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Landgasthof Seemer: Sauerländer Familienbetrieb zeigt, wie Heimat zur Marke wird

| Midia Nuri

Tradition und Moderne lassen sich erfolgreich verbinden. Zwei Schwestern zeigen in einem Landgasthof im Sauerland beispielhaft, wie das geht.

Julia Seemer (l.) und Alexandra Weißenfels-Seemer am Fenster ihres Gasthof-Ladens.
Gute Laune: Julia Seemer (l.) und Alexandra Weißenfels-Seemer am Fenster ihres Gasthof-Ladens. (Foto: Seemer)

03.09.2025 Markt und Mittelstand  - von Midia Nuri

Eduard Seemer hat im Gasthof noch Briefe und Pakete angenommen, wie seine Vorfahren. Lange vorbei. Heute erinnert noch ein Postzimmer an die Zeit. Denn Tradition ist Seemers Töchtern Alexandra und Julia wichtig, hier in Wenholthausen, mitten in den Hügeln des Sauerlands. Aber nicht nur. Die beiden haben das Familienunternehmen 2014 übernommen und zeigen beispielhaft, wie ein Generationenwechsel gelingt und welche Kraft sich entfaltet, wenn Altes mit Neuem verbunden wird. 

Der Wandel zeigt sich schon im Namen. Aus „Seemers Gasthof zur Post“ wurde erst der „Gasthof zur Post“ und dann der „Landgasthof Seemer“. „Das war eine große Umstellung für die Menschen im Dorf“, erinnert sich die 42-jährige Alexandra Weißenfels-Seemer, ältere der beiden Schwestern. Einige Gäste fragten, ob der Vater gestorben sei. Nein. Die Jäger mit ihrem Stammtisch einmal wöchentlich wollten wissen, ob sie noch kommen dürften. Natürlich. „Unsere Gäste wollen wir gern behalten – und neue Gäste hinzugewinnen.“ Offenbar erfolgreich: „Wir begleiten die Menschen von der Wiege bis zur Bahre, das ist so geblieben“, sagt die Co-Chefin. „Taufen, Kommunion, den 90. Geburtstag und auch Beerdigungen feiern die Menschen aus der Umgebung hier.“ Und dann sind da Urlauber und Geschäftsleute, die eines der Unternehmen der Region, viele Hidden Champions, besuchen. „Gäste schreiben uns ins Gästebuch, sie fühlten sich wie zu Hause“, freut sich Weißenfels-Seemer. „Wir kennen viele seit Jahren, wissen, was die Frau beruflich macht und auf welche Schule die Kinder gehen.“ 

Der Biergarten liegt im Schatten jahrhunderte­alter Apfelbäume. Bio-Apfelsaft sowie Bier aus dem benachbarten Grevenstein fließen hier. Vom Fass und aus dem Pülleken, auch Weizenbier aus Bad Laasphe sowie alkohol- und glutenfreies Bier aus Oberpfalz und Münsterland. Die Teller und manches Rezept, etwa für die Johannisbeer-Baiser-Torte, stammen von der Oma. Neben Bratwurst gibt es Burrata und Bolognese aus heimischen Zutaten und Wildfleisch aus der Region sowie fangfrischen Lachs und Forellen aus dem 20 Minuten entfernten Oberelspe, auch gebratene Pfirsiche. Essbare Blüten garnieren das Essen. „Nur das Beste am Platz“, ist Seemers Devise. 

Inzwischen lässt sich das auch online bestellen. Am Anfang hätten Gäste nachgefragt: „Das ist lecker, dürfen wir davon etwas mitnehmen?“ Seemers entwickelten die Marke Heimatglück, auch um auf Märkten zu verkaufen. Inzwischen sind selbstgemachte Produkte wie Apfel-Zwiebel-Schmalz, Wilde Bolognese und Alexandras Kräutersirup in Hofläden und dem Kölner Unverpackt-Geschäft erhältlich. „Wir lieben unsere Heimat seit 1536“ ist im Internetshop heimatgluecktogo.com zu lesen. Die Pandemie gab dann dem Onlinegeschäft Auftrieb. Heute bestellen Gäste fast bundesweit. Nur nach Bayern verschicken die Schwestern nicht. „Die Heimat zur Marke zu machen, das haben die Bayern schon selbst sehr gut drauf“, stellt Weißenfels-Seemer fest. Dort sieht sie keinen Bedarf. Dafür Inspiration. „Das wollen wir für das Sauerland auch gern etablieren.“ 

Erfahrungen aus aller Welt

Weißenfels-Seemer kümmert sich um den kreativen Part. Die gelernte Köchin und Hotelfachfrau arbeitete in verantwortlichen Positionen von Sternerestaurants und Hotels in England, Schottland und Deutschland, und reiste einige Monate durch Afrika, Asien und Australien. Julia Seemer ist für das Kaufmännische zuständig. Auch sie ist Hotelfachfrau, besitzt einen Bachelor in Hotelmanagement der Hotelfachschule des niederländischen Den Haag und arbeitete in Schottland, der Schweiz und Deutschland, zuletzt im Geschäftskundenbereich des Bewertungsportals HolidayCheck, bevor es sie zurück in die Heimat und den Familienbetrieb zog. 

