Dienstag, 09.08.2022
Zukunftsmärkte
Rente mit 70

Wenn nichts mehr sicher ist, muss man etwas ändern

Die Diskussion um die Rente mit 70 ist so angemessen wie gefährlich, wenn sie nicht ganzheitlich geführt wird. Das politisch verminte Gebiet verhindert notwendige Maßnahmen. Warum und wie rasch gehandelt werden sollte – ein Kommentar.

Die Diskussion um die Rente mit 70 ist so angemessen wie gefährlich: Differenzierten Ansichten von Handwerkern

Bild: Shutterstock

Ich habe im Zuge meiner Recherchen rund um das Thema Rente mit 70, das zuletzt wieder hitzig diskutiert wurde, auch mit Handwerkern gesprochen. Ich dachte eigentlich, dort auf schimpfende Verweigerer der Idee zu stoßen angesichts der hohen körperlichen Belastung, die auf dem Bau herrscht. Aber keineswegs. Die differenzierten Ansichten würde ich mir bei Gewerkschaftlern und Politikern gern wünschen.

Da sagt ein selbstständiger Malermeister: Ich wäre doch blöd, wenn ich nach 18 Jahren Selbstständigkeit nicht ausgetreten und privat vorgesorgt hätte. Wenn die Rentenversicherung finanziell am Boden liegt, sollen sie da ansetzen, meinte er – bei all den gutverdienenden Anwälten und so weiter. Besser als Gerüstbauer und Dachdecker bis 70 knechten zu lassen.

Oder der Schreiner, der unumwunden zugibt, dass Teile der Tätigkeit von einigen fitten Kollegen durchaus bis 70 erledigt werden könnten. Aber man doch bitte erstmal die Wochenarbeitszeit erhöhen sollte inklusive Samstagsarbeit. Seine offenen Worte über die heutige Arbeitsmoral vieler Deutscher gebe ich an dieser Stelle nicht wieder. Er hat Angst, dass junge Chinesen in einigen Jahren durch Deutschland fahren wie wir heute durch Ägypten, die Pyramiden bestaunend mit einem „was die früher mal konnten“ auf den Lippen.

Vieles von dem, was ich gehört habe, finde ich richtig. Was ich absolut nicht akzeptieren kann ist die Verweigerungshaltung des Bundesarbeitsministers, über die Erhöhung des Renteneintrittsalters zu diskutieren, „nur“ weil es im Koalitionsvertrag dazu nichts steht. Wir erleben eine Zeitenwende. Die Mittel des Bundes können nur einmal ausgegeben werden – und wir alle sehen ja, was seit einigen Monaten passiert. Da darf es keine Denkverbote geben. Die Rentenversicherung ist finanziell am Boden und dass der Bund ständig nachschießt, keine dauerhafte Option.

Die jüngst von Arbeitgeberseite angestoßene Diskussion darf allerdings nicht nach dem Motto „Rente mit 70 oder alles so lassen“ geführt werden. Es braucht eine ganzheitliche Sicht auf die Dinge. Die Einbeziehung der Selbstständigen sollte ideologiefrei geprüft werden. Auch die Option, beim Renteneintritt intelligent zu differenzieren nach körperlich anstrengenden Berufen und denen, die im hohen Alter noch gut und gern durchgeführt werden können. Mir ist klar, dass das auch für Journalisten gilt.

Drittens wäre eine Anhebung der Wochenzeit sachgerecht. Das kann, muss aber nicht nach dem Motto „42 statt 40 Stunden“ passieren, wie es Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) vorgeschlagen hat. Viel wichtiger wäre, all den in Teilzeit arbeitenden Menschen die Möglichkeit zu geben, länger zu arbeiten. Das kann vor allem durch eine bessere Betreuung von Kindern geschehen. Da hat der Staat einiges initiiert, aber es geht zu langsam. Zweitens hilft es Eltern – ich spreche da aus eigener Erfahrung – wenn die Arbeitgeber Flexibilität zulassen und fördern. Dieser Kommentar entsteht zwischen 5 und 6 Uhr morgens, meine Tochter schläft noch. Es ist nicht in jedem Job so leicht wie für uns Journalisten, aber viele Unternehmen tun sich unnötig schwer mit diesem Punkt.

Viertens, und jetzt kommen wir zu Deutschlands größtem Arbeitgeber: Digitalisiert die Ämter! Wer mit denen spricht, die bei der Transformation der öffentlichen Verwaltung helfen (wollen), der bekommt ein ernüchterndes Bild gezeichnet: Dem Staat fällt der Fachkräftemangel genauso brutal auf die Füße wie den meisten Unternehmen, nur dass er die Vorteile der Digitalisierung noch längst nicht so genutzt hat, um das abzufedern. Und all die Zeit, die Unternehmen und Bürgern mit Schreibkram verlorengeht, sind am Ende eines Lebens vermutlich schon zwei produktive Arbeitsjahre wert.

All diese Dinge hängen zusammen. Und die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Der 65-Jährige von heute ist gesundheitlich so gut drauf wie der 55-Jährige im Jahr 1970. Doch er arbeitet deutlich weniger Stunden pro Woche und kaum länger im Hinblick auf das Renteneintrittsalter. Die demografische Situation aber hat sich aber fundamental gewandelt. Wir müssen etwas tun, und zwar in dieser Legislaturperiode. Angesichts des perfekten Sturms, der sich da für unsere Wirtschaft gerade zusammenbraut, umso dringender. Egal, was der Koalitionsvertrag sagt.

Wenn Sie Anregungen, Widerspruch oder sonstige Ideen haben, schreiben Sie mir gern unter giersch@weimermedia.de

 

 

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