Mittwoch, 12.10.2022
Zukunftsmärkte
Nachhaltigkeit

Zeitalter der Transparenz

Ein Beauftragter, ein Büro, eine Bilanz: Das war Nachhaltigkeit im Mittelstand. Damit ist jetzt Schluss.

Ein Beauftragter, ein Büro, eine Bilanz: Das war Nachhaltigkeit im Mittelstand. Damit ist jetzt Schluss

© Aleksandar Mijatovic/Shutterstock.com

Schluss, aus, vorbei: Der klassische Legostein hat ausgedient. Der Klimawandel ist schuld. Der umsatzstärkste Spielzeughersteller der Welt, dessen Produkte seit 90 Jahren praktisch unverändert in den Kinderzimmern zu Hause sind, investiert zig Millionen Euro, um bis 2030 Steine zu entwickeln, für die kein neues Erdöl verarbeitet werden muss. Zuckerrohr gilt als vielversprechende Alternative. Oder recycelte PET-Flaschen. Der Kampf gegen den Klimawandel ist damit im Kinderzimmer angekommen.

Solche Beispiele können alle Unternehmen erzählen – vom Buchverlag bis zum Industriekonzern, vom Schuhverkäufer bis zum Softwareentwickler. Wer heute feststellt, dass Nachhaltigkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, denkt unweigerlich an Greta Thunberg und die Protestzüge von Fridays for Future. Das Engagement der Jungen – es war der eine Stolperstein, der die Unternehmen nicht mehr weitermachen ließ wie zuvor. Der andere war ein Urteil im Zeitenwende-Format: Am 29. April 2021 bezeichnete das Bundesverfassungsgericht das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung als nicht verfassungsgemäß. Die obersten Richter haben sozusagen amtlich festgestellt, dass die Freiheit zukünftiger Generationen gefährdet ist, wenn heute nicht mehr gegen den Klimawandel unternommen wird.

 

Vernichtendes Urteil

Und schließlich kam – als sei es abgesprochen gewesen – noch dazu, dass die EU-Kommission 2021 im Rahmen des European Green Deals neu geregelt hat, wie über Nachhaltigkeit berichtet wird. Die Folge: Auch mittelständische Unternehmen ­müssen deutlich umfangreicher Auskunft über ihr Tun und Lassen in diesem Bereich geben. Zumindest für Betriebe mit mehr als 250 Mitarbeitern gilt, was Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM), sagt: „Eine Ausweitung der Berichtspflichten auf kleine und mittelständische Unternehmen ist wahrscheinlich.“

Die Wende geht aber tiefer. Sie geht über das Juristische hinaus: Die Unternehmen trieben bislang im Sinne der Rendite alles voran, was erlaubt ist. Sie reizten den gesetzgeberischen Rahmen aus. Viel deutet jetzt aber darauf hin, dass sich diese Logik fundamental ändert. „Jedes Unternehmen muss sich entscheiden, welche Rolle es beim Thema Nachhaltigkeit übernehmen möchte“, sagt Sascha Lehmann, Fachmann für Nachhaltigkeit bei den Beratern von McKinsey. Das reiche auf der einen Seite vom Einhalten aller gängigen regulatorischen Anforderungen bis hin zum völlig auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmen auf der anderen Seite. „Für viele Mittelständler wird diese umfangreiche Transparenz neu sein.“ Aber dass es sich lohnen kann, mehr zu machen als gesetzlich vorgeschrieben, wissen seit Jahrzehnten viele Betriebe gerade auch im deutschen Mittelstand. Sie tun mehr Nachhaltiges, als sie müssen – und geben freiwillig Auskunft darüber.

