Türkei ist es auch durchaus üblich, Führungskräften eine private Krankenversicherung sowie einen Dienstwagen zu bezahlen“, erläutert Berater Arslan. Auch Zusatzzahlungen anlässlich einer längeren Betriebszugehörigkeit sind in vielen Betrieben vorgesehen. So kommen die Mitarbeiter auf bis zu vier zusätzliche Monatsgehälter. Das sollten Mittelständler bei einer Expansion in die Türkei jedenfalls beachten.

Brutto oder Netto klären:
„Besonders wichtig ist, dass Mittelständler bei Gehaltsverhandlungen klarmachen, ob über Brutto- oder Nettogehälter gesprochen wird“, weist Arslan auf einen weiteren Punkt hin. In der Türkei ist der Unterschied zwischen Brutto- und Nettolohn besonders groß. Die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber erreichen zusammen mehr als 35 Prozent des Bruttolohns. Damit nimmt das Land einen Spitzenplatz unter den OECD-Ländern ein.

Personal-Kündigung in der Türkei

Zweimalige Abmahnung notwendig: Wird ein eines Tages notwendig, sich von Personal auch wieder zu trennen, dürfen Mittelständler dabei auf einige formale Dinge nicht vergessen. „Der Arbeitsvertrag kann nicht gekündigt werden, bevor das Unternehmen den Mitarbeiter nicht in Bezug auf sein Verhalten angehört hat“, erklärt Rechtsexpertin Selçuk. Auch ist es notwendig, dass das Unternehmen den betreffenden Mitarbeiter mindestens zwei Mal schriftlich abmahnt. In der Kündigung, die ebenfalls schriftlich erfolgen muss, sind die Gründe dafür ausdrücklich zu benennen. Im Anschluss wird für das Unternehmen zudem eine Abfindung fällig, deren Höhe zwischen Unternehmen und Personal verhandelt wird. Gemäß dem Doing Business Report der Weltbank zählt die Türkei weltweit zu den Ländern mit den höchsten Kosten bei Personalentlassungen. Entlässt ein Unternehmen Personal nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit, zahlt es dafür eine Lohnsumme von knapp 87 Wochen.

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