Donnerstag, 13.09.2018

Illustration: Alex LMX/ Thinkstock/ Getty Images

Aggressive Wirtschaftspolitik: US-Präsident Donald Trump sorgt für Unruhe auf den Weltmärkten.

Zukunftsmärkte
US-Wirtschaftspolitik

Wie stark gefährden Trumps Handelskriege Europa?

Erst China, dann die Europäische Union und jetzt die Türkei: Mit seinen Handelskriegen destabilisiert US-Präsident Trump die Weltwirtschaft. Welche Folgen das für deutsche Unternehmen hat, erklärt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg, in einem Gastbeitrag.

Stürzt Donald Trump Europa in eine neue Rezession? Seit Februar 2018 schlägt der US-Präsident eine wesentlich härtere Gangart in der Außen- und Handelspolitik ein. Sein Handelskrieg gegen China, sein Vorgehen gegen die Türkei und der lange Streit mit der Europäischen Union, der trotz eines vorläufigen Stillhalteabkommens noch nicht ausgestanden ist, belasten unsere Konjunktur. 

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Aktuell stehen in den USA und Asien zwar erst Wachstumseinbußen von 0,1 Prozent und in gleichem Maße eine höhere Inflation zu Buche. In Europa sind die Effekte noch geringer. Aber gerade die ausfuhrorientierten Länder Europas reagieren empfindlich auf alles, was den grenzüberschreitenden Austausch von Gütern stören und das Regelwerk des Welthandels untergraben könnte. Sollte Trumps Streit mit der EU erneut eskalieren, müssten wir uns zwar (vermutlich) nicht auf eine Rezession, aber doch auf eine längere Phase gedämpften Wachstums einstellen. Denn die allgemeine Unsicherheit, die Trump ausgelöst hat, wiegt schwerer, als die aktuell messbaren Konjunkturdaten es ausdrücken.

Dass bereits die bloße Sorge vor neuen Handelsschranken erhebliche Schäden anrichten kann, zeigt das Beispiel des Brexit. Obwohl Großbritannien ja noch Teil des EU-Binnenmarktes ist, hat die Angst, es könnte bald den freien Zugang zu seinem größten Absatzmarkt verlieren, das Land in der Wachstumsliga der entwickelten Länder seit 2017 von einer Spitzenposition auf einen der hinteren Plätze zurückfallen lassen. 

Auch in der deutschen und europäischen Konjunktur sehen wir Bremsspuren. Während deutsche Unternehmen in der monatlichen Ifo-Umfrage die aktuelle Lage weiterhin als außerordentlich gut bewerten, sind ihre Erwartungen an die Zukunft seit dem Beginn ernsthafter Handelsstreitigkeiten kräftig eingebrochen. In den USA hingegen – im Epizentrum von Trumps Handelskriegen – überdeckt derzeit noch der Stimulus der hohen Steuersenkungen, die sich das Land derzeit leistet, nahezu alle anderen Einflüsse auf die Konjunktur. Da das US-Wachstum teilweise auf Pump läuft, ist es natürlich nicht nachhaltig. Gleichwohl ermuntern die starken Zahlen den Präsidenten, an seinem harten Kurs festzuhalten.

Europa muss sich wehren

Umso wichtiger ist es, dass China und die Europäische Union richtig reagieren. Der „Deal“, den Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 25. Juli geschlossen haben, zeigt vor allem eines: Gegen Trumps Handelspolitik muss Europa sich wehren. Wenn die EU bereit ist, Trumps Drohungen mit eigenen Maßnahmen entgegenzutreten, lässt sich die Gefahr eingrenzen. Es sind drei Gesichtspunkte, die den zumindest vorläufigen Sinneswandel der US-Handelskrieger ausgelöst haben, nachdem diese unmittelbar vor dem Gipfeltreffen noch mit Strafzöllen auf Autoeinfuhren aus Europa gedroht hatten:

Erstens haben die Gegenmaßnahmen der EU gegen die am 1. Juni in Kraft getretenen Stahl- und Aluminiumzölle der USA ihr Ziel nicht verfehlt. Über die Vergeltungsliste der EU mit Jeans, Whisky und Motorrädern ist manchmal gelacht worden. Aber da fast alle Bürger diese Produkte kennen, hat dies die öffentliche Debatte in den USA beeinflusst. 