Regionalität ist den beiden wichtig, ebenso Saisonalität. „Wenn das Wild Schonzeit hat, gibt es eben Spargel und Pfifferlinge“, sagt Weißenfels-Seemer. „Früher war das normal, heute ist das hip – hab ich vorgestern noch zu meinem Papa gesagt.“ So halten es auch die langjährigen Partner. Die Beziehungen zu Bäcker, Metzger, Fischlieferant, Käserei oder Pächtern wie der „Walddesignerin“ wachsen. „Die passen gut zu uns in jeder Hinsicht.“ Auch sie sind familiengeführt – von Kindern und Enkeln mittlerweile, die die Schwestern seit Kindesbeinen kennen. „In unserer Bäckerei habe ich damals noch bei dem Opa in den Sommerferien gearbeitet“, erinnert sich die Co-Chefin. „Da weiß man, man kann sich auf die Qualität und auch das Wort verlassen.“ 

Mitarbeiter als Mitunternehmer

Für den Erhalt der Heimat achten die Schwestern auch auf Nachhaltigkeit. Strom liefern Solarpaneele. „Wir bieten heute auch kein Frühstücks-Buffet mehr an.“ Stattdessen bekommen Gäste vorab die Karte zum Bestellen und das Frühstück wird auf Etageren serviert. „Heute werfen wir wenig weg, das freut auch die Gäste.“ Die finden – aktuelleren Urlaubstrends folgend – zum Landgasthof, beispielsweise zum neben der Pferdekoppel liegenden Campingplatz, über Portale wie alpakacamping.de. 

Heimat ist für die Schwestern zwar urwüchsig und regional, aber ausdrücklich nicht ausgrenzend. Dem syrischen Koch halfen sie, eine Wohnung zu finden. Auch ein persischer Teilzeitmitarbeiter ist unter den derzeit 20 Beschäftigten. „Unsere Mitarbeiter sollen sich nicht nur an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, sondern auch in Vereinen ankommen, Sport machen können“, sagt Weißenfels-Seemer. „Für uns gehört auch zum Heimatglück, dass die Mitarbeiter hier integriert sind.“ Viele der Servicekräfte sind 16-, 17-Jährige aus der Region. „Die machen dann irgendwann Abi und gehen in die Welt“, sagt sie, „auch das ist schön zu sehen.“ 

Dem Vorbild ihres Ex-Chefs Klaus Kobjoll vom mehrfach ausgezeichneten Schindlerhof in Nürnberg folgend, sieht sie ihre Mitarbeiter als Mitunternehmer. Im alle paar Wochen anstehenden Teammeeting geht es daher nicht nur um anstehende Aufgaben und Verantwortlichkeiten. „Schon unsere Eltern waren mitarbeiterorientiert“, sagt Weißenfels-Seemer, „wir beziehen sie noch mehr ein und pflegen Transparenz auch über Zahlen.“ Die Mitarbeiter sollen den Sinn ihrer Arbeit erkennen. 

Heimat und Tradition sind kein Selbstzweck. „Der Ausblick nach vorn ist wichtig“, ist die Co-Chefin überzeugt. „Dass man nicht denkt, das geht noch jahrhundertelang so weiter, denn die Leute verändern sich.“ Der Landgasthof geht daher mit Ernährungstrends. „Vegetarier und Veganer haben bei uns eine große Auswahl.“ Neben Kräuterwanderungen und Fliegenfischen wird Yoga angeboten. Und Allergiker sind mit passendem Essen und Bettwäsche gut versorgt. 

Faktenbox Heimatglück

  • Tradition seit 1536: Ursprünglich als Gasthof mit Poststelle gegründet, heute moderner Landgasthof mit historischem Flair.
  • Generation im Wandel: Seit 2014 führen die Schwestern Alexandra Weißenfels-Seemer (Köchin, Kreativpart) und Julia Seemer (Hotelmanagement, kaufmännisch) das Familienunternehmen.

  • Marke „Heimatglück“: Eigenprodukte wie Apfel-Zwiebel-Schmalz, Wilde Bolognese oder Kräutersirup – online bestellbar über heimatgluecktogo.com, außerdem in Hofläden und Unverpackt-Geschäften. Verzicht auf Buffet (Frühstück auf Etageren), Fokus auf Abfallvermeidung. Angebote wie Yoga, Kräuterwanderungen, Fliegenfischen.

  • Leitgedanke: Heimatbewusstsein mit Offenheit verbinden – Tradition bewahren und gleichzeitig moderne Trends aufnehmen.

Der Artikel erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.

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