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Zukunftsmärkte > Deutsche Unternehmen in den USA

Zölle, Zwickmühle, Standortwahl: Bizerba als Lehrstück für deutsche Mittelständler

| Markt und Mittelstand Redaktion

Neue US-Zölle setzen deutsche Maschinenbauer wie Bizerba unter Druck. Welche Strategien jetzt helfen, zeigt unser Überblick.

Stilisierte Weltkarte - Deutschland unter der Lupe
Bizerba erwägt Produktion in den USA – ein Beispiel für die Herausforderungen deutscher Mittelständler im Zollkonflikt. (Foto: MuM)

08.09.2025 Markt und Mittelstand  

Ein deutscher Maschinenbauer ringt mit den Folgen neuer US-Zölle. Wie die New York Times  berichtet, denkt Bizerba — bekannt für Waagen und Industrie-Schneidemaschinen u. a. für Subway — laut CEO Andreas W. Kraut über eine Verlagerung von Teilen der Fertigung in die USA nach. Was dahinter steckt und was Mittelständler jetzt beachten sollten.

Vom China-Umweg zum US-Dilemma

Als die USA in der ersten Trump-Amtszeit Strafzölle auf China verhängten, suchten viele Firmen nach Alternativen. Bizerba entschied sich 2022 für einen neuen Standort in Serbien, um den US-Markt zu bedienen und die 25 % China-Zollbelastung zu umgehen. Doch just zum Anlauf der Produktion traf die nächste Volte: Für Waren aus Serbien gilt inzwischen ein US-Zollsatz von 35 %. Parallel bleiben Importe aus der EU mit 15 % belegt. Was als kluger Ausweichschritt begann, ist damit zur Kostenfalle geworden.

Für Mittelständler zeigt der Fall exemplarisch: In einer handelspolitisch volatilen Welt kann Nearshoring/„Friendshoring“ schnell an Grenzen stoßen. Standortentscheidungen, die nur auf aktuellen Zolltabellen beruhen, sind riskant, wenn sich die Regeln im Jahrestakt ändern.

„Make in USA“: Rechnet sich das — und für wen?

Bizerba liefert bereits Komponenten in die USA und lässt sie vor Ort montieren; nun prüft das Unternehmen, bestimmte Produkte direkt dort zu fertigen. Der betriebswirtschaftliche Reiz ist klar: kürzere Lieferketten, Zollersparnis, Nähe zu Großkunden (Bizerba beliefert alle rund 20.000 Subway-Franchisenehmer) und potenziell schnellere Anpassungen an US-Spezifika — von imperialen Maßeinheiten bis zu besonders robuster, anwenderfreundlicher Auslegung der Maschinen.

Aber: Die Eingangsseite entscheidet mit. Viele Bizerba-Baugruppen basieren auf Stahl und Aluminium. Sind diese Materialien und kritische Vorprodukte nicht wettbewerbsfähig in den USA verfügbar, fallen auf importierte Inputs weiter hohe Abgaben an — in Summe bis zu 50 %. Hinzu kommen Anlaufkurven: Lieferantennetzwerk aufbauen, Qualitätssicherung etablieren, Know-how transferieren, geistiges Eigentum schützen. Das braucht Kapital, Management-Aufmerksamkeit und Zeit.

Was die Zahlen und Stimmungsbilder verraten

Der US-Markt bleibt für den exportorientierten deutschen Mittelstand zentral — trotz Gegenwind. Laut dem von der New York Times referenzierten Stimmungsbild der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) spüren knapp drei Viertel von rund 3.500 befragten Unternehmen die negativen Folgen der US-Handelspolitik. Gleichzeitig sehen viele keine realistische Alternative zum transatlantischen Geschäft.

Auch die Investitionsbereitschaft bleibt ambivalent: Eine Horváth-Umfrage unter 1.000 Firmen (2025) zeigt, dass die geplanten USA-Investitionen trotz höherer Zölle nicht zulegen. Der Grund ist weniger die absolute Höhe der Abgaben als deren Unvorhersehbarkeit. Wer heute eine Fabrik plant, trifft eine Entscheidung für Jahre — in einer Gemengelage, die sich binnen Quartalen drehen kann.

Bizerba selbst steht für die typische Strukturkraft des Mittelstands: rund 4.500 Beschäftigte weltweit (davon knapp 400 in drei US-Niederlassungen) und etwa 830 Mio. € Jahresumsatz, wovon ein Viertel aus Nordamerika stammt. Das Unternehmen denkt in Generationen: Kerntechnologie (präzise Sensorik) und Zentrale sollen aus Gründen der Differenzierung und IP-Sicherheit in Balingen bleiben — eine klare „Dual-Footprint“-Logik.

Handlungsempfehlungen für Mittelständler

  • Resilienz vor Taktik. Standortentscheidungen sollten nicht reaktiv nur Zollsätze adressieren, sondern robuste Szenarien abdecken: Welche Kosten entstehen bei +/- 10–20 Punkte Zoll? Welche Alternativen gibt es bei Lieferengpässen? Was passiert bei Wechselkurs-Schwankungen?
  • Modulare Wertschöpfung. Eine Aufteilung in IP-kritische Kernfertigung (z. B. Sensorik) am Heimatstandort und marktnahes Final Assembly/Configuration in den USA kann Zölle mindern, Anpassungsgeschwindigkeit erhöhen und IP schützen.
  • Lokale Supply Base gezielt entwickeln. Ohne belastbare US-Zulieferer laufen Zollvorteile ins Leere. Frühzeitig Partnerschaften, Qualifizierungen und Dual-Sourcing aufbauen; wo nötig, mit Ankeraufträgen Investitionen der Lieferanten anstoßen.
  • Produkt- und Markt-Fit priorisieren. US-Kunden priorisieren Robustheit, einfache Bedienung und Servicegeschwindigkeit. Produkte, die im US-Werk final konfiguriert werden, können schneller auf diese Präferenzen zugeschnitten werden (inkl. Normen, Labels, Maßeinheiten).
  • Finanzielle Puffer & Governance. Investitionen schrittweise staffeln (Optionen statt Vollcommitment), Hedging-Strategien prüfen und Entscheidungsmechanismen etablieren, die bei handelspolitischen Ereignissen zügig nachsteuern.

 

Fazit

Bizerbas Abwägung „Serbien versus USA“ steht sinnbildlich für die neue Standortrealität des Mittelstands: Nicht der eine perfekte Produktionsort entscheidet, sondern ein belastbares Netzwerk aus Kernkompetenz zu Hause und marktnahem, flexibel skalierbarem Footprint. Wer Investitionen nicht als Sprint, sondern als Langstrecke mit Richtungswechseln plant, kann auch in einem unruhigen Handelsumfeld profitabel wachsen — Zölle hin oder her.

 

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