Zweitens leiden gerade US-Farmer unter den Gegenschlägen Chinas und anderer Länder, die Trump zuvor mit Strafzöllen belegt hatte. Dass Trump sich am 24. Juli genötigt sah, ein Hilfspaket für US-Farmer von 12 Milliarden US-Dollar vorzuschlagen, hat manchem Amerikaner die möglichen Kosten eines Handelskrieges vor Augen geführt. 

Drittens hat selbst die US-Autoindustrie gegen mögliche US-Zölle auf die Einfuhr von Autos und Autoteilen protestiert. Ebenso wie ihre aus Deutschland oder Japan stammende Konkurrenz haben US-Unternehmen weit verzweigte internationale Lieferketten aufgebaut. Wenn sie durch Zölle gezwungen werden, diese Lieferketten umzustellen, müssten sie viele Auslandsinvestitionen abschreiben. Das schadet ihrer Bilanz. 

Macht Trump einen „Deal“ mit China?

Indes: Für Trump wäre es nicht ungewöhnlich, erst einen Streit lautstark eskalieren zu lassen, um dann einen wie auch immer gearteten „Deal“ abzuschließen. Nordkorea kann als Beispiel dienen. Deshalb erwarten wir, dass auch die USA und China spätestens nach den US-Kongresswahlen am 6. November ernsthafte Verhandlungen beginnen. 

Ein endgültiges Ergebnis werden solche Gespräche für längere Zeit zwar wohl erst einmal nicht bringen. Aber lassen die Sorgen um den Welthandel in diesem Zuge nach, könnte sich die Stimmung der deutschen Unternehmen wieder aufhellen. Im letzten Quartal 2018 könnte sich das Wirtschaftswachstum in Deutschland und der Eurozone dann durchaus wieder Zuwachsraten von rund 2 Prozent erreichen. Dies dürfte auch den Aktienmärkten und dem Euro etwas Auftrieb geben.

Autor

Holger Schmieding ist seit 2010 Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg. Zuvor arbeitet als Chefvolkswirt Europa für Merrill Lynch und die Bank of America sowie als Volkswirt beim Internationalen Währungsfond in Washington DC. 

Allerdings bleiben zwei große Risiken: Sollte Trump – losgelöst von jeglicher wirtschaftlicher Vernunft – tatsächlich immer neue Handelsschranken errichten, statt seine bisherigen Drohungen eher als Verhandlungsmasse einzusetzen, könnten der Weltwirtschaft und den Märkten unruhige Zeiten bevorstehen. 

Für unsere Konjunktur wäre es kurzfristig außerdem eine Gefahr, sollte die weitgehend hausgemachte Krise der Türkei unter den internationalen Anlegern eine Kettenreaktion auslösen. Eine  abrupt steigende Risikoscheu könnte auch viele Schwellenländer, die anders als die Türkei kein Doppeldefizit in Staatshaushalt und Leistungsbilanz haben, in Mitleidenschaft ziehen. Darüber hinaus müssen wir die Verhandlungen um den italienischen Staatshaushalt für 2019 sowie den britischen Streit um den richtigen Brexit beobachten. 

Stabilisierend wirkt hingegen die Entwicklung in Frankreich: Zunehmende Beschäftigung, günstige Finanzierungsbedingungen und große Reformfortschritte gestalten das Umfeld in unserem Nachbarland weitgehend positiv. Daher wage ich die Prognose: Solange die politischen Risiken und externen Schocks nicht ausarten, wird die Euro-Konjunktur sich Ende 2018 von den aktuellen Sorgen wieder etwas erholen können.