Freitag, 03.07.2015

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Für Mitarbeitergespräche schätzen chinesische Fachkräfte einen informellen Rahmen.

Zukunftsmärkte
Chinesische Fachkräfte wollen mitgestalten

Vom Gewerkschaftsrecht zur Loyalitätsinitiative

Eine Gewerkschaft gründen müssen deutsche Firmen in China ohnehin. Da bietet es sich doch an, sie für die eigenen Zwecke zu nutzen. Beispielsweise zur langfristigen Bindung von mitsprachewilligen Fachkräften.

Chinesen sind zahlreich, arbeitswillig und anspruchslos? So einfach dürfen es sich deutsche Firmen nicht mehr machen. Die junge Generation der Volksrepublik ist gut ausgebildet und selbstbewusst. Ihre Vertreter wollen hoch hinaus und nehmen es auf dem Weg dahin mit der Loyalität zum Arbeitgeber nicht so genau. Viele deutsche Mittelständler klagen darüber, dass sie fähige Köpfe zwar finden konnten, es jedoch schier unmöglich ist, sie zu halten.

Punkten können diese Firmen, indem sie aus einer gesetzlichen Pflicht eine Tugend machen: dem Gewerkschaftsrecht. Jeder Arbeitnehmer in China hat das Recht, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein und/oder eine zu gründen. Kein Arbeitgeber darf ihm dies verwehren. So etabliert es das "Trade Union Law". Das gilt auch für ausländische Firmen, die mehr als 25 Mitarbeiter in China beschäftigen.

Dass das Gesetz die Ausgestaltung den Betrieben überlässt, eröffnet eine gute Chance für deutsche Firmen. Sie können das Gesetz mit Leben füllen und so eine echte Loyalitätsinitiative schaffen. Denn chinesische Highpotentials schätzen es, ihr berufliches Umfeld aktiv mitgestalten zu können.

Gewerkschaft beliebter als kurzer Dienstweg

"Im Vergleich zu Westeuropäern und Amerikanern sind Chinesen viel zurückhaltender und indirekter", erklärt Zhijian Fan, Geschäftsführer der chinesischen Niederlassung von EBM-Papst. "Daher ist es nicht einfach, in einem offiziellen Umfeld alles transparent zu machen." Und der Mitarbeiterdialog läuft besser über eine Gewerkschaft als zwischen Chef und Mitarbeiter direkt.

Der Hersteller von Elektromotoren und Ventilatoren aus Baden-Württemberg hat in seiner chinesischen Niederlassung daher eine eigene Gewerkschaft etabliert. Über sie organisiert EBM-Papst Firmenevents und Team-Building-Maßnahmen, bei denen Mitarbeiter inoffiziell ihre Ideen teilen können.

Aus deutscher Sicht klingt dies nach nichts besonderem. In China jedoch ist das Gewerkschaftswesen ein Papiertiger. Alle Gewerkschaften sind unter dem Dachverband ACFTU organisiert – und der ist ein Organ der Kommunistischen Partei. Von der ACFTU unabhängige Gewerkschaften sind verboten, ihre Funktionäre werden gar inhaftiert, berichtet die IG Metall auf ihrer Internetseite.

"Ethik, Lernwille und Disziplin"

Gewerkschaftsvertreter würden zudem häufig nicht neutral gewählt, sondern vom Management eingesetzt. Nicht selten handelt es sich dabei um den Personalleiter, berichtet auch die New Yorker Nichtregierungsorganisation China Labour Watch. Firmen, die die Ausgestaltung ihrer Gewerkschaft den Mitarbeitern überlassen, heben sich daher positiv von der Masse ab.

Auch die Tatsache, dass die chinesische Regierung die Einhaltung des Gewerkschaftsrechts nicht überwacht, zeigt, dass eine starke Mitarbeiterrepräsentation nicht ihr Hauptanliegen ist. Vielmehr dient das "Trade Union Law" dazu, ein harmonisches Arbeitsleben zu etablieren. Fleißige Arbeiter sind Teil des chinesischen Images, das viele ausländische Firmen ins Land lockt.

Im Gewerkschaftsgesetz formuliert die Regierung, dass eine Gewerkschaft ihre Angestellten dazu anhalten solle "Produktions- und Arbeitsanweisungen gewissenhaft auszuführen (…) und ein Team zu formen, das sich durch Ideale, Ethik, Lernwillen und Disziplin auszeichnet".

Stark genug für Kritik und neue Ideen

Indem sie eine sinnvolle Konfliktkultur leben, können sich ausländische Firmen von diesem Harmoniezwang abheben. Indem sie ihre Mitarbeiter dazu ermutigen, ehrlich ihre Unzufriedenheit auszudrücken und Lösungsvorschläge zu entwickeln, erleben diese eine Wertschätzung, die langfristig ans Unternehmen bindet.

"Firmen mit starken Gewerkschaften zeigen, dass sie stark genug sind für Kritik und neue Ideen", meint auch Zhang Li, Chef der Gewerkschaft bei Siemens in China. Und je besser Firmen diese Ideen ihrer Mitarbeiter in die Entwicklung der Unternehmenskultur einbringen, desto eher sind sie Wettbewerbern nachhaltig voraus.

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