Dienstag, 17.05.2022
Zukunftsmärkte

Wie die Titanic: Nord Stream verrottet auf dem Meeresgrund

Die Betreiber-Gesellschaft: pleite. Die Investoren: weg. Die Politik: voller Furcht um den eigenen Ruf. Niemand kümmert sich um Nord Stream 2. Die Pipeline ist bis zum Anschlag mit Gas gefüllt und schlummert auf dem Ostseegrund. Ist sie eine tickende Zeitbombe?
Bildquelle: shutterstock.com

Vielleicht ist es irgendwann einmal so wie bei der Titanic: Taucher schauen ab und an nach, ob der Stahlkoloss noch da unten auf dem Meeresboden liegt, und wenn sie hochkommen, bringen sie ein paar verschwommene Fotos mit, die von der Selbstüberschätzung der Menschen erzählen. Das wäre noch der beste Fall. Im schlechtesten Fall tickt da unten auf dem Ostseegrund eine Zeitbombe, von der niemand weiß, wann sie hochgeht, und was dann passiert.


Es geht um Nord Stream II, jene Pipeline, zusammengeschweißt aus 200.000 Stahlrohren, die Russland mit Deutschland verbindet. 1220 Kilometer ist sie lang. Jedes Rohr misst zwölf Meter in der Länge und wiegt 24 Tonnen, allein der Materialwert entspricht dem eines guten Gebrauchtwagens. Vorn und hinten am Endpunkt in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern ist die Riesenröhre mit wuchtigen Ventilen verschlossen, denn es ist bereits Gas darin. 330 Millionen Kubikmeter sollten es sein, genug um mehr als 100 000 Einfamilienhäuser durch den nächsten Winter zu bringen. Allein das Gas ist bei den derzeitigen Preisen eine knappe halbe Milliarde Euro wert. Vom Stahl ganz zu schweigen. Doch Gas und Eisen haben keinen Besitzer. Gerade eben errichtet, noch keinmal benutzt, ist das Jahrhundert-Bauwerk schon im Strudel der Geschichte untergegangen.

Untergegangen im Strudel der Geschichte

Denn Deutschland hat am Ende keine Betriebsgenehmigung erteilt. Sie stand aus, als Russland am 24. Februar die Ukraine überfiel. Wenige Tage später verkündete Bundeskanzler Olaf Scholz, dass als eine der ersten Sanktionen Nord Stream 2 nicht in Betrieb gehen werde. Seither stehen die Zeichen in Deutschland auf Unabhängigkeit von russischem Gas und das dürfte – zumindest so lange Kriegsherr Wladimir Putin im Kreml regiert – so bleiben. Die fünf Finanzinvestoren aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden beziehungsweise Großbritannien haben ihr Investment abgeschrieben, denn die Bauherrin, die zum russischen Gazprom-Staatskonzern gehörende Schweizer Nord Stream 2 AG, ist zahlungsunfähig. Sie hat am Firmensitz im steuergünstigen Schweizer Kanton Zug alle Mitarbeiter entlassen, der letzte hat auch noch die Website abgesperrt. Die Financiers, die so jeder ebenfalls rund eine dreiviertel Milliarde Euro versenkt haben, trifft es nicht arg. Unter ihnen sind Konzerne wie Shell, die österreichische OMV, die deutsche Uniper und Wintershall. Sie alle verdienen derzeit prächtig an den schwunghaft gestiegenen Energiepreisen. Für ihr einstiges Lieblingsspielzeug, die Nord Stream-Röhre, interessieren sie sich nicht mehr.

Auch oberhalb der Wasseroberfläche im Hafen Mukran hat das größte Erdgaspipelineprojekt Europas Spuren hinterlassen. Weitere 5000 Röhren lagern dort unter freiem Himmel – sauber gestapelt, eingezäunt und herrenlos. Der Stapel hat die lokalen Reporter des Norddeutschen Rundfunks auf den Plan gerufen. Die fragten nach und erfuhren: Dänemark hatte Nord Stream 2 den Bau in seinen Gewässern verweigert. Die Bauherren planten um und wollten die dänischen Territorialgewässer weitläufig umgehen. Sie bestellten zusätzliche Röhren beim Produzenten Europipe in Mühlheim an der Ruhr. Im Januar 2021 gab Kopenhagen auf Druck aus Deutschland doch noch grünes Licht, nachdem Russland zusicherte, auch nach Fertigstellung der zweiten Ostseepipeline Erdgas durch die Ukraine nach Mitteleuropa zu leiten. Aber da waren die zusätzlichen Röhren schon geliefert und um sie noch haltbarer zu machen: mit Beton ummantelt, was einen Verkauf oder das Einschmelzen nun schwierig macht. Außerdem gehören sie gerade, wie die gesamte Pipeline, keinem so richtig.