 

Wettbewerbsvorteil nutzen

Denn Unternehmen folgen nicht nur Gesetzen, sondern auch dem Willen ihrer Kunden. Und in den vergangenen Jahren sah es so aus, als entschieden sich immer mehr Konsumenten bei der Frage „Niedriger Preis oder gutes Gewissen?“ für das teurere, aber nachhaltigere Produkt. Vor allem aber sind die meisten Mittelständler auch Lieferanten von Konzernen, die ganz neue Anforderungen haben. Und spätestens hier fallen die drei Buchstaben ESG, die die ganze Diskussion beherrschen. „ESG“ steht für „Environment, Social, Governance“ (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). „Mittelständler müssen sich ab sofort mit ihrer ESG-Performance auseinandersetzen, weil sie Kunden von den großen Unternehmen sind, die über ihre Lieferkette berichten müssen“, sagt Nadja Picard vom Beratungshaus PwC Deutschland. Das bedeutet: Jedes Unternehmen, das wenig CO2 verbraucht, hat einen Wettbewerbsvorteil. Und jedes Unternehmen, bei dem soziale oder Governance-Aspekte nicht stimmen, hat ein Problem.

Wie genau die Märkte den Unternehmen auf die Finger schauen, zeigt die Geschichte des Elektroautobauers Tesla: Ironischerweise flog ausgerechnet der Elektropionier aus dem S&P-Nachhaltigkeitsindex. Rassismusvorwürfe, Klagen über schlechte Arbeitsbedingungen und Rückständigkeit bei Diversität sorgten dafür. Die Anekdote belegt die Komplexität von ESG. Es geht eben um weit mehr als um Umweltthemen. Wird fair bezahlt und alles für den Arbeitsschutz der Mitarbeiter getan? Funktioniert das Risikomanagement? Wie sind die Aufsichtsstrukturen? Wird Korruption hinreichend verhindert und genug für Diversität getan?

Die Zeiten, in denen Nachhaltigkeits- und Unternehmensstrategie getrennt waren, sind vorbei. Die ESG-Themen sollten laut Fachleuten wie Sebastian Pacher von der Personal- und Managementberatung Kienbaum stets in Zusammenhang gebracht werden mit dem operativen Geschäft: „Es ist wichtig, dass bei ESG immer auch die ökonomische Performance-Sicht einkalkuliert wird. Nachhaltiger Erfolg heißt ja auch, dass Unternehmen langfristig erfolgreich sind. Ohne wirtschaftlichen Erfolg ist Nachhaltigkeit nichts wert.“

 

Keine Geheimniskrämerei

Neben all den Herausforderungen im Hinblick auf Technologie, Personal und Wissen gilt die fundamentale Kulturveränderung als größte Hürde für Mittelständler. „Hidden Champions“ ist ein geflügelter Begriff, der sinnbildlich für das Verhalten von vielen steht:  Nicht öffentlich auftreten, im Verborgenen arbeiten und die Früchte still genießen. Das Ganze nach dem Motto: Es reicht, wenn die Kunden mich kennen. Und auch die müssen von den Abläufen in der Firma nicht mehr wissen, als unbedingt nötig ist.

„Es gibt sicherlich noch einige Unternehmen, bei denen die aktuelle Interpretation und der Druck auf das Thema der Nachhaltigkeitsberichterstattung noch nicht so richtig in den Köpfen der vielleicht leitenden Familienmitglieder angekommen ist“, sagt Picard von PwC Deutschland. Dort herrsche immer noch der Glaube, dass Nachhaltigkeit darin bestehe, hier und da eine Maßnahme für Corporate Social Responsibility (CSR) anzustrengen. „Der Gedanke, dass das ureigenste Geschäftsmodell des Unternehmens in eine Nachhaltigkeitstransformation getrieben werden soll, ist häufig so noch nicht verankert.“

Wie es wirklich zugeht, zeigt eine Bestandsaufnahme. Viele Firmenhomepages kreieren einen Bereich über Nachhaltigkeit – mit Versprechungen, über die Wissenschaftler nur die Nase rümpfen: Net-Zero bis 2030 zum Beispiel. Was das auch immer heißen mag, definiert ist es nicht. Da werden Begriffe wie „CO2-neutral“ und „klimaneutral“ synonym verwendet, als wäre es dasselbe – was allein schon Glaubwürdigkeit verbrennt wie ein Dieselmotor das Öl. Nur bei den wenigsten finden sich konkrete Maßnahmen oder Zwischenziele mit Zahlen.

