Mittwoch, 07.07.2021

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Winfried Kretschmann: Der baden-württembergische Ministerpräsident ist ein absolutes Phänomen.

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Winfried Kretschmann: Sieht so das Deutschland von heute aus?

Er ist ein schwarz gefärbter Grüner, sagen sie in Stuttgart. Winfried Kretschmann lebt in Baden-Württemberg das vor, was im Bund Wirklichkeit werden könnte: Eine Koalition aus Union und Grünen. Sieht Deutschland bald aus wie Winfried Kretschmann?

Pragmatisch, gereift, einmal links gewesen, was sich als freundliche Nostalgie pflegen lässt, inzwischen aber vor allem auf Machbarkeit und Ausgleich bedacht. Jenseits der 70 und damit so alt wie dieses Land und nicht sonderlich erpicht darauf, neues zu wagen. Vom Beruf Pädagoge mit leichtem Hang zum Dozieren. Auf Winfried Kretschmann lassen die wenigsten etwas kommen. Sieht Deutschland nach der Wahl, wenn schwarz und grün vielleicht eine Koalition bilden, so aus wie er?

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Vergangene Woche hat er ein kleines Scharmützel geschlagen. In einer Pandemie, so hat er in einem Interview gesagt, dürfe man auch mal strenger sein, als es das Volk versteht. Das Volk, das eigentlich bei solchen Bemerkungen aufheulen müsste, blieb still. Nur die Opposition im Stuttgarter Landtag machte ein Ding aus der Bemerkung. Der folgende Schlagabtausch tropfte an Kretschmann ab. Der Mann hat sich einen Panzer erarbeitet, den seine jüngeren Kollegen zumal in der eigenen Partei erst noch schmieden müssen.

Der baden-württembergische Ministerpräsident ist ein absolutes Phänomen. Wenn es die personifizierte Bürgerlichkeit gibt, dann steht an ihrem Klingelschild der Name Kretschmann. In Sprache und Habitus seiner Heimat verbunden, gläubig und von Menschlichkeit geprägt, als er in der heißen Phase des Wahlkampfs in seinem Land alle Auftritte absagt, weil es seiner Frau nicht gut geht. Wo andere in einem solchen Fall vermisst werden, wird er für diese Haltung gewürdigt und mit einem Wahltriumph belohnt. Er hat neuerdings eine eigene Podcast-Serie. In einer Folge hallt es ein wenig: Sie ist in einer Kirche aufgenommen. Der Katholik spricht über „Halt, Hoffnung und Heimat“. Er übersetzt damit den Slang seiner grünen Parteifreunde, die im hippen Workspace von Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Digitalisierung reden, in eine Sprache, die auch CDU-Anhänger verstehen.

Winfried Kretschmann ist kein Mann von Welt, sondern ein Mann der Provinz, so wie die allermeisten Menschen in diesem Land. Er denkt über den Acht-Stunden-Tag für Politiker nach und kratzt damit geschickt an den Grundfesten der Leistungsgesellschaft, die allen auf die Nerven geht. Er weigert sich, seine Sprache der Gender-Mode anzupassen, wenn er sagt, jeder solle reden, wie ihm der Schnabel gewachsen sei. Er wird damit zum Sprachrohr einer Mehrheit, die sich angesichts rasenden Fortschritts um sie herum nicht auch noch durch erzwungene Änderungen ihrer Sprachweise verunsichern lassen will. Kretschmann führt sein Bundesland mit der Union, wobei er die Unterschiede derart verwischt, dass ihn die Union auch als einen der ihren aufstellen könnte. Der eigenen Partei passt es nicht, aber den Leuten, den passt es. Seine Wahlergebnisse erreichen Werte, von denen die Parteifreunde in Berlin nur träumen können. Eben weil Kretschmann Deutschland ist: bodenständig, praktisch und schon ein bisschen in die Jahre gekommen.

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