Einer wartet auf den anderen

Die Lage sei „verfahren, unklar, ungeregelt. Einer wartet auf den anderen“, stellen Reporter von Zeit online fest, die ebenfalls versucht haben, die Situation zu entwirren. Offen sei zum Beispiel, ob man die Pipeline abbauen müsste, wenn sie nicht benutzt und nicht gewartet wird. Für einen Abriss wäre die Nord Stream AG zuständig, die es nicht mehr gibt. Gazprom als Eigentümer und möglicher Rechtsnachfolger könnte sich sperren, weil es ja Deutschland war, das die Inbetriebnahme verweigert hat. Der Umweltverband Nabu hat bereits Sorgen: Sobald vorgeschriebene Wartung und Kontrolle wegfallen, beginne der Verfall: An der Röhre siedelten sich zunächst Schalentiere an, Sedimente setzten sich ab, irgendwann zersetze sich der Kunststoffmantel und es fresse sich der Rost in den Stahl, sagt Nabu-Meeresexperte Kim Detloff. Insbesondere die Schadstoffe aus dem Kunststoff könnten dann das Ökosystem stören. „Wenn die Pipeline nicht mehr gebraucht würde und ihre Berechtigung verloren hat, dann muss sie wieder raus", sagt Detloff gegenüber Zeit online. Auch das Methan-Gas in der Röhre sogt für Stirnrunzeln bei den Umweltschützern. Dabei ließe es sich jetzt noch über die funkelnagelneuen Ventile ablassen: Aber dann müsste einer klären, ob in Lubmin oder im westlichen Russland. Auch für diese Frage fühlt sich derzeit niemand zuständig.

Sie muss wieder raus

Die Zurückhaltung auf deutscher Seite hat ihren Grund. Alle diejenigen, die das Projekt bis zuletzt vorangetrieben haben, sind politisch inzwischen unter größeren Druck gekommen, als in der Pipeline jemals herrschte. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, im vergangenen Jahr noch eine glänzende Wahlsiegerin für die SPD, könnte im Mittelpunkt eines Untersuchungsausschusses zu einer Arte deutscher Waterkant-Affäre stehen. Die opposition jedenfalls will das so. Anfang 2021 drängte ihre Regierung auf die Gründung einer Stiftung, um den Pipeline-Bau vor US-Sanktionen zu schützen. Die „Stiftung Klima und Umweltschutz“ erhielt zunächst 20 Millionen Euro von der Nord Stream 2 AG und 200.000 Euro vom Land. „Wie sich die Regierung in Mecklenburg-Vorpommern zum Handlanger von Nord Stream 2 gemacht hat, um den Bau der Ostseepipeline voranzutreiben, muss dringend untersucht werden“, fordert der Grünen-Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter, der derzeit keine Gelegenheit auslässt, um sich als Ukraine-Unterstützer und Putin-Feind zu positionieren. Schwesig hat Gespräche mit Nord Stream 2 eingeräumt, sagt aber, dass „wir in der Landesregierung und im Landtag unsere Entscheidungen selbst getroffen haben und niemand sonst.“ Den Eindruck der Abhängigkeit von den russischen Gasbaronen will sie unbedingt vermeiden. Ihr Vorgänger Erwin Sellering leitet die Stiftung und will das auch weiter tun.

Sellering und Schwesig haben sich inzwischen darüber gründlich zerstritten. Womit klar ist: Auch von der Stiftung ist keine Hilfe bei einem möglichen Rückbau zu erwarten. Die Röhren liegen auf dem Meeresgrund, gefüllt mit Gas und künden davon, dass die Hoffnung Westeuropas, sich mit billiger Energie aus Russland jederzeit eindecken zu können, bis auf weiteres eine Luftbuchung bleiben.

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