Freitag, 06.07.2018
Dicke Luft: China leidet unter der selbst erzeugten Verschmutzung. Mit strikten Umweltschutzauflagen und finanzkräftigen Förderprogrammen versucht die Regierung, die Industrie zu "säubern".

Fotoquelle: undefined undefined/Thinkstock/Getty Images

Dicke Luft: China leidet unter der selbst erzeugten Verschmutzung. Mit strikten Umweltschutzauflagen und finanzkräftigen Förderprogrammen versucht die Regierung, die Industrie zu "säubern".

Zukunftsmärkte
Unterbrochene Lieferkette

Umweltschutz: Fabrikschließungen in China treffen Mittelstand

Im Bestreben, die eigene Klimabilanz aufzubessern, geht die chinesische Regierung hart gegen Umweltsünder in der Industrie vor. Weil lokale Zulieferer sanktioniert werden, kämpfen deutsche Mittelständler mit Verzögerungen in der Lieferkette.

Chronische Luft- und Wasserverschmutzung, wachsende Abfallberge sowie die Folgen des Klimawandels sind der Preis, den China für das seit Jahren stetige Wirtschaftswachstum zahlt. Um diesen Trend umzukehren, setzt die Regierung in Peking Zuckerbrot und Peitsche ein: satte Förderprogramme für Anbieter von Umwelttechnologien und harte Strafen für Industrieunternehmen, die zu viele Schadstoffe ausstoßen. 

Aktuelles aus dem Mittelstand: Folgen Sie uns auf Zum Linkedin Profil von Markt und Mittelstand und Zum Linkedin Profil von Markt und Mittelstand


Bis zu 100.000 Renminbi Yuan (umgerechnet knapp 13.000 Euro) am Tag müssen Industrieunternehmen seit Einführung des Umweltschutzgesetzes 2015 zahlen, die mehr CO2 ausstoßen als erlaubt. Eine zeitliche Begrenzung dieser Sanktionierung gibt es nicht. Uneinsichtigen Unternehmen kann die Regierung überdies die Produktion lahmlegen. Beide Regeln finden in der Praxis Anwendung: Immer wieder werden Fabriken vorübergehend geschlossen, weil sie mehr Schadstoffe ausstoßen als rechtlich erlaubt. 

China: Lieferkette in Gefahr

Dirk Schmidtmeier ist Geschäftsführer des Möbelherstellers Martin Staud.

Fotoquelle: Martin Staud

Dirk Schmidtmeier ist Geschäftsführer des Möbelherstellers Martin Staud.

Das trifft auch deutsche Mittelständler, die mit chinesischen Unternehmen Geschäftsbeziehungen unterhalten. Denn wenn lokale Zulieferer von den Behörden sanktioniert werden, kommt es zu Verzögerungen in der Lieferkette. „Unser Zulieferer hat vergangenes Jahr Muster erst mit mehreren Monaten Verspätung geliefert, weil er zwischenzeitlich wegen der Umweltschutzgesetze geschlossen war und nachrüsten musste“, berichtet Dirk Schmidtmeier, Geschäftsführer des Möbelherstellers Martin Staud. Der Mittelständler mit Sitz im schwäbischen Bad Saulgau fertigt überwiegend für den deutschen Markt und bezieht aus China galvanisierte Metallteile wie Griffe und Beschläge.

Zudem schlagen sich die Strafmaßnahmen in einzelnen Betrieben schon in höheren Preisen für Rohstoffe nieder: Nach der Prüfung in der Galvanikfabrik, mit der Martin Staud zusammenarbeitet, stiegen die Preise für die Metallgriffe um durchschnittlich 14 Prozent. 

Kontrolle je nach Branche mit Vorankündigung oder ohne

Minrui Ji leitet des Shanghai-Büros der Unternehmensberatung Inverto.

Fotoquelle: Inverto

Minrui Ji leitet des Shanghai-Büros der Unternehmensberatung Inverto.

Auch Produktionsstandorte deutscher Unternehmen in China werden regelmäßig kontrolliert. „Sie müssen genauer als zuvor beweisen, dass sie umweltverträglich produzieren“, berichtet Stefan Kracht, Geschäftsführer der Beratungsfirma Fiducia. Schließungen fürchten müssen sie jedoch nicht – denn meist fertigen deutsche Industrieunternehmen auch im Ausland gemäß deutscher Standards. „In Deutschland und in Europa sind die Auflagen bisher viel strenger gewesen, insofern besteht in China wirklich Nachholbedarf“, sagt Schmidtmeier.

„Die Kontrollen sehen je nach Provinz unterschiedlich aus“, berichtet Minrui Ji, Leiterin des Shanghai-Büros der Unternehmensberatung Inverto. Grundsätzlich kämen die Beamten vom Umweltamt beim ersten Mal mit voriger Ankündigung in die Fabrik, würden Anlagen prüfen und Ausstoßwerte messen. Wenn das ergebe, dass die Anlagen dem Standard entsprechen und die Grenzwerte eingehalten werden, erhielten die Fabriken ein offizielles Schreiben vom Umweltamt, dass die Anlagen in Ordnung seien und die Produktion fortgeführt werden dürfe.

„Je nach Branchen hat das Schreiben unterschiedliche Gültigkeiten“, so Ji weiter. „Je kritischer die Branche ist, desto kürzer ist die Gültigkeit. Und bei solchen Branchen finden zusätzlich auch unangekündigte Kontrollen statt.“ 

Umwelttechnologien werden staatlich gefördert

Dass chinesische Betriebe dafür ordentlich investieren müssen, ist von Vorteil für ihre ausländische Konkurrenz. „Für uns europäische Hersteller sorgt das für etwas mehr Wettbewerbsgleichheit“, hofft Schmidtmeier. Deutsche Anlagenhersteller dürften sich zudem über Aufträge freuen, wenn der Umweltkontrolleur eine Modernisierung des Anlagenparks verordnet. Bereits im aktuellen Fünfjahresplan hatte die Regierung Umwelttechnologien als Kerntechnologie definiert, die gefördert werden soll. Auch in diesem Rahmen ergeben sich Geschäftschancen für deutsche Mittelständler.

Bis die chinesische Industrie „sauber“ arbeitet, ist es jedoch ein weiter Weg. Um Lieferengpässe während der andauernden Kontrollen und Sanktionierungen zu vermeiden, sollten deutsche Unternehmen ihre Zulieferbeziehungen sorgfältig aufbauen und diversifizieren. Der Möbelhersteller Martin Staud beispielsweise unterhält auch Geschäftsbeziehungen zu einem polnischen Lieferanten, auf dessen Bestände er zurückgreifen kann, sollte die Ware aus China auf sich warten lassen.

Zudem ist es wichtig, schon vor der Aufnahme von Geschäftsbeziehungen zu überprüfen, dass potentielle Partner geltende Umweltschutzgesetze einhalten. „Lizenzen und Zertifikate, die beweisen, dass sich das Unternehmen an die Umweltgesetze hält, sollte man sich vorlegen lassen“, rät Schmidtmeier. Er arbeitet zudem mit einem Berater in China zusammen, der aktuelle und potentielle Partner überprüft. „Bisher funktioniert diese Absicherung für uns.“