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Zukunftsmärkte > KI zwingt Geschäftsmodelle auf den Prüfstand

Unter einer ruhigen Oberfläche brodeln die Märkte gewaltig

| The Economist | Lesezeit: 4 Min.

KI wirbelt Aktien- und Kreditmärkte durcheinander: Gewinner und Verlierer an Börsen und Kreditmärkten werden neu definiert und Risiken im Finanzsystem verschoben

Börsenkurstafeln und ein Schild mit AI im Vordergrund. Foto: Shutterstock
Die KI-Euphorie treibt Gewinneraktien – zugleich zwingt sie Investoren, Geschäftsmodelle, Kreditrisiken und ganze Branchen radikal neu zu bewerten. Die Nervosität ist latent immer da, weil Investoren nicht wissen, welche Geschäftsmodelle Bestand haben und wo Risiken steigen. Foto: Shutterstock

26.02.2026 The Economist

Ein Investor, der aus einer Art Silvesterstarre erwacht, könnte sich fragen, ob er etwas verpasst hat. Der S&P-500-Index großer amerikanischer Unternehmen steht nahezu exakt dort, wo er Ende 2025 stand: fast auf Rekordhoch. An geopolitischem Drama mangelte es nicht – doch im Verlauf des meistbeachteten Aktienindex der Welt spiegelt sich davon wenig wider.

Unter dieser ruhigen Oberfläche jedoch brodelt es gewaltig. Eine Panik darüber, was künstliche Intelligenz mit Geschäftsmodellen anrichten wird, hat die Aktienkurse von Softwarefirmen abstürzen lassen: Sie liegen mehr als 30 Prozent unter ihrem Höchststand vom vergangenen Jahr. Und nicht nur Softwareunternehmen als potenzielle Verlierer durch den Aufstieg von KI-Agenten und sogenanntem „Vibe Coding“ fürchten Investoren. Wellen heftiger Kursschwankungen haben Branchen von der Logistik bis hin zu Gewerbeimmobilien erfasst.

Bislang wurden die Verluste mancher Indexwerte durch Gewinne einer Gruppe von Gewinnern ausgeglichen. Während einige Sektoren stark unter Druck geraten sind, strömen Anleger in sogenannte „HALO“-Aktien (heavy assets, low obsolescence – also Unternehmen mit schwergewichtigen, langlebigen Vermögenswerten und geringer technologischer Veralterungsgefahr). Energie- und Rohstofffirmen profitieren ebenso wie stabile Versorger und Anbieter von Gütern des täglichen Bedarfs. Innerhalb des Technologiesektors boomen besonders jene Unternehmen, die die Hardware für KI liefern. Die Aktie von Sandisk, einem Entwickler und Hersteller von Speicherchips, hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Doch viele Neubewertungen stehen noch bevor, da Investoren weiterhin wenig darüber wissen, wie KI Unternehmen letztlich verändern wird. Und es gibt keine Garantie, dass das fragile Gleichgewicht zwischen Gewinnern und Verlierern bestehen bleibt.

Die Streuung am Aktienmarkt – also die erwarteten Unterschiede in der Entwicklung einzelner Aktien, gemessen an Optionspreisen – ist heute 98 Prozent höher als in der Zeit der vergangenen zehn Jahre. Dieser Wert steigt gewöhnlich dann stark an, wenn Investoren neue wirtschaftliche Realitäten einpreisen – was meist mit starken Einbrüchen oder Anstiegen der Leitindizes einhergeht. Frühere Beispiele sind der Absturz im März 2020 zu Beginn der Corona-Lockdowns oder die durch Zölle ausgelöste Panik im vergangenen April.

Auch an den Kreditmärkten zeigt sich die Neubewertung

Mitte letzten Jahres rentierten riskante „Junk“-Anleihen amerikanischer Technologieunternehmen rund drei Prozentpunkte über Staatsanleihen. Das entsprach in etwa dem durchschnittlichen Risikoaufschlag für Hochzinsanleihen insgesamt. Heute verlangen Investoren von Tech-Emittenten deutlich höhere Risikoaufschläge: Die Renditedifferenz liegt bei fünf Prozentpunkten über Staatsanleihen – ähnlich hoch wie während der Zollpanik im vergangenen Jahr. Der übrige Markt hat sich hingegen kaum bewegt.

Die Folgen für Märkte für Leveraged Loans und Private Credit, die stark in Technologie- und Unternehmensdienstleister investiert sind, dürften gravierender ausfallen. Matthew Mish von der Investmentbank UBS erwartet, dass die Ausfallraten bei solchen Krediten bis Ende 2026 um 2,5 beziehungsweise 4 Prozentpunkte steigen könnten. In einem Szenario mit noch aggressiverer Disruption könnten sich diese Anstiege sogar verdoppeln. Private-Credit-Investoren reagieren bereits nervös. Viele große Fonds verzeichneten gegen Ende des vergangenen Jahres Mittelabflüsse. Am 18. Februar beschränkte Blue Owl dauerhaft die Rücknahmen aus seinem auf Privatanleger ausgerichteten Private-Credit-Fonds, um Zeit für den Verkauf von Vermögenswerten zu gewinnen. Die Aktienkurse börsennotierter Investmentriesen wie Ares, Blackstone und KKR sind deutlich gefallen.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Lage bald beruhigt

Neue KI-Anwendungen werden zwangsläufig entstehen, und Investoren müssen ihre Einschätzung darüber, welche Geschäftsmodelle wie stark betroffen sein werden, ständig anpassen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass KI weit weniger transformativ ist als viele derzeit annehmen, würde das die Aktienkurse einiger der größten Unternehmen der Welt – etwa Nvidia – hart treffen. Turbulente Märkte könnten wiederum die Entwicklung von KI selbst bremsen. „Wenn die Verluste in den Kreditmärkten zu schnell und zu stark ansteigen, könnte die Verschärfung der Finanzierungsbedingungen gravierend sein“, schrieb Mish kürzlich in einer Analyse. Wenn Unternehmen schwerer an Kapital kommen, wird auch der Aufbau der für KI nötigen Infrastruktur langsamer erfolgen.

Investoren mit breiter Aktienmarktexponierung könnten unterdessen feststellen, dass ihr Glück nicht von Dauer ist. Die Unternehmen, die am meisten an KI verdienen, könnten letztlich nicht börsennotiert sein – etwa Anthropic oder OpenAI. Zudem gibt es kein Naturgesetz, das besagt, dass jeder Verlierersektor durch einen Gewinner perfekt ausgeglichen wird. Während Investoren jedes Geschäftsmodell neu bewerten, sollte man nicht darauf wetten, dass die Oberfläche des Aktienmarktes ruhig bleibt.

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Aus The Economist, übersetzt von The Economist, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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