Es gibt Vorreiter, die mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den schmerzhaften Weg gehen. „Keine Flüge mehr unter 400 Kilometern“, ist beispielsweise eine Ansage, die sie treffen können. Und: Taxiverbote. Oder: Die Dienstwagenflotte auf Elektro umstellen. Das sind typische Maßnahmen, über die Firmen gerade mit ihren Belegschaften diskutieren – und sie sind keine Selbstläufer. Betriebsräte stecken dabei oft in der Klemme: Sie müssen Sparmaßnahmen auf Kosten der Mitarbeiter von dem unterscheiden, was ökologisch sinnvolle Anreizsysteme sein können.

Schon das vergleichsweise einfache Thema Dienstreisen zeigt, wie kompliziert und vielschichtig es für Betriebe ist, sich nachhaltiger zu verhalten. Auf der einen Seite fordert das ein Teil der Belegschaft. Andere aber verlassen das Unternehmen, wenn sie von München nach Berlin mit dem Zug fahren müssen und ihr drei Tonnen schwerer Hybrid-SUV aus der Dienstwagenflotte fliegt.

Für den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit braucht es zunächst einmal sehr viel Wissen und die richtigen Leute. Es hat sich eine Industrie rund um das Thema Nachhaltigkeit gebildet, bestehend aus Beratungen, Softwarelieferanten, Start-ups und Wirtschaftsprüfern, die Berichte am Ende testieren. Die ESG-Berichterstattung findet mehr und mehr ihren festen Platz in den Bilanzen. Aber anders als in der Welt der Euro- und Dollarzahlen geht es bei Nachhaltigkeit nicht nur um Fakten, sondern auch um Ankündigungen, Vorhaben, Umbaumaßnehmen – quasi um ein Zukunftsversprechen.

„Firmen müssen mit Daten und in Gesprächen glaubhaft vermitteln, dass sie schon Entwicklungen und Erfolge vorweisen können“, sagt Sebastian Theopold, Partner der auf den Mittelstand spezialisierten Beratung Munich Strategy und dort zuständig für Nachhaltigkeit. „Die Darstellung von ökologischen Facetten, wie zum Beispiel der CO2-Bilanz, ist im Vergleich noch das Einfachste. Richtig schwierig ist für Unternehmen, all die Aspekte rund um ‚Social‘ greifbar zu machen.“ Da gehe es eben nicht mehr darum, Erzählungen über Regenbogenprojekte zu liefern, wie das früher bei CSR-Maßnahmen der Fall war. Es geht um alle sozialen Aspekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

 

Das große Versprechen

„Ich sage immer: Setzt euch gar nicht zu hehre Ziele, sondern erreichbare. Der erste ESG-Report ist nicht der beste, aber immer ein Start“, erklärt Theopold. Und fasst den Handlungsdruck in einem Satz zusammen: „Wir befinden uns in einem Zeitalter der Transparenz.“ Die Öffentlichkeit, also Verbraucher, Lieferanten oder Kapitalgeber, ­wollten von Unternehmen nicht nur Taten, sondern eine belastbare Dokumentation der ESG-Ziele und -Kriterien. „Dazu kann auch zählen, über die Dinge zu berichten, die möglicherweise noch nicht hundertprozentig perfekt sind. Das erwarten die Stakeholder auch noch nicht.“ Aber sie würden verlangen, dass Unternehmen glaubwürdig das ESG-Engagement bilanzieren und sich für die Zukunft realistische und anspruchsvolle Ziele setzen.

Das Argument, dass viele internationale Konkurrenten der exportierenden Mittelständler keine ESG-Maßnahmen ergreifen müssen, bewertet Theopold so: „Dass Wettbewerber in einigen Regionen der Welt keine so strengen Regeln einhalten müssen, kann kurzfristig ein Wettbewerbsnachteil für uns sein, langfristig rechne ich aber nicht damit. Das europäische Regelwerk wird vor allem für den Kapitalmarkt bindend sein, aber auch das Kundenverhalten beeinflussen.“

Es lässt sich also voraussagen: Vielleicht kommt das neue Lego eines Tages aus China. Aber sicher nicht, wenn die Klötzchen aus Erdöl produziert werden. 

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